Eine Mutter im Nordwesten Nigerias betet für entführte Schulkinder | AFP

Das Geschäft mit den Entführungen Nigerias verzweifelte Eltern

Stand: 30.08.2021 13:19 Uhr

Immer wieder machen Entführungen von Schülern in Nigeria Schlagzeilen. Verantwortlich sind nicht nur islamistische Terrorgruppen, sondern meistens kriminelle Banden. Sie erpressen Millionen - von verzweifelten Eltern in einem verarmten Land.

Von Sabine Krebs, ARD-Studio Nairobi

Es waren Nachrichten, die in ganz Nigeria am Wochenende gefeiert wurden und bei den Eltern unendliche Erleichterung auslösten: Drei Gruppen verschleppter Schüler waren freigekommen, darunter auch gekidnappte Kinder der Salihu Tanko Islamiyya Schule in Tegina. Insgesamt 93 Mädchen und Jungen waren im Mai aus dieser Schule gekidnappt worden. Ob sie befreit oder gegen größere Lösegeldzahlungen freigelassen wurden, ist noch unklar.

Sabine Krebs ARD-Studio Nairobi

Kindesentführungen sind in Nigeria an der Tagesordnung. Allein seit vergangenem Dezember sollen mehr als 1000 Menschen entführt worden sein. Dahinter stecken sowohl islamistische Terroristengruppen wie Boko Haram als auch kriminelle Banden und Banditen. Ein Großteil der Gekidnappten, so wird vermutet, wird vor allem verschleppt, um Lösegeld zu erpressen.

Die Entführer wissen: Verzweifelte Eltern sind zu vielem bereit. So auch der der 40-jährige Abubakar Adam. Sieben seiner zehn Kinder waren in Tegina gekidnappt worden. Schon vor Wochen hatte er eigenen Angaben zufolge umgerechnet 6200 Dollar Lösegeld an die Erpresser gezahlt. Im extrem armen Nigeria ist das eine hohe Summe Geld. Doch dann seien seine Kinder nicht frei gekommen, die Kriminellen hätten am Ende noch mehr Geld gewollt, so Adam gegenüber regionalen Medien. Alles, was er besitze, habe er verkauft, ein Grundstück, sein Auto - "das Einzige was mir geblieben ist, ist mein Leben".

Im Nordwesten Nigerias versammeln sich im Juni Eltern von entführten Schulkindern. | AFP

Zusammensein, beten: Im Nordwesten Nigerias versammeln sich im Juni Eltern von entführten Schulkindern. Bild: AFP

Eine simple, brutale Kalkulation

Seit rund zehn Jahren blüht in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, das Geschäft mit Entführungen. Reisende sind betroffen, Prominente, Wohlhabende und zunehmend eben auch Kinder. Denn die bringen Öffentlichkeit, die Druck erzeugt. Darauf spekulieren die Kriminellen. Betroffen ist vor allem der ländliche Nordwesten Nigerias, mit verheerenden Auswirkungen für die betroffenen Familien. Eine Region im Ausnahmezustand, die in die Gesetzlosigkeit abgleite, berichten Beobachter.

In das nationale Gedächtnis gebrannt hat sich eine Entführungsaktion von Boko Haram im Jahr 2014. Damals hatte die Terrorgruppe 276 Mädchen aus einer Schule in Chibok gekidnappt. Noch immer ist das Schicksal einiger Mädchen ungeklärt. Der internationale Aufschrei damals war groß. Der Hashtag #BringBackOurGirls wurde selbst von Michelle Obama aufgegriffen. Allerdings hat die weltweite Aufmerksamkeit längst nachgelassen, zu viele Entführungsfälle hat es inzwischen gegeben.

Erpressungen in einem bitterarmen Land

In den letzten Monaten habe die Anzahl der Entführungen erneut zugenommen, beobachtet auch Bulama Bukarti, Analyst vom Tony Blair Institute for Global Change. Er schätzt, dass derzeit rund 30.000 Banditen operieren und spricht von einer "neuen Normalität" im Land. Bukarti zitiert Zahlen des nigerianischen Geheimdienstes, wonach allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres umgerechnet rund fünf Millionen Dollar erpresst wurden.

Die gesamte Dimension machen Zahlen der nigerianischen Sicherheitsfirma SBM Intelligence deutlich. Ihr zufolge haben die Banden von Juni 2011 bis März 2020 mindestens 18 Millionen Dollar von Dorfbewohnern erpresst. Eine zumal für Nigeria gewaltige Summe, so Burkarti:

Sie sprechen von einem Land, dessen Bevölkerung zu 70 Prozent unter der Armutsgrenze lebt und von weniger als zwei Dollar pro Tag auskommt. So sind Eltern gezwungen, ihre Häuser, ihr Eigentum zu verkaufen, um das Lösegeld zu beschaffen. Aber sie sammeln auch Geld in Moscheen, Kirchen oder auf Märkten.
In Abuja (Nigeria) machen Eltern auf das Schicksal ihrer entführten Kinder aufmerksam | AFP

Wider das Vergessen: In Abuja machen Eltern auf das Schicksal ihrer entführten Kinder aufmerksam. Bild: AFP

Perspektivlosigkeit nährt Kriminalität

Vermutlich wird die tatsächliche Summe sogar noch höher sein.Die Ursachen liegen für Analysten klar auf der Hand: Es ist die absolute Perspektivlosigkeit im Land. Viele junge nigerianische Männer haben keine adäquate Schulausbildung, die Inflation liegt im zweistelligen Bereich und die Arbeitslosigkeit bei 33 Prozent.

So sind Entführungen eine vermeintlich verlockende Einnahmequelle, das bestätigt auch Bukarti: "Wenn überhaupt machen nur sehr wenige nigerianische Unternehmen so viel Profit wie die Entführer im Land - insbesondere in der Covid-Zeit." Und die Kriminalität habe keine Konsequenzen. Trotz der Entführung von mehr als tausend Schulkindern seit Dezember sei keiner der Bandenführer vor Gericht gestellt worden: "Es gibt keine Konsequenzen."

Nigerias Präsident Muhammadu Buhari fordert immer wieder, den Entführern nichts zu zahlen, andernfalls werde dies zu noch mehr Entführungen führen. Sicherheitsbehörden wollen die Banditen mit militärischen Aktionen ins Visier nehmen. Doch die verzweifelten Eltern stehen weiter vor der Entscheidung, für Lösegeld Vermögenswerte zu verkaufen, Kredite aufzunehmen und Freunde und Familie um Bargeld bitten - oder zu riskieren, die eigenen Kinder nie wiederzusehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Juli 2021 um 16:00 Uhr.