Touristen nehmen an einer Schlauchboottour in Kolumbien teil. | ARD-Studio Rio de Janeiro
Reportage

5 Jahre Frieden in Kolumbien Rudern mit den Ex-Rebellen

Stand: 30.11.2021 14:18 Uhr

Kolumbiens unwegsame Flüsse waren Kriegsgebiet. Nun laden dort Ex-Guerilleros Touristen zu Rafting-Bootstouren ein. Eine Erfolgsgeschichte nach fünf Jahren Friedensprozess, die zugleich seine größten Schwierigkeiten zeigt.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro, zzt. San Vicente del Caguán

Das Schlauchboot schießt durch Stromschnellen, wird hin- und hergeworfen von den braunen Wassermassen des Rio Pato, der sich schäumend aufbäumt und dann wieder leise gurgelnd durch dichten Urwald und wildromantische Schluchten fließt. Nur vereinzelt fallen Lichtstrahlen durch das üppige Grün von Farnen und Schlingpflanzen, das sich an die steilen, moosbewachsenen Felswände klammert. Wassertropfen fallen wie in Zeitlupe hinab.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Dann, plötzlich, zieht die Strömung wieder an: "Rechts vorwärts! Links gegenrudern", ruft Rafting-Guide Hermides Montiel gegen das Rauschen und stemmt sein Ruder in die Wellen. Er kennt hier jeden Felsbrocken, jede Untiefe - schließlich hat er den Fluss sein Leben lang befahren. Früher mit dem Gewehr, Kompass und selbst gebauten Flößen, heute mit Ruder, Plastikhelm und Schlauchboot. "Das hier war früher eine Rote Zone", sagt der 46-Jährige, "mit viel Gefechten, viel Gewalt". Er ist selbst Teil dieser Geschichte.

Ex-Guerillero Hermides Montiel | ARD-Studio Rio de Janeiro

Hermides Montiel war früher Farc-Kämpfer. Heute bietet er Bootstouren an. Bild: ARD-Studio Rio de Janeiro

Hunderttausende Tote, Millionen Vertriebene

Montiel kämpfte bei der Farc-Guerilla. Der Rio Pato war ihr Kerngebiet - so wie die gesamte Region rund um die Stadt San Vicente del Caguán im Südosten Kolumbiens, dort, wo die Anden auf den Amazonas treffen. Bis zum Friedensprozess vor fünf Jahren, als rund 6500 Guerilleros die Waffen abgaben. Ihre Wiedereingliederung in ein ziviles Leben ist eines der wichtigsten Ziele des historischen Abkommens zwischen Kolumbiens Regierung und der ältesten Guerillagruppe Lateinamerikas. Montiel gehörte der Elite-Einheit "Teofilo Forero" an. Nun bringt er Touristen durch Stromschnellen.

"Der Fluss bedeutete früher immer Gefahr", sagt Ana Palma. Sie ist 24 und aufgewachsen den 1990er und 2000er Jahren - der Hochphase des bewaffneten Konfliktes, in dem nicht nur der Staat und die Guerilla, sondern auch rechtsgerichtete Paramilitärs und die organisierte Drogenkriminalität kämpften. Mindestens 220.000 Menschen starben, andere Zahlen sprechen von mehr als 370.000. Millionen Menschen wurden zu Vertriebenen im eigenen Land.

Der Friedensprozess habe ihrer Generation ermöglicht, Regionen und Menschen kennenzulernen, zu denen es vorher keinen Zugang gab, sagt Palma. Doch ihre Familie könne nicht verstehen, warum sie zur Rafting-Tour nach Caguán gefahren sei: "Für die sind die Ex-Kämpfer weiter Terroristen und Mörder."

"Niemand wird als Guerillero geboren"

Ist Versöhnung möglich in einem Land, das mehr als ein halbes Jahrhundert Bürgerkrieg hinter sich hat? "Wir bekommen so schnell keinen zweiten Versuch", glaubt Palma. Sie möchte, dass ihre Kinder in einem anderen Land aufwachsen können als sie selbst.

"Man wird nicht als Guerillero geboren. Jeder von uns hat eine Geschichte", sagt Montiel. Als Schüler hatte er sich bei der Unión Patriotica engagiert, einer sozialistischen Partei, die 1985 aus dem politischen Arm der Farc und der Kommunistischen Partei hervorging. Innerhalb von drei Jahren wurden rund 3000 Mitglieder der Partei ermordet. "Ich hatte drei Möglichkeiten: Exil, Tod oder Guerilla", sagt er.

Mit 13 schloss er sich der bewaffneten Farc an, wie fünf weitere seiner 13 Geschwister. Ob er später selbst getötet hat? "Nie direkt, vielleicht in Gefechten", sagt der Ex-Guerillero. Doch in diesem Krieg seien viele getötet worden, die nichts mit ihm zu tun gehabt hätten. "Heute rudern wir für den Frieden."

