Jonathan Perreiras "Favela Xpress" hat nicht nur ihm und den Versandfirmen Vorteile gebracht. | Projekt G10 Favelas

Brasilien Der Favela-Paketdienst

Stand: 04.06.2022 14:54 Uhr

Weil in Brasiliens Favelas Paketlieferungen selten ankommen, nahmen Einwohner von Paraisópolis die Zustellung selbst in die Hand: Vom "Favela Xpress"-Lieferdienst profitieren nicht nur die Firmen.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Jeden Morgen um neun wuchtet Jonathan Perreira dutzende Pakete in den quadratischen Aufsatz seines roten Dreirads und beginnt seine Tour als Paketlieferant durch die engen Gassen von Paraisópolis. Paradiesisch, wie es der Name suggeriert, ist hier allerdings auf den ersten Blick kaum etwas: In Paraisópolis stapelt sich oft der Müll. Es stinkt mancherorts nach Kloake, weil die Abwasser-Infrastruktur in der Favela nicht für die Anzahl von mittlerweile mehr als 100.000 Einwohnern ausgelegt ist. Jeder hier weiß, dass es Drogengangs sind - und nicht die Polizei - die das Viertel de facto beherrschen.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Dennoch setzt Perreira große Hoffnungen in sein Viertel. Das hat mit seinem neuen Job als Paketzusteller zu tun. Erst seit einem Jahr steuert er täglich das knallrote Dreirad durch das Gassengewirr von Paraisópolis und stellt die Päckchen seiner Nachbarn zu. Hier kennt sich kaum jemand so gut aus wie er. Am Ende muss er meist zu Fuß bis zur richtigen Adresse laufen. Hausnummern gibt es kaum und wenn, dann folgen sie selten der üblichen Logik. 

"Niemand hat sich reingetraut"

Für Paket-Lieferanten von außerhalb der Favela war das stets ein Problem. "Niemand von denen hat sich früher hier reingetraut. Meist aus Angst", erklärt Perreira. "Außerdem musst Du Dir nur mal diese verwinkelten Gassen anschauen - da findet sich kaum jemand zurecht." Deshalb gründeten die Einwohner den Zustelldienst "Favela Xpress" - mitten in der Pandemie.

Denn damals, als viele Menschen im Lockdown waren, explodierte in Paraisópolis die Zahl der Bestellungen im Netz. Also schloss die Einwohnervereinigung einen Deal mit den großen Online-Händlern Brasiliens. Diese zahlen seitdem für die Zustellung in der Favela mit Lieferanten wie Jonathan - und profitieren gleichzeitig vom gestiegenen Umsatz in Paraisópolis, weil die Pakete jetzt verlässlich ankommen. Die Favela-Bewohner zahlen für den Service keinen Cent zusätzlich.

"Dass in unserem chaotischen Viertel jetzt unser eigener Lieferdienst die Pakete persönlich überbringt, ist klasse", sagt Alejandra Perreira, während Jonathan ihr eine Fritteuse überreicht - ein Geburtstagsgeschenk von ihren Kindern. Mit dem neuen Service sei die Kundenzufriedenheit gestiegen, erklärt der Leiter des Lieferdienstes "Favela Xpress", Giva Perreira, nicht ohne Stolz. "Anfangs hatten wir nur sieben Paketzusteller - heute sind es mehr als 300, die bis zu 3000 Pakete am Tag ausliefern."

Auf seinem roten Dreirad liefert Jonathan Perreira Pakete nach Paraisópolis aus. | Projekt G10 Favelas

Auf seinem roten Dreirad liefert Jonathan Perreira Pakete nach Paraisópolis aus. Bild: Projekt G10 Favelas

Firmen "Made in Paraisópolis"

Doch die Pandemie brachte vielen Einwohnern auch neue Probleme. Die Armut ist gestiegen, weil viele Einwohner ihre Jobs verloren. Deshalb sammelt die Einwohnervereinigung Spenden, um verarmten Nachbarn eine kostenlose warme Mahlzeit zu ermöglichen. Darunter ist auch Rayane Santos. Während sie Hühnchen mit Reis isst, erklärt sie, dass es nicht leicht sei, eine neue Stelle zu finden, wenn man einmal arbeitslos ist: "Ich werde fast nie zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen - einfach nur, weil ich in einer Favela lebe." Wie sie fühlen sich viele Bewohner von Paraisópolis als Menschen zweiter Klasse.

Das zu ändern, hat sich die Einwohnervereinigung zum Ziel gemacht. Neben dem Lieferdienst und der Suppenküche betreiben sie eine Bank für Mikro-Kredite. Außerdem eine Näherei, in der zuvor arbeitslose Frauen an einer schicken Mode-Kollektion schneidern - "made in Paraisópolis".

Models posieren mit Kleidung, die in Paraisópolis entworfen und gefertig wurde. | picture alliance / Fotoarena

Models posieren mit Kleidung, die in Paraisópolis entworfen und gefertig wurde. Bild: picture alliance / Fotoarena

Beispiel für Selbstverwaltung

Ein Stockwerk darüber arbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für eine neu gegründete Marketing-Agentur. Diese hilft Firmen, Produkte zielgerecht für Favela-Bewohner zu bewerben, damit sich der Absatz im Armenviertel erhöht. All das ausgedacht hat sich Gelson Rodrigues, der Leiter des Gesamtprojekts "G10 Favelas": "Wir wollen ein Beispiel für ganz Brasilien sein, wie sich Favela-Bewohner selbständig organisieren können."

Am erfolgreichsten ist der Lieferdienst, der das alte Problem der Paketzustellung ein für alle Mal gelöst hat. Übrigens mit Einverständnis der benachbarten Drogen-Gangs, die das Projekt befürworten.

Für Zusteller Jonathan Perreira hat sich vieles verändert, seit er vor einem Jahr damit begann: "Das hat mein Leben verbessert, weil ich jetzt ein festes Gehalt beziehe und damit meine Familie unterstützen kann." So wie in São Paulo soll der Lieferdienst bald schon in vielen Favelas Brasiliens funktionieren. Pilotprojekte laufen dazu bereits in 16 Bundesstaaten.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 29. Mai 2022 um 18:30 Uhr.