Der Schatten eines bewaffneten Bundeswehrsoldaten in der Region Kundus.
Interview

Afghanistan-Expertin zur Lage in Kundus "Militärisch sind die Taliban nicht besiegbar"

Stand: 29.09.2015 18:11 Uhr

Der Bundeswehr-Abzug aus Kundus sei ein wesentlicher Grund für die heutige Instabilität der Region, sagt Afghanistan-Expertin Woltersdorf im tagesschau.de-Interview. Die Taliban hätten das Machtvakuum ausgenutzt. Statt einer militärischen Lösung plädiert sie für Gespräche mit den Taliban.

tagesschau.de: Frau Woltersdorf, was offenbart der Sturm der Taliban auf Kundus für Sie?

Adrienne Woltersdorf: Ich lese darin zwei Dinge. Erstens: Afghanistan ist politisch geschwächt. Die letzten Präsidentschaftswahlen waren leider kein großer Erfolg. Das hat etwas mit Wahlbetrug und dem Kompromiss zu tun, den der Präsident und sein Stellvertreter eingegangen sind. Beide müssen gemeinsam regieren, verstehen sich aber überhaupt nicht. Sie sind Repräsentanten zweier ethnischen Netzwerke, die um die Macht ringen. Der Streit zwischen den beiden Männern hat auch lange Zeit die Armee geschwächt, weil diese nicht wusste, wem sie dienen soll.

Zweitens: Die Taliban sind aus ihren Rückzugsgebieten in Pakistan vertrieben worden, da es dort militärische Säuberungsaktionen gibt. Das hat die Taliban zurück nach Afghanistan gespült, wo sie die aktuelle politische Schwäche nun ausnutzen.

tagesschau.de: Sind die Taliban stärker als früher?

Woltersdorf: Nein. Die Taliban haben einfach ihre Aktionsspielräume verlagert und gleichzeitig ist die Terrormiliz IS hinzugekommen, die bis vor wenigen Jahren in keinem Strategie-Workshop der NATO vorkam. Das bedeutet, dass wir in Afghanistan auch sehr viele Kämpfer haben, die sich vor den restriktiven Regimen in Zentralasien nach Afghanistan geflüchtet haben und nun dort agieren.

Ein Porträt von Adrienne Woltersdorf
Zur Person

Adrienne Woltersdorf, Jahrgang 1966, ist Referentin der Friedrich-Ebert-Stiftung. Von 2011 bis 2015 war sie Leiterin des Stiftungsbüros in Afghanistan. Zuvor verantwortete sie die China-Programme der Deutschen Welle. Für die Zeitung "taz" berichtete sie aus Washington und Berlin.

tagesschau.de: Haben Sie mit den Ereignissen der vergangenen zwei Tage, mit dem Sturm der Taliban auf Kundus gerechnet?

Woltersdorf: Kundus ist ein schwieriges Pflaster, gilt definitiv als gefährdete Stadt. Das zeigt schon ein Blick in die Geschichte. Grund dafür ist, dass in der Stadt unterschiedliche Ethnien leben und es seit längerem Aufständische, die Taliban, bewaffnete Milizen und zum Teil auch organisierte Kriminalität gibt. Das ist ein Umfeld, das die jetzige Situation heraufbeschworen hat. Die Bundeswehr hat das nicht grundsätzlich klären können.

Marie von Mallinckrodt
Einschätzung von ARD-Korrespondentin Marie v. Mallinckrodt

Am Dienstag heißt es aus dem Bundesverteidigungsministerium, man wolle die aktuelle Lage in Kundus sorgfältig analysieren. Und am Montag hieß es, man habe keine Erkenntnisse über die aktuelle Lage vor Ort. Ahnungslos in Afghanistan? Seit Ende des Kampfeinsatzes vor bald einem Jahr hat die Bundeswehr keine eigenen Kräfte mehr in Kundus. Allein in Masar-i-Sharif sind rund 700 Soldaten als Teil der NATO-Resolute-Support-Mission. Nun wird eine Debatte folgen über die Ausweitung des aktuellen Mandats über 2015 hinaus und auch über die Aufgaben vor Ort.
Militärs fordern, es brauche mehr Spezialkräfte, mehr Aufklärung. Und es wurden erste Stimmen aus der Regierungskoalition laut für eine Ausweitung des NATO-Mandats. Eine Tatsache wird die Debatte über die Verstärkung des Engagements in Afghanistan wohl beschleunigen, so zynisch es ist: Die Sicherheitsbehörden rechnen mit etwa einer Million Flüchtlingen aus Afghanistan in Richtung Europa, vertrieben durch die Taliban.