Ex-Guerillero Hermides Montiel | ARD-Studio Rio de Janeiro

Hermides Montiel sagt, er wolle nicht in sein altes Leben zurück. Dennoch macht er sich Sorgen. Bild: ARD-Studio Rio de Janeiro

Eine einzige Erfolgsgeschichte?

Caguán Expeditions nennt sich die 2017 gegründete Initiative, mit der er jetzt unterwegs ist. 2019 nahmen die Ex-Kämpfer an der Rafting-Weltmeisterschaft in Australien teil. Das Medienecho war groß, internationale Agenturen wurden aufmerksam. Und trotzdem ist die Rafting-Initiative nicht nur eine Erfolgsgeschichte: Sie steht gleichzeitig beispielhaft für eines der größten Versagen des Friedensprozesses.

"Wir fühlen uns unsicher wegen all der Dinge, die passiert sind", sagt Montiel später unter dem Vordach seines einfachen Hauses im ETCR Miravalle - einem Territorium für Ausbildung und Wiedereingliederung für die Ex-Guerilleros. Miravalle liegt auf einer Anhöhe, mit spektakulären Blick über bewaldete Hügel, und wird streng bewacht von Militär und Polizei. Mehr als 280 ehemalige Farc-Kämpfer wurden seit Unterzeichnung des Friedensabkommens 2016 bereits umgebracht. Das sind Zahlen der Vereinten Nationen. "Man fragt sich: Wann trifft es mich?", sagt Montiel.

Ein Motorradfahrer fährt im ETCR Miravalle an Gebäuden vorbei. | ARD-Studio Rio de Janeiro

Im ETCR Miravalle leben frühere Farc-Kämpfer. Einige von ihnen haben sich wieder Kampfgruppen angeschlossen. Bild: ARD-Studio Rio de Janeiro

Gewalt nimmt wieder zu

Einige Ex-Guerilleros sind erneut untergetaucht und haben ihrerseits mit dem Friedensvertrag gebrochen. Darunter Montiels einstiger Comandante und Mitbegründer des Rafting-Projektes, alias "El Paisa". Er soll, gemeinsam mit andren einflussreichen Köpfen der einstigen Farc, in einer neuen Guerilla im Grenzgebiet mit Venezuela aktiv sein.

Die Gewalt nimmt wieder zu, beobachtet Andres Cardona. Der Fotojournalist stammt aus Caguán und dokumentiert den Konflikt seit Jahren: "Als die Farc abzog, blieb in vielen Regionen ein Machtvakuum, das der Staat nie gefüllt hat." Andere bewaffnete Gruppen kamen.

Heute gibt es neue Konflikte: Es geht um die Kontrolle von Regionen, die strategisch wichtig sind - für Bergbau und Rinderzucht, als Anbaugebiete für Coca oder für Drogen- und Waffenschmuggel. Auch die Gewalt gegen Umweltschützer und soziale Aktivisten ist besorgniserregend. "Dabei ist die Lage sehr unübersichtlich, auch für uns Journalisten", sagt Cardona. "Denn wir wissen nicht mehr, wer wo die Regeln macht."

Wandbilder früherer Farc-Größen im ETCR Miravalle | ARD-Studio Rio de Janeiro

Wandbilder früherer Farc-Größen im ETCR Miravalle. Bild: ARD-Studio Rio de Janeiro

"Verpflichtung mit dem Frieden eingegangen"

Die Angst wächst, dass sich die Geschichte wiederholt. Denn schon einmal war San Vicente del Caguán Schauplatz eines Friedensprozesses: Ende der 1990er Jahre schuf die Regierung dazu eine entmilitarisierte Zone, die Farc übernahm die Kontrolle über ein 42.000 Quadratmeter großes Areal. Am Ende blieb ein Foto: Präsident Andrés Pastrana neben einem leeren Stuhl. Farc-Chef Manulanda Vélez alias "Tirofijo" war nicht erschienen.

Wer hier wen verraten hat, darüber gibt es bis heute unterschiedliche Ansichten. In Miravalle steht eine große Betonstatue von "Tirofijo", sein Gesicht prangt als Wandportrait an den Mauern der Häuschen. Vertrauen in den Staat habe er nie gehabt, sagt Hermides Montiel, aber in sein altes Leben will er auch nicht zurück "Wo sollen wir denn hin?"

Montiel zeigt das kleine Reich, das ihm und seiner Frau gehört: ein Tisch, ein Kühlschrank, eine Waschmaschine. "Ich bin eine Verpflichtung eingegangen, mit dem Frieden", sagt der Ex-Guerillero. "Meine Waffe habe ich gegen ein Ruder getauscht. Das bleibt auch so. Bisher jedenfalls."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 30. November 2021 um 14:50 Uhr.