Kanadas Premier Trudeau gibt seine Stimme ab | AP

Trudeaus Liberale in Kanada Wahl gewonnen, Ziel verfehlt

Stand: 21.09.2021 14:49 Uhr

Um in Kanada mit absoluter Mehrheit regieren zu können, hatte Premier Trudeau Neuwahlen ausgerufen - mitten in der Pandemie. Vorläufigen Wahlergebnissen zufolge liegen seine Liberalen zwar vorne, ihr Ziel haben sie jedoch verpasst.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Ein langer Wahltag, ein zähes Rennen: Doch bereits Minuten nach Schließung der letzten Wahllokale an der kanadischen Westküste wagte der öffentlich-rechtliche Sender CBC die Prognose: "Kanadas Premierminister heißt auch weiterhin Justin Trudeau."

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Das verkündete auch Eric Sorensen, Politikbeobachter des Senders Global News - und fügte hinzu: "Die Liberalen führen. Keine Ahnung, was das für die Regierung heißt." Trudeau hat die Wahl gewonnen, doch zum Gamechanger reicht das vorläufige Wahlergebnis nicht.

Es wird noch einige Zeit dauern, bis klar ist, ob der Premier weiter einer Minderheitsregierung vorstehen wird oder ob er tatsächlich die angestrebte absolute Mehrheit der Sitze erringen konnte. Dafür bräuchte seine Liberale Partei 170 der insgesamt 338 Sitze. Davon blieb sie zunächst noch entfernt. Die Liberalen gewannen einen Sitz und lagen in 158 Wahlkreisen vorn, die Konservativen behielten 119 Sitze.

Mehrheit der Kanadier hält die Wahl für unnötig

Dabei klang der Premier noch optimistisch, als er am Morgen mit seiner Familie die Stimme abgab. Dies sei ein guter Tag zum Wählen, das sollte heute jeder tun, sagte er.

Und die Kanadier folgten seinem Aufruf - auch wenn mehr als zwei Drittel diese vorgezogene Abstimmung inmitten der Corona-Pandemie für unsinnig hielten. Noch lange nach der offiziellen Schließung der Wahllokale in Toronto standen sie Schlange in der Dunkelheit, mit der Versicherung: Jeder, der will, darf auch nach Lokalschluss seine Stimme noch abgeben.

In der Provinz Ontario mit der Metropole Toronto und in der bevölkerten Provinz Quebec entscheiden sich die Wahlen. So viele Kanadier wie nie hatten auch Gebrauch von der Möglichkeit gemacht, ihre Stimme vorab zu geben - und trotz schwindender Beliebtheitswerte offensichtlich doch wieder für Trudeau, sagte Gerald Butts vom Sender CBC. Der Premier habe ein neues Mandat bekommen, "ganz gleich unter welchen Umständen. Und das heißt: Weitere vier Jahre - es sei denn, die Regierung muss aus irgendeinem Grund zurücktreten."

Seit einiger Zeit wächst die Kritik an Trudeau

Aus einem Poker war für Trudeau eine Zitterpartie geworden. Der einst als Popstar gefeierte Politiker regiert Kanada seit 2015, in den letzten zwei Jahren allerdings mit einer Minderheitsregierung. Als er Mitte August Neuwahlen ausrief - angeblich, um ein klares Mandat für seine Corona-Politik zu bekommen - standen die Zeichen günstig für ihn. Die meisten Kanadier waren zufrieden darüber, wie er sie durch die Corona-Krise geführt hatte. Doch dann wuchs die Kritik. Der Vorsprung vor seinem Rivalen Erin O’Toole schmolz. Der moderate Konservative warf dem 49-Jährigen vor, die Wahlen aus Eigennutz angesetzt zu haben.

Ändert sich wenig am Ergebnis, dann bleibe für Trudeau nur gute Miene zum verlorenen Spiel, sagte Politikexperte Butt: "Das ist die Gelegenheit für alle Parteien zu sagen: Wir haben den Auftrag zusammen zu regieren und müssen jetzt das Beste für die nächsten vier Jahre daraus machen."

Für die Kanadier ist dabei wichtig,  wie die nächste Regierung die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise überwinden will und ihre steigenden Lebenshaltungskosten in den Griff bekommt. Dabei sitzt der Staat auf einem wachsenden Schuldenberg: Im Kampf gegen die Pandemie häuften die Liberalen Schulden in Höhe von umgerechnet 672 Milliarden Euro an. Das Haushaltsdefizit ist auf einem Niveau wie zuletzt im Zweiten Weltkrieg.