tagesschau.de: Die Lage wäre heute also genauso, wenn sich die Bundeswehr vor zwei Jahren nicht aus Kundus zurückgezogen hätte?

Woltersdorf: Nur weil die Bundeswehr damals vor Ort war, war Kundus keine ruhige Stadt. Auch für andere Regionen Afghanistans lässt sich sagen: Die Anwesenheit von internationalem Militär hat nicht immer und schon gar nicht langfristig zu einer Beruhigung der Lage geführt. Das ist auch die Lektion, die man aus dem deutschen Afghanistan-Einsatz ziehen muss.

tagesschau.de: War der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan also völlig sinnlos?

Woltersdorf: Nein, der Einsatz war nicht völlig sinnlos. Der Bundeswehreinsatz misst sich nicht nur an den Kampferfolgen, den liquidierten Personen und den befriedeten Regionen. Die Anwesenheit der Bundeswehr und der internationalen Truppen hat in der Region einen Wirtschaftsboom ausgelöst. Seit dem Abzug des Militärs leidet Afghanistan unter einer Implosion der Wirtschaft, das hat die Lage des Landes sehr destabilisiert. Ganze Familien haben ihr Einkommen verloren und viele Menschen haben sich aus der Not heraus kriminalisiert. Das Machtvakuum, das durch den Abzug der Truppen entstanden ist, hat die aktuelle Eskalation sicherlich beschleunigt. Das ist von der internationalen Gemeinschaft leider vorher nicht so klar erkannt worden.

Karte: Afghanistan mit Kundus

tagesschau.de: Aber dann hat der NATO-Einsatz seine militärischen Ziele ja offenbar verfehlt.

Woltersdorf: Ich kenne das Land seit 2004 und kann nur sagen, dass Afghanistan heute ein ganz anderes Land ist als damals. Sicherlich sind die Erfolge - auch mit Blick auf die völlig überzogenen Vorstellungen der westlichen Welt - nicht so groß, wie man sich das gewünscht hätte. Wir hatten ja von stabilen Institutionen geträumt, von vielen neuen Arbeitsplätzen. Das gibt es nicht. Aber heute gehen weit über zwei Millionen Kinder zur Schule, viele Afghanen erhalten eine universitäre Ausbildung, Frauen können arbeiten gehen. Das mag zwar in der Masse immer noch nicht genug sein - aber das alles sind Fortschritte, die es ohne diese westliche Intervention nicht gegeben hätte. Außerdem möchte ich betonen, dass der Aufbau auch weit jenseits des Militärs stattgefunden hat.

tagesschau.de: Die Kämpfe in Kundus erschüttern das Land nun wieder bis ins Mark. Wie kann der Konflikt gelöst werden?

Woltersdorf: Ich denke nicht, dass es kurzfristige Lösungen geben wird. Das ist auch die traurige Lektion. Wir haben in Afghanistan lernen müssen, dass eine militärische Intervention alleine nicht besonders viel zur Stabilität eines Landes beitragen kann. Ein Ignorieren des Problems ist auch keine Lösung - das zeigt nicht zuletzt der Blick nach Syrien. Ich glaube, wir müssen Afghanistan weiter Unterstützung anbieten.

Das bedeutet nicht, dass riesige Summen nach Afghanistan überwiesen werden müssen. Aber es muss eine fortwährende Aufmerksamkeit und Unterstützung für das Land geben. Und Deutschland wird sicherlich auch gebraucht, wenn es in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft darum gehen wird, eine politische Einigung mit den Taliban zu erzielen. Denn militärisch sind die Taliban in einem Land wie Afghanistan nicht besiegbar. Daher muss ein politischer Kompromiss her - den Afghanistan aber nicht aus eigener Kraft heraus schaffen wird. Da muss von innen gezogen und von außen gedrückt werden.

