Das Atomkraftwerk Indian Point, USA | AP

Indian Point New Yorker Pannen-AKW wird abgeschaltet

Stand: 30.04.2021 12:03 Uhr

Immer wieder kam es im Atomkraftwerk Indian Point zu Zwischenfällen. Nun wird es abgeschaltet. Im nur 40 Kilometer entfernten New York ist die Erleichterung groß. Doch woher bekommt die Stadt jetzt ihren Strom?

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Wenn heute auch der letzte Block des Atomkraftwerks Indian Point endgültig heruntergefahren wird, empfindet Phillip Musegaas vor allem eins: Erleichterung. Jahrzehntelang hat Musegaas mit der Umweltschutzgruppe "Riverkeeper" für die Schließung des Pannenreaktors gekämpft, bei dem man sich aus heutiger Sicht fragt, wie man jemals auf die Idee kommen konnte, dieses Atomkraftwerk ausgerechnet hier zu bauen, am Hudson River, gerade mal 40 Kilometer von New York City entfernt.

Peter Mücke ARD-Studio New York

Im Umkreis von 80 km leben 20 Millionen Menschen

"Es ist ein sehr großes 2000-Megawatt-Kraftwerk mit einer Menge strahlendem Material auf dem Gelände", erklärt Musegaas. "Im Umkreis von 80 Kilometern leben 20 Millionen Menschen. Bei einem Störfall gäbe es keine Möglichkeit, diese Menschen in Sicherheit zu bringen. Ein schwerer Zwischenfall würde New York City und den gesamten Großraum unbewohnbar machen."

Als der erste Block von Indian Point 1962 auf dem Gelände eines ehemaligen Vergnügungsparks eröffnet wurde, hatte zunächst niemand Bedenken. Erst als Mitte der 1970er-Jahre die Blöcke 2 und 3 ans Netz gingen, formierte sich Widerstand - zunächst wegen der Auswirkungen auf den Hudson River.

Auswirkungen auf den Hudson River

"Die Fischer haben gemerkt, dass ein Kraftwerk wie Indian Point einen großen Einfluss auf die Fischpopulation hat", erzählt der Umweltschützer. "Das Kraftwerk braucht große Mengen Wasser zum Kühlen. Das holt es sich aus dem Hudson. Es wird durch das System geschleust - alles Leben im Wasser wird dabei getötet - und dann wieder zurück in den Fluss gepumpt."

Im Hochlastbetrieb benötigte das Kraftwerk innerhalb von 24 Stunden mehr als doppelt so viel Wasser wie ganz New York City an einem Tag verbraucht. Doch für die Umweltschützer war es zunächst ein aussichtsloser Kampf.

Störfälle, laxe Sicherheitsvorkehrungen

Bis zum 11. September 2001. "Mein ganzes Vertrauen darin, dass ich sicher bin und nichts passieren kann, ist mit dem World Trade Center eingestürzt", sagt Maurin Widder, die nicht weit vom Kraftwerk entfernt wohnt. "Da wusste ich, ich muss aktiv werden - oder Beruhigungsmittel schlucken, um damit klarzukommen, dass wir ein Ziel von Terroristen sind."

Die Ermittler hatten bei den Al-Kaida-Terroristen auch Pläne von Anschlägen auf US-Atomkraftwerke gefunden. Jahrelange Anhörungen folgten.

Immer wieder sorgte Indian Point für Negativschlagzeilen: Störfälle, laxe Sicherheitsvorkehrungen, ein Leck im Abklingbecken. Und dann ein verheerender Brand 2015. Ein Transformator war explodiert. Zwei Jahre später beschloss die Politik das Aus für das in die Jahre gekommene Kraftwerk, das bis heute immerhin ein Viertel des Stroms für New York City liefert.

AKW am Ende das geringere Übel?

Inzwischen ist klar: Wind und Sonne können das nicht wie versprochen auffangen. Und so müssen im großen Stil Gaskraftwerke hochgefahren werden, um den Energiehunger der New Yorker zu stillen. Mache Experten fürchten bereits Stromausfälle im Sommer, wenn die Klimaanlagen der Stadt auf Hochtouren laufen.

Und manche Umweltschützer, wie Phillip Musegaas, kommen ins Grübeln: Ist am Ende ein Atomkraftwerk vielleicht doch das geringe Übel als ein klimaschädliches Gaskraftwerk? "Ja, diese Debatte gibt es", sagt er. "Und sie ist berechtigt, denn auch durch Atomkraftwerke kann der Ausstoß von Klimagasen reduziert werden. Aber Indian Point abzuschalten, ist die einzig richtige Entscheidung. Es gibt jetzt vielversprechende Pläne, wirklich erneuerbare Energien auszubauen. Und das ist für mich die große Chance dieser Entscheidung."

 

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 30. April 2021 um 11:48 Uhr.