Einfache Kreuze mit Nummern stehen an Gräbern auf dem Friedhof von Iraja, im Norden von Rio de Janeiro (Brasilien). | dpa

Corona in Brasilien Erstmals mehr als 3000 Tote pro Tag

Stand: 24.03.2021 07:50 Uhr

Seit Wochen steigen die Corona-Zahlen in Brasilien bedrohlich an. Nun gab es erstmals mehr als 3000 Tote innerhalb eines Tages. In einigen Bundesstaaten gibt es keine freien Krankenhausbetten mehr.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Zum ersten Mal sind in Brasilien mehr als 3000 Menschen an einem Tag nach einer Corona-Infektion gestorben. Die brasilianischen Medien kommen insgesamt auf 3158 Corona-Tote. Sie erheben eigene Zahlen, weil sie den Daten der Regierung nicht mehr trauen. Die offiziellen Zahlen der Regierung liegen mit 3251 Toten sogar noch etwas höher. Und alles deutet darauf hin, dass es kein statistischer Ausrutscher war.

Ivo Marusczyk ARD-Studio Buenos Aires

"Das Virus nimmt weiterhin in ganz Brasilien gefährlich zu", sagt Carissa Etienne, Regionaldirektorin für Amerika bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). "Die Zahl neuer Fälle und die Zahl der Toten steigt und in vielen Staaten sind sie Intensivstationen voll ausgelastet."

Patienten warten auf freie Krankenhausbetten

Seit Beginn der Pandemie sind knapp 300.000 Menschen in Brasilien an oder mit Covid-19 gestorben. Begonnen hatte die neue Pandemiewelle im Amazonasgebiet, wo P.1, die brasilianische Mutation des Virus zuerst aufgetreten war. Inzwischen sind flächendeckend alle Bundesstaaten betroffen.

Momentan schlagen vor allem Teilstaaten im Süden Alarm: Allein im Bundesstaat Paraná warten 900 Patienten auf ein freies Krankenhausbett. In sieben von 26 Bundesstaaten ist der Sauerstoff für die Krankenhäuser knapp. Und es gibt Engpässe bei Medikamenten, die für beatmete Patienten gebraucht werden.

Strände mit Zäunen abgesperrt

Inzwischen gibt es lokale Lockdowns. Aber viel zu spät, befürchtet ein Rentner aus Sao Paulo. "Als die Geschäfte schließen mussten, war es schon zu spät. Und jetzt sind wir mitten in der zweiten Welle", sagt der Mann. "Die neue Variante des Virus hat die ganze Welt unvorbereitet getroffen, weil niemand sie genau kennt. Aber unser größtes Problem ist der politische Streit, der den Kauf von Impfstoffen verzögert hat."

Die Strände bei Sao Paulo sind jetzt mit Zäunen abgesperrt, in Rio gilt am Wochenende ein Strandverbot. Es gibt aber keine einheitlichen Regeln und Sperrzeiten zum Beispiel für Lokale ändern sich ständig.

Weniger Impfstoff als geplant

Rund fünf Prozent der Bevölkerung haben zumindest eine Impfdosis erhalten. Präsident Bolsonaro versucht, zu beruhigen. In einer Fernsehansprache direkt vor den Hauptnachrichten sagte er, "dass die Impfungen garantiert sind". Bis zum Jahresende würde Brasilien mehr als 500 Millionen Dosen haben, um die ganze Bevölkerung zu impfen. "Wir werden sehr bald zum normalen Leben zurückkehren", so der Präsident.

Doch wenige Minuten später verkündeten die Hauptnachrichten die nächste Hiobsbotschaft: Zum sechsten Mal erfahren die Brasilianer, dass es weniger Impfstoff gibt als ursprünglich geplant. Allein im April fehlen zehn Millionen schon fest eingeplante Impfdosen: eine Million von Pfizer und neun Millionen von AstraZeneca, das sein Vakzin in Brasilien herstellt.

Bolsonaro-Anhänger glauben an Verschwörung

Und auch wenn Präsident Jair Bolsonaro inzwischen nicht mehr von einer kleinen Grippe spricht und einräumt, dass viele Brasilianer an der Krankheit gestorben sind, hat sein monatelanges Kleinreden der Pandemie Spuren hinterlassen. Seine Anhänger, die ihm fast jeden Tag vor dem Präsidentenpalast zujubeln, halten das Virus immer noch für eine Erfindung der Linken.

"Ich glaube an kein Virusproblem", sagt einer von ihnen. "Das ist eine Lüge. Dieser WHO-Chef ist ein Lügner. Es gibt kein Virus. Die Leute, die mit Masken rumlaufen, sind Idioten." Ein weiterer Bolsonaro-Anhänger stimmt ihm zu: "Es wissen doch alle, dass Justiz und Kongress noch mit Kommunisten verseucht sind. Und die nutzen diese Pandemie nur aus, um den Präsidenten unter Druck zu setzen."

Präsident Bolsonaro bekämpft weiter alle Lockdown-Maßnahmen. Gouverneure und Bürgermeister, die Ausgangssperren verhängen, bezeichnete er als "Tyrannen". Zuletzt versuchte er vergeblich, ein Ende der Sperren vor Gericht zu erstreiten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. März 2021 um 03:00 Uhr in den Nachrichten.

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Moderation 24.03.2021 • 12:55 Uhr

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