Regierungstruppen bei der Gegenoffensive in Kundus

Regierungstruppen bei der Gegenoffensive in Kundus

tagesschau.de: Sich mit den Taliban zusammen an einen Tisch zu setzen ist aber auch nicht gerade eine unumstrittene Lösung.

Woltersdorf: Ja, aber Deutschland hat mit den Taliban schon seit vielen Jahren Kontakt und hat auch schon mehrfach Gespräche über Friedensgespräche ermöglicht. Dagegen streubt sich die deutsche Politik also nicht - im Gegenteil. Deutschland hat da immer einen sehr guten Stand gehabt, da wir dort sehr gut angesehen sind, wir als Freund von Afghanistan gelten. Das hat den deutschen Diplomaten auch immer in die Hände gespielt. Wir genießen eine gewisse Vertrauenswürdigkeit.

tagesschau.de: Aber setzen Verhandlungen mit den Taliban genau diese Vertrauenswürdigkeit nicht aufs Spiel? Ein Kompromiss mit den Taliban birgt für die Bevölkerung schließlich auch Risiken.

Woltersdorf: Es gibt sehr viele Afghanen, die verstehen, dass es in ihrem Land keinen Frieden ohne einen Kompromiss mit den Taliban geben wird. Was strittig ist, ist die Frage, worüber mit den Taliban verhandelt werden kann. Da würde eine afghanische Frau sicher etwas anderes antworten als ein afghanischer Mann, der möglicherweise erst einmal die Frauenrechte zur Disposition stellen würde. Deshalb ist es wichtig, dass die afghanische Regierung gestärkt wird und dann diesen inneren Diskurs auch führen kann. Es muss Gespräche darüber geben, inwiefern die Taliban akzeptabel sind.

tagesschau.de: Wird Afghanistan jemals ohne die Hilfe von anderen Staaten auskommen können?

Woltersdorf: Afghanistan lebt schon seit mehr als hundert Jahren von Entwicklungshilfe. Da müssen wir uns nichts vormachen. Das ist einer der ärmsten Staaten der Welt. Ich bin aber überzeugt, das dem Land geholfen werden kann, wenn es wieder Handel und Landwirtschaft in bescheidenem Ausmaß betreiben kann. Da spielen die Nachbarstaaten eine ganz wichtige Rolle. Afghanistan ist kein hoffnungsloser Fall. Aber es braucht ein bisschen Ruhe und Stabilität - außerdem müssen die Verkehrs- und Transportwege besser werden in der Region. Und da kann Deutschland durchaus Türen öffnen, da wir verhältnismäßig gute Beziehungen zu fast allen Staaten in der Region haben - einschließlich dem Iran.

Das Interview führte Julia Becker, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. September 2015 um 20:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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JueFie 29.09.2015 • 19:31 Uhr

Wann sehen wir es ein?

Wann sehen wir es ein? Länder wie Afghanistan wird man nie befrieden können. Gerade Afghanistan mit seiner Geschichte zeigt es immer wieder, egal wer hier ankommt ist zum Scheitern verurteilt. Das mag an den "Stämmen" aber vor allem an den Stammesfürsten liegen. Diese wechseln ihre Meinung schneller als es der Gesprächspartner verstehen kann. Die Religion spielt auch eine wichtige Rolle, in Afghanistan für mich aber weiterhin zweitrangig. Frau Woltersdorf beschreibt aber die Situation ganz gut. Allerdings hege ich nicht wie sie die Hoffnung das man mit Taliban sprechen kann und etwas erreicht. man hat schneller das Messer im Rücken als man denkt (sprichwörtlich gemeint). Ähnlichkeiten sehe ich durchaus mit dem IS, die Strategie ist irgendwie vergleichbar, auch wenn man hier vordergründig den Glauben als Grund vorschiebt. Ob hier der Glaube wirklich ausschlaggebend ist, kann ich nicht beurteilen, denke aber eher als Ausrede. So wie es das Christentum auch sehr lange Zeit machte.