Frances Haugen spricht während eines Interviews. | REUTERS

Whistleblowerin Haugen "Facebook ist gefährlich für unsere Kinder"

Stand: 08.11.2021 07:43 Uhr

Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin und Whistleblowerin Haugen tritt heute vor einem Ausschuss des Europaparlaments auf. Im Silicon Valley genießt sie Rückendeckung - und profitiert von speziellen Strukturen.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

"Ich heiße Frances Haugen. Ich habe bei Facebook gearbeitet, weil ich anfangs dachte, das Unternehmen bringt das Beste in uns hervor. Heute sitze ich vor Ihnen, weil ich überzeugt bin, dass Facebook gefährlich ist für unsere Kinder. Es sät Zwietracht und schwächt unsere Demokratie."

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Als Frances Haugen am 5. Oktober vor dem US-Kongress aussagt, ist das der vorläufige Höhepunkt einer fast minutiös geplanten Veröffentlichungs-Kampagne. Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin hat vor allem ein Ziel: Mit ihren Dokumenten aus der Firmenzentrale des Social-Media-Konzerns will sie die Öffentlichkeit wach rütteln.

Auf keinen Fall soll ihr widerfahren, was einer anderen Whistleblowerin, der ehemaligen Facebook-Informatikerin Sophie Zhang passiert ist. Diese hatte eine Website aufgesetzt und veröffentlicht, weshalb Facebook ihrer Meinung nach beim Thema Hassrede und Falschinformationen versagt. Zhang erzählte kürzlich im TV-Sender CNN: "Facebook hat erst meinen Web-Server abschalten lassen, dann haben sie sogar meinen Domain-Namen gesperrt."

Haugen sicherte sich rechtlich ab

Als sich Haugen im Frühjahr dazu entschließt, Auszüge ihrer Firmen-Dokumente zuerst Jeff Horwitz, einem Tech-Journalisten des "Wall Street Journals" im Silicon Valley zu überlassen, beginnt sie sich gleichzeitig juristisch abzusichern.

Larry Lassig, bekannter Verfassungsrechtler und Professor in Harvard, ist ihre erste Anlaufstelle. Er vermittelt sie an die PR-Agentur von Bill Burton, einem ehemaligen Sprecher von Barack Obama. Der arbeitet auch für die Aktivistin-Organisation "Center for Humane Technology" in San Francisco. Die gemeinnützige Organisation setzt sich für eine Reform der Tech-Konzerne ein.

Juristischen Beistand bekommt Haugen von "Whistleblower Aid", ebenfalls ein gemeinnütziges Unternehmen. Beide werden finanziell unter anderem von Pierre Omidyar unterstützt. Der Milliardär hat den Online-Marktplatz Ebay gegründet.

Omidyar ist es auch, der mit seiner gemeinnützigen Firma Luminate Haugens derzeitige Tour in Europa organisiert hat. Im Silicon Valley hat sich mittlerweile ein festes Netzwerk zum Schutz von Hinweisgebern aus der Tech-Industrie etabliert, das vor allem mit dem Geld der Tech-Millionäre unterstützt wird, denen die Machtfülle von Facebook, Google und Amazon zu weit geht.

Viel Lob für Haugens Enthüllungen

Bislang habe Haugen in der US-Öffentlichkeit alles richtig gemacht und viele Sympathien erworben, meint unter anderem auch Cecilia Kang. Sie ist Journalistin bei der "New York Times" und berichtet über das Spannungsverhältnis zwischen Politik und Tech-Unternehmen aus der US-Hauptstadt Washington. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Sheera Frankel hat sie ein Buch über Facebook unter dem Titel "The Ugly Truth - Die schmutzige Wahrheit" geschrieben. Sie zollt der 37-jährigen Haugen Respekt:

Sie hat einen ungeschminkten Einblick in Arbeitsweise von Facebook gegeben. So etwas haben Kongress und Öffentlichkeit in dieser Klarheit noch nie zuvor gehört. Außerdem konnte sie ihre Aussage mit zehntausenden internen Unterlagen untermauern.

Lob gibt es auch von Roger McNamee, einem Facebook-Investor der ersten Stunde und früheren Berater von Mark Zuckerberg. Heute ist er einer der größten Gegner des Konzerns. Hinweisgeberin Haugen habe die Offenlegung ihrer Facebook-Dokumente wie einen perfekten Produkt-Launch im Silicon Valley inszeniert, erzählt McNamee vor wenigen Tagen begeistert beim Websummit in Lissabon.

"Mit den Artikeln im 'Wall Street Journal', in denen ihr Name noch nicht auftauchte, hat sie erst Spannung erzeugt", so Tech-Investor McNamee. "Dann ihr Interview im TV-Sender CBS und schließlich ihre Aussage vor dem Senatsausschuss. Sie hat eine tiefgreifende Diskussion angestoßen." McNamee glaubt allerdings: Facebook könne erst Einhalt geboten werden, wenn dem Management des Konzerns Gefängnisstrafen drohten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. November 2021 um 09:00 Uhr.

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Moderation 08.11.2021 • 15:14 Uhr

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