Junge Männer stehen am Strand von Fass Boye
reportage

Fehlende Perspektiven im Senegal Das sterbende Fischerdorf Fass Boye

Stand: 20.03.2024 13:34 Uhr

Im Senegal gibt es für junge Menschen wenig Aussicht auf eine gute Zukunft. Es gibt kaum Arbeit, zudem überfischen die Europäer die Fanggründe vor der Küste. Was bleibt, ist der gefährliche Weg über den Atlantik.

Fischer Abdoul Aziz Séne sitzt am weißen Sandstrand von Fass Boye und blickt auf die aufschäumenden Wellen. Das Meer ist heute rau. Um ihn herum liegen - fast Bauch an Bauch - die bunten Pirogen im Sand, die Fischerboote. Weiß, blau, rot, gelb. Eigentlich idyllisch, aber nicht für Fischer Séne. Der Blick auf die Boote und das Meer bringt düstere Erinnerungen.

"Sie haben versucht, nach Europa zu kommen - sogar mein Sohn. Es gab eine Piroge, 70 Menschen auf ihr sind gestorben. Wie mein Sohn, er war 25 Jahre alt. Er ist tot."

Hoffnung auf ein besseres Leben

Abdoul Aziz Séne spricht vom Juli 2023. Damals brechen mehr als 100 Menschen aus Fass Boye nachts in einem Boot auf. Über eine der tödlichsten Migrationsrouten der Welt, die Nordatlantikroute, wollen sie auf die Kanarischen Inseln gelangen - gut 1.500 Kilometer von Fass Boye entfernt.

Eigentlich dauert so eine Überfahrt knapp eine Woche. Doch die jungen Männer kommen nie an, viele von ihnen verhungern und verdursten auf hoher See. Als die Angehörigen nach einer Woche immer noch kein Lebenszeichen erhalten, alarmieren sie Nichtregierungsorganisationen und Behörden. Später rettet ein spanisches Fischerboot die Überlebenden.

Séne sagt, er wusste nicht, dass sein Sohn weggehen wollte. Verübeln könne er es den jungen Menschen aber nicht: "Hier gibt es viele Probleme. Für die Fischer, aber für auch die, die versuchen, Gemüse anzubauen. Du kannst viel Gemüse anbauen, verkaufst aber nichts. Als Fischer fährst du raus und findest zurzeit keinen Fisch."

Überfischung durch Europa

Als Grund nennt Séne die europäischen Boote, die Verträge mit dem Senegal haben. "Sie kommen und dann gibt es hier nichts mehr", erklärt der Fischer. Der Senegal zwinge die jungen Menschen, sich nach Europa aufzumachen, um dort Geld zu verdienen und die  Familie zu ernähren.

Präsident Macky Sall habe den Ozean verkauft, sagen hier viele. Damit ist gemeint, dass die Regierung zu viele Lizenzen an ausländische Fischereiunternehmen vergeben hat, die jetzt die Gewässer überfischen. Das werde hier sichtbar, sagt Fischer Séne, als er über den Markt vor dem Strand führt, auf dem Fisch verarbeitet und verpackt wird. 

"Schau her", sagt er und zeigt auf kleine graue Fische. Diese Fische hätten sie früher nicht gefangen - heute müssten sie es aber, um sich zu ernähren.

Ein Junge spielt Fußball am Strand von Fass Boye

Ein Junge spielt mit einem Ball am Strand von Fass Boye. Am Bildrand ist eines der Fischerboote zu sehen, eine Piroge.

Das Gesetz des Stärkeren

Trotz der vielen Toten aus Fass Boye sitzen am Strand unter einer Plane etwa 15 junge Männer. Alle wollen ihr Glück Richtung Kanaren versuchen, den Tod fürchten sie nicht. Dazu gesetzt hat sich auch Amary Dleye, der etwa 50 Jahre alt ist. Seine Generation sei die erste gewesen, die sich in Pirogen in Richtung der Kanaren aufgemacht habe.

Nach Jahrzehnten in Spanien sei er im Alter in seine Heimat zurückgekehrt, erzählt Dleye. Seinen Kindern werde er nicht verbieten, zu gehen: "Hier im Senegal herrscht das Gesetz des Stärkeren. Hast du Geld, bist du der König. Deswegen haben wir das Problem mit der Migration. Hast du hier ein Problem, findest du keine Hilfe. Sobald du aber einen Fuß auf europäischen Boden setzt, sucht man dir als erstes einen Anwalt und einen Arzt."

"Man muss Opfer dafür bringen"

Gründe, Fass Boye zu verlassen, gibt es viele, erzählen die jungen Männer. Es gebe kaum wirtschaftliche Perspektiven, seit gut drei Jahren sei wegen des Ausfalls zweier Wasseraufbereitungsanlagen kein fließend Wasser mehr verfügbar.

Viele sind wütend. Nachdem bekannt wurde, dass mehr als 60 ihrer Freunde und Bekannten bei der Überfahrt ums Leben kamen, stürmten die Jungen ein Regierungsgebäude in Fass Boye und schlugen Fenster, Türen und Möbel kurz und klein. Bis heute ist dorthin kein Beamter zurückgekehrt.

Mamou Ba ist der Präsident der Jugendvereinigung in Fass Boye. Er sagt, die Jugend hier versuche, auf sich aufmerksam zu machen. "Ein junger Mensch in Fass Boye fühlt sich ein bisschen vergessen - insbesondere vom Staat. Es gibt so vieles, was hier fehlt. Du hast keine Arbeit - aber du hast eine Familie, die essen und trinken muss. Also muss man dafür Opfer bringen."

Immer mehr Menschen auf Nordatlantikroute

Laut dem spanischen Innenministerium kamen 2023 über die Nordatlantikroute fast 40.000 Migranten auf die Kanarischen Inseln - ein Anstieg von mehr als 150 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ein Großteil der Ankommenden waren Menschen aus dem Senegal, aus Dörfern wie Fass Boye.

Die hohen Todeszahlen schrecken hier - Tragödie nach Tragödie - niemanden mehr ab. In Fass Boye warten viele junge Menschen am Strand und blicken auf das raue Meer. Sie warten auf den Sommer, wenn die See ruhiger und eine Abfahrt in der Nacht weniger gefährlich wird. 

Dunja Sadaqi, ARD Rabat, tagesschau, 20.03.2024 11:57 Uhr