Ein Haitianer  demonstriert in Port-au-Prince am Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2020 für sein Recht auf Leben angesichts einer Zunahme von Entführungen durch Banden. | AFP

Entführungen in Haiti Welche Rolle spielt die Regierung?

Stand: 19.10.2021 08:48 Uhr

Bislang schweigt Haitis Regierung zu der Entführung von 17 Missionaren. Die Bürger werfen ihr vor, die Kidnapper sogar zu unterstützen. Die Wut im Land ist groß, die Unsicherheit allgegenwärtig.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko

Es kann an jeder Straßenkreuzung passieren, dort wo es besonders viel Verkehr gibt, die Autos im Stau stehen, nicht vor und nicht zurückkönnen. Dann haben die Entführer leichtes Spiel. Kidnappings gehören in Haiti zum bitteren Alltag. Es ist vor allem die lokale Bevölkerung, die darunter leidet - egal, ob arm oder reich.

Anne Demmer

Am vergangenen Wochenende hat es 17 US-Missionare, ihre Familienangehörigen und einen Kanadier getroffen, auch fünf Kinder waren darunter.

Treffen könne es jeden, erklärt der Direktor des Nationalen Netzwerks zur Verteidigung der Menschenrechte in Port-au-Prince, Pierre Espérance. "Die Gang '400 Mawozo' hat bereits im April zehn katholische Priester gekidnapped. Die Entführungen haben in diesem Jahr um 300 Prozent zugenommen und die Sicherheit für die Menschen ist nicht gewährleistet", so Espérance. "Sie können gar kein normales Leben mehr führen, weil die Gangs zu viel Macht haben."

Im ersten Halbjahr dieses Jahres hat die Menschenrechtsorganisation Center for Analysis and Research in Human Rights (CARDH) mit Sitz in Port-au-Prince 628 Entführungen gezählt, darunter sind auch 29 Ausländer, die gekidnappt wurden. Viele Entführungen gehen auf das Konto der Gang "400 Mawozo", wie auch in diesem Fall die Ermittler vermuten.

Regierung wird Unterstützung der Gangs vorgeworfen

Laut haitianischen Sicherheitskreisen hat die Gang in den vergangenen Monaten bereits mehrere Entführungen und Überfälle in der Region zwischen Port-au-Prince und der Grenze zur Dominikanischen Republik begangen. Dabei soll sie jeweils hohe Lösegelder gefordert haben. Sie wird laut Beobachtern wegen ihres gewaltsamen Vorgehens gefürchtet. Sie kidnappen ganze Gruppen, komplette Busse. Die Mitglieder würden Frauen vergewaltigen, Konkurrenten ermorden, um ihre Vormachtstellung auf der Straße zu behaupten.

All das sei möglich, weil die Regierung die Gang unterstützen würde, sagt Menschenrechtler Espérance. "Die Regierung teilt die Macht mit der Gang. Deswegen konnten sie überhaupt so mächtig werden. Sie operieren im ganzen Land und Regierung macht nichts, um die Sicherheit im Land zu gewährleisten." Es gebe konkret Mitglieder in der Regierung, die die Gang "400 Mawozo" unterstützen würden.

Ein Vorwurf, der in diesen Tagen auch in den sozialen Netzwerken zu lesen ist - die Regierung unterstütze kriminelle Banden. Die Reaktion des Büros des Premierministers Ariel Henry kam prompt: Die Regierung dementiere in aller Form diese falschen Behauptungen. Die Anschuldigungen dienten lediglich dazu, das Image des Premierministers, seiner Regierung und des Staates zu beschädigen, hieß es.

Korruption innerhalb der Polizei

Eine enge Verbindung zwischen der Regierung und weiteren kriminellen Gangs hatte auch ein Bericht der Harvard-Universität ergeben, der vor wenigen Monaten veröffentlicht wurde. Der Report dokumentiert drei Massaker, die zwischen 2018 und 2020 von Gangs begangen wurden. Laut den Wissenschaftlern gibt es Hinweise, dass die Polizei mit Unterstützung hochrangiger Regierungsbeamter an den Massakern beteiligt war.

Ein großes Problem sei die Korruption innerhalb der Polizei, genauso wie die Straflosigkeit, sagt Espérance. Immer wieder würden Sicherheitskräfte die Seiten wechseln. "Die Polizei wird immer schwächer. Es gibt gar keine normalen Ermittlungen mehr" Es werde niemand verhaftet - "niemand, der einer Gang angehört, in eine Entführung oder in einem Mord verwickelt ist, muss Konsequenzen befürchten". Die Polizeibeamten liefen selbst Gefahr, umgebracht zu werden - oder sie landeten im Gefängnis.

Seit im Juli Präsident Jovenel Moise ermordet wurde, spitzt sich die Situation nur noch weiter zu. Die Hintergründe sind längst nicht geklärt. Die US-Regierung hatte zuletzt im August eine Reisewarnung der Kategorie vier für Haiti herausgegeben - wegen den Entführungen, der Kriminalität und den Unruhen. Doch das Land scheint der amerikanischen Regierung sicher genug für haitianische Migranten zu sein, die in den USA Asyl beantragen wollten. Mehr als 10.000 von ihnen wurden in den letzten Wochen zurück in ihre Heimat abgeschoben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Oktober 2021 um 05:54 Uhr.