Dorfbewohner laufen in Tigray, Äthiopien an verbrannten Fahrzeugen vorbei. | REUTERS

Bürgerkrieg in Äthiopien "Am Rand einer humanitären Katastrophe"

Stand: 15.01.2022 08:38 Uhr

Bei Luftangriffen in Tigray sollen seit Jahresanfang mehr als hundert Menschen getötet worden sein, berichten die UN. Millionen Menschen seien auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, bekämen sie aber nicht.

Die Kritik an der äthiopischen Regierung unter Ministerpräsident Abiy Ahmed kommt von vielen Seiten. Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, wirft der Zentralregierung vor, den Menschen in der nördlichen Region Tigray mit einer Blockade bewusst Lebensmittel und Medikamente vorenthalten zu wollen. Die Zustände vor Ort seien eine "Hölle".

"Wir stehen am Rand einer humanitären Katastrophe", sagt auch Michael Dunford, Direktor des Welternährungsprogramms (WFP). Wegen der intensiven Kämpfe könne das WFP seit Dezember nichts mehr nach Tigray liefern. 9,4 Millionen Menschen dort und in den Nachbarregionen bräuchten aber dringend Nahrungsmittelhilfe.

Zivile Ziele getroffen

Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte berichtet indes von mindestens 108 Toten und 75 Verletzten seit Anfang Januar durch Luftangriffe in Tigray. Sie sollen von der Luftwaffe der Zentralregierung durchgeführt worden sein. Dabei seien auch eine Bildungseinrichtung, ein Bus, ein Flüchtlingslager und andere zivile Ziele getroffen worden.

Allein am Montag seien dem Menschenrechtskommissariat zufolge 17 Menschen bei einem Drohnenangriff auf eine Mühle getötet worden. Die UN riefen dazu auf, die Prinzipien des humanitären Völkerrechts einzuhalten und insbesondere Zivilisten zu schützen. Verstöße seien als Kriegsverbrechen auslegbar.

UN-Generalsekretär: "Dialog und Versöhnung einleiten"

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, schrieb auf Twitter, dass er untröstlich über das Leid des äthiopischen Volkes sei und appellierte erneut an alle beteiligten Parteien, die Kämpfe einzustellen: "Die Äthiopier verdienen Frieden. Es ist an der Zeit, den Dialog und die Versöhnung einzuleiten."

Die Regierung hat bisher bestritten, in dem seit 14 Monaten andauernden Konflikt mit den rebellischen Tigray-Kräften Zivilisten angegriffen zu haben.

Millionen Menschen auf der Flucht

Seit November 2020 gibt es bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen der äthiopischen Regierung und der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF). Auf Seite von Ministerpräsident Abiy stehen die äthiopische Armee (ENDF), verschiedene regionale Milizen und die Armee des Nachbarlandes Eritrea. Gemeinsam mit der TPLF und ihrem militärischen Arm (TDF) kämpft insbesondere die Oromia Liberation Army (OLA).

Beiden Konfliktparteien werden schwere Verbrechen vorgeworfen. Die Kämpfe haben sich längst auch auf andere Gebiete ausgebreitet. Zehntausende Menschen wurden getötet, Millionen sind auf der Flucht.

US-Vertreter nach Äthiopien

Auch Vertreter der US-Regierung wollen sich für die Beilegung des Konflikts in Äthiopien einsetzen. Nach Angaben des US-Außenministerius werden der neue US-Beauftragte für das Horn von Afrika, David Satterfield, sowie die stellvertretende US-Außenministerin für afrikanische Angelegenheiten, Molly Phee, in der kommenden Woche unter anderem nach Äthiopien reisen. "Sie werden die Regierungsvertreter dazu ermutigen, die gegenwärtige Chance zum Frieden zu nutzen, indem sie die Luftangriffe und andere Feindseligkeiten beenden und die Grundlage für einen umfassenden nationalen Dialog schaffen", hieß es in einer Erklärung.

Nobelpreiskomitee: "Besondere Verantwortung"

Inzwischen hat sich sogar das Nobelpreiskomitee an Abiy gewandt, obwohl es, wie das Komitee selbst schreibt, nicht seine Rolle ist, "die Haltung eines Friedenspreisträgers zu bewerten, nachdem der Preis empfangen wurde". Abiy hatte 2019 den Friedensnobelpreis erhalten, nachdem er mit Eritrea nach Jahrzehnten des Konflikts Frieden geschlossen hatte.

Nun mahnt das Nobelpreiskomitee, Abiy habe eine besondere Verantwortung, zum Frieden in Tigray beizutragen. Es sei nicht akzeptabel, dass es nicht ausreichend humanitäre Hilfe gebe.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Dezember 2012 um 15:43 Uhr sowie am 21. Dezember 2021 um 08:00 Uhr.