Demonstrationen für Brasilien Präsidenten Bolsonaro. | AP
Reportage

Bolsonaro-Demos in Brasilien Die Elite als globales Feindbild

Stand: 08.09.2021 07:08 Uhr

Zehntausende Anhänger von Brasiliens Präsident Bolsonaro demonstrierten am Unabhängigkeitstag gegen eine angebliche globale kommunistische Bedrohung. Bolsonaro lenkt die Stimmung gezielt gegen demokratische Institutionen.

Von Anne Herrberg und Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Wer mit Ayrton de Souza spricht, taucht zwangsläufig in eine andere Welt ein. Der Bolsonaro-Anhänger sitzt an Brasiliens Unabhängigkeitstag in einem orangefarbenen Klappstuhl auf dem vertrockneten Rasen vor dem Kongress in der Hauptstadt Brasilia. Um ihn herum protestieren viele tausend Unterstützer des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro. Gleich soll der Staatschef persönlich sprechen. De Souza schaut dennoch finster drein. "Trump wurde die Wahl geklaut - jetzt versuchen sie das bei Bolsonaro zu wiederholen."

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro
Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Richter als Feindbild

Wen er mit "sie" meint, erklärt Ayrton ohne Umschweife. Die obersten Richter Brasiliens, die zum Teil auch dem obersten Wahlgericht vorstehen, seien korrupt und würden aus dem Hintergrund von linken Politikern erpresst und manipuliert, behauptet der Ex-Polizist aus São Paulo, der jahrelang Mitglied einer Hundestaffel war. "Deshalb muss das Oberste Gericht ausgemistet werden", fordert Ayrton voller Abscheu. Beweise für seine Behauptungen legt er nicht vor.

In Sao Paulo gingen mehr als 100.000 Menschen auf die Straße, um für den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro zu demonstrieren. | AP

In Sao Paulo gingen mehr als 100.000 Menschen auf die Straße, um für den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro zu demonstrieren. Bild: AP

Ayrton ist mit 50 Gleichgesinnten aus dem Süden Brasiliens angereist. 19 Stunden nonstop mit dem Bus. Vor dem Kongress haben sie Iglu-Zelte aufgestellt. Alles wirkt wie ein Musik-Festival: bunte Plakate, Steaks auf dem Kohlegrill und Bierdosen. Nur dass auf den gelb-grünen T-Shirts nicht das Konterfei eines Sängers prangt, sondern das des Präsidenten Jair Bolsonaro. Mal in Uniform, mal als schwarz-weiße Schablone.

Unterstützer aus dem ganzen Land angereist

Kurz darauf ertönt die Stimme von Brasiliens Staatschef über die Lautsprecher. Er steht auf einem Lkw und spricht wenige Minuten zu seinen Anhängern, die aus allen Landesteilen angereist sind. Seine Rede ist eine einzige Kritik am Obersten Gericht. Dieses lasse ihn nicht regieren. "Entweder der Chef dieser Staatsgewalt hält seine Richter im Zaum, oder diese Gewalt wird das erleiden, was wir nicht wollen." Jubel brandet auf.

Bolsonaros Drohung richtet sich gegen den Präsidenten des Obersten Gerichts. Mit dem steht er in offenem Konflikt, seit dieser Ermittlungen gegen den Staatschef eingeleitet hat. Es geht um den Vorwurf der Verbreitung von Falschinformationen. Außerdem wurden politische Verbündete Bolsonaros festgenommen, die zum Umsturz aufgerufen haben sollen.

Die Arbeit der obersten Richter ist auch den Demonstranten am Copacabana-Strand von Rio de Janeiro ein Dorn im Auge. "Geliebtes Vaterland" steht auf einer gigantischen Flagge, die hoch an einem Kran weht. Schwere Motorräder knattern vorbei, ein Mann im Batman-Kostüm ist auch da. "Das Volk braucht Gerechtigkeit" ruft er. Unter der schwarzen Plastikmaske tropft ihm der Schweiß von der Stirn. Luis Claudio, ein schmaler Rentner, nickt übereinstimmend. Das Volk werde unterdrückt, erklärt er. Vom Kongress, vor allem aber von der Justiz: "Die machen Gesetze, um uns zu unterjochen." Hinter ihm marschiert ein Trupp Militärs in voller Montur vorbei.

Bolsonaro sät gezielt Misstrauen

Dass Brasiliens Eliten sich gegen Bolsonaro und "das Volk" verschworen hätten, davon sind auch hier alle überzeugt. Seit Monaten sät Brasiliens Staatsoberhaupt Misstrauen gegenüber den anderen demokratischen Institutionen: Abgeordneten, die seinen Ideen widersprechen, Staatsanwälten oder Richtern, die gegen ihn oder Verbündete ermitteln. Derzeit untersucht zudem ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss, ob Schmiergelder bei der Beschaffung von Impfstoffen geflossen sind.

Deshalb hat Bolsonaro zum Unabhängigkeitstag seine Anhänger versammelt, um Stärke zu demonstrieren. In São Paulo sollen mehr als 100.000 Anhänger gekommen sein. Die Machtdemonstration scheint geglückt. Doch die Umfragewerte sprechen gegen Bolsonaro. Lediglich 25 Prozent würden ihn derzeit wählen. Sein größter Kontrahent, Ex-Präsident Lula da Silva, ist deutlich beliebter.

Ayrton de Souza, der Ex-Polizist in Brasilia, sieht sich selbst als Speerspitze Bolsonaros im Kampf "Gut gegen Böse". Konkret fordert er die Abkehr von der elektronischen Stimmabgabe, die seit Ende der 1990er-Jahre Standard ist. Diese werde manipuliert durch linke Politiker, behauptet Ayrton.

Merkel angeblich von Brasiliens Linke beeinflusst

Ohnehin habe Brasiliens Linke längst auch Europas Politiker beeinflusst und gegen Bolsonaro eingeschworen. Auch Angela Merkel, erklären Ayrtons Mitstreiter in vertraulichem Ton. Deutschlands Regierungschefin sei im Bunde mit kommunistischen Kräften. Ob wir das wüssten. Sie habe ein Auge auf die Rohstoffe der brasilianischen Amazonas-Region geworfen, beteuern sie, auf Eisenerz, Diamanten und Niob. Für Gegenargumente, die nicht ihrem Weltbild entsprechen, sind sie kaum zugänglich.

Außerdem würden die Medien vieles verschweigen, erklären Ayrtons Mitstreiter entrüstet. Der Hass auf die Presse äußert sich am Unabhängigkeitstag in Brasilia auch in Form von Übergriffen. Ein Mitarbeiter eines Privatsenders wurde von einem Mob getreten und mit Bier übergossen. Auch das Kamerateam der ARD wurde von einer kleinen Gruppe Bolsonaro-Anhänger angegriffen und vor einer Live-Schalte schikaniert.

Ayrton betont, dass sein Protest friedlich sei. Er will so lange auf dem Rasen vor dem Kongress campieren, "bis die obersten Richter die Ermittlungen gegen Bolsonaro einstellen." Während er das sagt, schaut er wieder finster drein. Denn an ein baldiges Ende der Konfrontation zwischen den Richtern und der Regierung glaubt er selbst nicht so recht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. September 2021 um 09:00 Uhr.