Ein Sarg mit einem Opfer der Pandemie wird in Santiago über die Straße geschoben | REUTERS

Trotz Impf-Erfolgen Chile rätselt über neue Corona-Welle

Stand: 21.04.2021 06:37 Uhr

Chiles Impfbilanz kann sich sehen lassen. Doch zugleich sind die Infektionszahlen wieder massiv gestiegen. Nun rätselt Chile: Lag es an den Impfstoffen - oder an der eigenen Sorglosigkeit?

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Südamerika

Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung sind zumindest einmal geimpft, mehr als 28 Prozent haben vollen Impfschutz mit zwei Injektionen. Damit hat Chile sich in Rekordzeit zu einem der Impf-Champions weltweit gemausert. Nur zweieinhalb Monate brauchte das Land am Pazifik, um selbst die USA hinter sich zu lassen, in der EU liegt die Impfquote nicht einmal halb so hoch.

Ivo Marusczyk ARD-Studio Buenos Aires

Doch abgesehen von den Impf-Fortschritten bleiben gute Nachrichten aus. Seit Anfang März ist die Zahl neuer Covid-Patienten sogar noch deutlich angestiegen. Erst in den vergangenen Tagen stabilisiert sie sich oder geht leicht zurück, aber auf hohem Niveau: Täglich werden derzeit mehr als 7000 neue Corona-Fälle entdeckt, die meisten davon leiden auch unter Symptomen der Atemwegserkrankung.

Chile hat rund 19 Millionen Einwohner, das heißt: Die Inzidenz liegt derzeit ähnlich hoch wie in Frankreich. Und die Intensivstationen sind praktisch vollständig ausgelastet: Am Montag waren von 4373 Intensivbetten im ganzen Land nur noch 198 verfügbar, also 4,5 Prozent.

Zurück in den Lockdown

Die Regierung hat mit einschneidenden Maßnahmen reagiert. Die Grenzen Chiles sind seit Anfang April geschlossen, die Flüge ins Ausland gekappt, auch Chilenen dürfen weder ein- noch ausreisen. Große Teile des Landes sind in einem strengen Lockdown. Und das bedeutet wesentlich strengere Regeln als in Deutschland.

In Gemeinden mit hoher Inzidenz dürfen die Menschen ihre Wohnungen nur zweimal pro Woche verlassen, am Wochenende ist nicht einmal der Gang zum Supermarkt erlaubt. Die mit großer Spannung erwartete Wahl zur verfassungsgebenden Versammlung wurde auf Mitte Mai verschoben.

Suche nach Gründen

Trotz der rasanten Impfung rollt also die zweite Corona-Welle über das Land hinweg. Dabei hatte Chile gehofft, dank der schnellen Immunisierung zu anderen Ländern aufschließen zu können, die längst wieder lockern. Nun rätselt das Land, warum die hohe Impfquote sich noch nicht bei den Corona-Fällen bemerkbar macht.

Dabei dürften die Ferien eine Rolle spielen. Im Januar und Februar, dem Sommer auf der Südhalbkugel, reisten viele Chilenen ans Meer oder auch ins Ausland. Von "Sorglosigkeit" sprechen viele, die den Sommer in Chile erlebt haben. Abstandsregeln wurden missachtet, Masken vielerorts weggelassen.

Geschlossene Geschäfte in Temuco (Chile) | dpa

Zurück in den Lockdown: Neue Beschränkungen schränken den Alltag der Chilen wieder ein, wie hier in Temuco Bild: dpa

Debatte um Impfstoff

Doch ein weiterer Verdacht drängt sich auf: Viele Chilenen hinterfragen die Wirksamkeit der verwendeten Impfstoffe. Denn auch wenn die Kampagne mit dem mRNA-Impfstoff von BioNTech/Pfizer begann, wird in Chile vor allem mit "CoronaVac" geimpft. Bei neun von zehn Impfungen kam dieses chinesische Vakzin zum Einsatz. Dabei handelt es sich um einen klassischen Totimpfstoff, bei dem inaktivierten Viruspartikel die Immunantwort des Körpers auslösen.

In Brasilien, wo ebenfalls mit CoronaVac geimpft wird, wird die Wirksamkeit dieses Vakzins schon länger hinterfragt und kritisiert. Laut einer Studie des angesehenen Butantan-Instituts verhinderte CoronaVac nur rund die Hälfte der Ansteckungen, erwies sich also als wesentlich weniger wirksam als die Impfstoffe, die in Europa oder den USA zugelassen sind. Und nennenswerten Schutz erreichte CoronaVac auch erst nach der Zweitimpfung - nach der ersten Injektion konnte fast gar kein Schutz gegen eine Ansteckung festgestellt werden.

Ministerium legt eigene Zahlen vor

Das chilenische Gesundheitsministerium widerspricht ebenso wie brasilianische Forscher: Auch wenn CoronaVac nicht jede Ansteckung verhindere, biete der Impfstoff sehr zuverlässigen Schutz gegen einen schweren oder gar tödlichen Verlauf der Krankheit.

Am Freitag stellte Chiles Gesundheitsminister Enrique Paris selbst eine neue Studie vor: Zwei Wochen nach der zweiten Dosis verhindere CoronaVac 85 Prozent der Krankenhaus-Einweisungen. Und vor einem schweren Verlauf mit intensivmedizinischer Behandlung schütze CoronaVac sogar zu 89 Prozent. Die Daten aus Chile sollen mit ähnlichen Untersuchungen aus Brasilien und der Türkei übereinstimmen. Es gebe also keinen Grund, die Impfkampagne zu hinterfragen oder zu verlangsamen, betonte Rafael Araos, Haupt-Autor der Studie.

Chile impft weiter, so schnell es kann - und hofft, dass die Zahlen besser werden, wenn die Zahl der Geimpften weiter steigt und die strikten Ausgangssperren Wirkung zeigen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. April 2021 um 07:12 Uhr.