Der US-Seuchenexperte Dr. Fauci. | REUTERS

US-Experte Fauci "Omikron wird fast jeden finden"

Stand: 12.01.2022 03:54 Uhr

In den USA erreichen die Infektionszahlen immer neue Höhen - in einer solchen Geschwindigkeit, dass Experten nun davon ausgehen, dass sich die überwältigende Mehrheit der Menschen mit dem Virus anstecken wird.

Die extrem ansteckende Omikron-Variante des Coronavirus wird nach Ansicht des führenden US-Experten Anthony Fauci früher oder später fast alle Menschen treffen. "Mit der außergewöhnlichen und beispiellosen Effektivität der Übertragung wird Omikron letztlich fast jeden finden", sagte der Immunologe und Präsidentenberater.

Auch Geimpfte würden infiziert werden, aber die meisten von ihnen werde es nicht so schwer erwischen, sie müssten also nicht ins Krankenhaus oder würden nicht sterben, sagte Fauci im Gespräch mit dem Thinktank Zentrum für strategische und internationale Studien (CSIS).

Chefin der US-Arzneimittelbehörde mit ähnlicher Warnung

Am schlimmsten werde es jene treffen, die immer noch nicht geimpft seien, sagte Fauci. In den USA sind nur 208 Millionen Menschen, also knapp 63 Prozent der Bevölkerung, vollständig geimpft. Nur 76 Millionen Menschen haben bislang eine Auffrischungsimpfung bekommen.

Faucis Aussage kam nur Stunden nach einer ähnlichen Warnung der amtierenden Chefin der US-Arzneimittelbehörde FDA, Janet Woodcock. "Es ist schwer zu verarbeiten, was im Moment tatsächlich passiert, nämlich, dass die meisten Menschen Covid bekommen werden", sagte Woodcock bei einer Anhörung im US-Senat zu Omikron. "Wir müssen sicherstellen, dass die Krankenhäuser noch funktionieren, dass Transport- und andere unerlässliche Dienstleistungen nicht unterbrochen werden, während dies geschieht."

Die Direktorin der US-Gesundheitsbehörde CDC, Rochelle Walensky, sagte bei der Anhörung, Omikron "treibt die Fallzahlen hier in den Vereinigten Staaten und in der ganzen Welt in nie dagewesene Höhen". Im Schnitt der vergangenen sieben Tage gab es in den USA laut CDC-Daten pro Tag rund 750.000 bestätigte Neuinfektionen.

"Idiot" - Fauci beleidigt US-Senator nach hitzigem Schlagabtausch

Bei einem hitzigen Schlagabtausch mit republikanischen Abgeordneten bei der Anhörung im US-Kongress platzte Fauci der Kragen. Der Immunologe - dessen Mikrofon nach einer Befragung durch Senator Roger Marshall noch immer angeschaltet war - sagte über diesen: "Was für ein Idiot, Jesus Christus". Das benutzte Wort "Moron" kann auch mit Trottel, Depp oder Schwachkopf übersetzt werden.

Grund war die offen feindselige Befragung durch Marshall, der vom 81-Jährigen Fauci als "bestbezahltem Regierungsmitarbeiter" wissen wollte, ob dieser seine Finanzen und Investitionen offenlegen werde. Fauci antwortete daraufhin, dass er dies schon seit mehr als 30 Jahren tue: "Sie sind sowas von falsch informiert. Es ist außergewöhnlich."

Konservative Abgeordnete hatten Fauci in den letzten Monaten immer wieder angegriffen. Er ist in weiten Teilen der US-Gesellschaft angesehen. Für viele Corona-Skeptiker, Impf- und Masken-Gegner vom rechten Rand dagegen ist er zu einem Feindbild geworden.

Fauci kritisiert auch Senator aus Kentucky

Neben der Diskussion mit Senator Marshall fand Fauci auch deutliche Worte für Senator Rand Paul, der zu den größten Kritikern des Experten zählt. Fauci brachte die Angriffe des Volksvertreters aus Kentucky in Zusammenhang mit der Festnahme eines Mannes, der mit einem Gewehr bewaffnet aus Kalifornien nach Washington fahren wollte und aussagte, er habe Fauci umbringen wollen.

Der Doktor sagte zum Kongress-Ausschuss: "Was passiert, wenn er (Rand Paul) rauskommt und mir Dinge vorwirft, die völlig unwahr sind, ist, dass das plötzlich die Verrückten da draußen auf den Plan ruft und mein Leben bedroht wird, meine Familie und meine Kinder mit obszönen Telefonen belästigt werden - weil Leute Lügen über mich verbreiten."

Omikron in USA und Großbritannien möglicherweise bald auf dem Rückzug

Wissenschaftler sehen derweil erste Hinweise darauf, dass die Welle der Infektionen mit der Omikron-Variante des Coronavirus in den USA ihren Höhepunkt bald überschritten haben könnte. Anschließend könnten die Fallzahlen drastisch sinken. Der Grund: Die Variante erwies sich nur eineinhalb Monate nach ihrer Entdeckung in Südafrika als so hochansteckend, dass möglicherweise kaum mehr Menschen für eine Infektion in Frage kommen.

"Sie wird so schnell zurückgehen wie sie hochgeschossen ist", sagt Ali Mokdad, ein Professor für Gesundheitsmetrik an der Universität von Washington in Seattle. Zugleich schränken Experten ein, dass über die Entwicklung der nächsten Phase der Pandemie noch vieles unbekannt sei. Das Erreichen des Plateaus oder das Abebben der Welle in den beiden Ländern geschehe nicht überall gleichzeitig oder in derselben Geschwindigkeit. Zudem würden sich weiterhin viele Menschen mit dem Virus anstecken, auch wenn ihre Zahl zurückgehe, sagt Lauren Ancel Meyers, Direktorin eines Covid-19-Modellierungskonsortiums der Universität von Texas, das den Höhepunkt der Welle in den USA für diese Woche prognostiziert.

Die Modelle der Universität von Washington sehen den Höhepunkt der Infektionszahlen mit 1,2 Millionen bis zum 19. Januar erreicht. Anschließend würden die Zahlen drastisch sinken, "einfach weil jeder, der infiziert werden könnte, infiziert sein wird", sagte Mokdad.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Januar 2022 um 12:00 Uhr.