Die Fenix-Mine im Osten Guatemalas.

Nickelmine in Guatemala Zwei Wahrheiten und keine Lösung

Stand: 19.06.2019 18:04 Uhr

Tagelang blockierten Fischer die Einfahrt einer Nickelmine in Guatemala. Ein Foto soll zeigen, dass dabei ein Demonstrant erschossen wurde. Die Behörden bestreiten dies.

Von Lena Kampf und Andreas Spinrath, WDR

Es ist nur ein Foto, eines von vielen, das der Journalist Carlos Choc in seiner Karriere aufgenommen hat. Wegen dieses einen Fotos tauchte er unter und lebt bis heute in Angst. Auf dem Foto ist ein Demonstrant zu sehen, Carlos Maaz, ein Fischer. Er liegt leblos am Boden, hinter ihm ein Polizist mit gezückter Waffe.

Ab diesem Moment gibt es in El Estor im Osten Guatemalas zwei Wahrheiten. Die eine ist jene, die Carlos Choc und die Fischer der Region Izabal berichten: Im März 2017 sei auf dem Izabal-See, dem größten Gewässer des Landes, eine rote Schicht aufgetaucht.

Die Fischer, viele von ihnen Angehörige der Maya-Q'eqchi-Ethnie, vermuteten, dass der Abbau von Nickel damit zu tun habe. Wenn der Fluss verseucht wäre, wie sollten sie dann ihre Familien ernähren? Sie forderten Aufklärung und fühlten sich von den Behörden im Stich gelassen. Deshalb hätten sie im Mai 2017 ihren Protest begonnen. Sie blockierten die Mine.

Carlos Choc, Reporter der Maya-Nachrichtenseite "Prensa Comunitaria", und ein Kollege berichteten über die Demonstration. Am 27. Mai 2017 schickten die Behörden eine Spezialeinheit der Polizei, um den Protest aufzulösen. Es flogen Steine von Seiten der Fischer, die Polizei soll mit Schüssen geantwortet haben. Dabei sei Carlos Maaz getötet worden.

carlos maaz (gepixelt)
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Dieses von der Redaktion verpixelte Foto von Protesten gegen eine Nickelmine veränderte das Leben von Carlos Choc. Es zeigt den auf dem Boden liegenden leblosen Fischer Carlos Maaz und, hinter dem Polizeifahrzeug, einen Polizisten mit gezückter Waffe.

"Keine Beweise"

Die andere Wahrheit ist jene, die Guatemalas Umweltminister Alfonso Alonzo bis heute vertritt. Reportern des Projekts "Forbidden Stories" gab er im vergangenen April ein Interview.

"Forbidden Stories" hat es sich zur Aufgabe gemacht hat, Recherchen von bedrohten und ermordeten Journalisten fortzuführen, in Deutschland sind daran der WDR, die "Süddeutsche Zeitung" und "Die Zeit" beteiligt. Auch "Prensa Comunitaria" aus Guatemala kooperiert in dieser Recherche mit "Forbidden Stories".

alt Das Recherche-Projekt Green Blood | Bildquelle: Getty Images

Forbidden Stories - Green Blood Projekt

Ziel der "Forbidden Stories" ist es, die Arbeit von ermordeten, bedrohten oder inhaftierten Journalisten fortzusetzen. Nach dem "Daphne-Project" widmet sich das "Green Blood-Project" jetzt schweren Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen durch Bergbau - und den Bedrohungen von Journalisten, die dazu recherchieren.

Seit 2009 sind laut einer Studie vom "Committee to Protect Journalists" (CPJ) mindestens 13 Journalisten getötet worden, die zu Umweltthemen recherchiert haben. Dazu kommen 16 weitere Todesfälle, die bislang nicht aufgeklärt wurden. Reporter von "Forbidden Stories" haben auf drei Kontinenten die Recherchen von bedrohten und getöteten Journalisten fortgeführt. An dem Projekt beteiligt sind unter anderem WDR, "Süddeutsche Zeitung", "Zeit", "Guardian" und "Le Monde".

Die Regierung besteht bis heute darauf, dass die Polizei gar nicht geschossen hat, ergo bei den Protesten auch niemand von der Polizei getötet wurde. Auf die Frage, ob die Polizei auf Demonstranten geschossen hat, sagt Alonzo: "Offiziell gibt es keine Beweise." Es gebe deshalb auch keine Ermittlungen.

Offizielle Beweise waren auch das Ansinnen der Fischer, als sich der See rot verfärbte. Es müsse etwas mit der Mine zu tun haben, das war ihre Vermutung. Seit Jahrzehnten sorgt sie in der Region Izabal für Konflikte.

In den 1960er-Jahren begann eine erste kanadische Firma, dort Nickel abzubauen, ein Metall, das weltweit in der Stahlproduktion und bei der Herstellung von Schmuckstücken verwendet wird. Die Mine wurde "Fenix" benannt, der Phönix. Diesen Namen behielt sie, auch als die Nickelproduktion jahrelang stockte und die Besitzer wechselten.

Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung - Gewalt, Vertreibung, schließlich 2011 eine Klage von guatemaltekischen Frauen wegen angeblicher Vergewaltigung durch Sicherheitskräfte. Amnesty International stellte sich auf die Seite der Frauen, die kanadischen Betreiber widersprachen allen Vorwürfen scharf.

Neue Investoren, mehr Konflikte

2011 zog es neue Investoren in den roten Staub von Izabal, dorthin, wo einmal Regenwald war und nun nur noch riesige Löcher. Hinter den Investoren steht ein schwer durchschaubares Firmengeflecht mit Verästelungen in die Schweiz und nach Malta. Nun wurden die Auseinandersetzungen hitziger. Dorfbewohner wollen rotgefärbten Rauch beobachtet haben, der seitdem nachts aus den Schornsteinen der Anlage qualmt. Dem widerspricht die Firma.

Dann verfärbte sich der See. Die Fischer hatten eine simple Idee. Offizielle Stellen sollten Proben des Gewässers nehmen, um zu überprüfen, wer für die Verfärbungen verantwortlich ist. Das Problem: Auch hier gibt es zwei Wahrheiten.

Eine Studie im Auftrag des Umweltministeriums in Guatemala kam zu dem Schluss, dass die Mine nichts damit zu tun habe. Algen und andere Wasserpflanzen seien der Grund für das Rot. Auslöser seien Bakterien, die sich wegen fehlender Kläranlagen an einem Zufluss des Sees ausbreiteten. "Das Rot ist Teil des Ökosystems des Sees", sagte Minister Alonzo. Es gebe keine Verschmutzung durch die Mine, sagen auch die Investoren. Der See werde rot nach bestimmten Wetterlagen, weil dann Schlamm aufgewirbelt werde. Ein lokaler Mitarbeiter der Betreiberfirma der Mine betonte die umfangreichen Maßnahmen und Programme, um Umweltschäden zu erkennen und zu vermeiden.

Die Fischer sorgen sich dennoch um ihr Auskommen. Sie leben mit und vom See. Ein unabhängiger Experte, Lucas Barreto Correa aus Brasilien, kommt nach seiner Untersuchung der Wasserproben zu einem anderen Ergebnis als die offiziellen Stellen Guatemalas: "Alle Resultate der existierenden Analysen zeigen, dass es klare Beweise für Bestandteile gibt, die charakteristisch für Minenaktivitäten sind."

In den offiziellen Begründungen gebe es Unklarheiten. Andere offizielle Studien und Experten fanden einen stark erhöhten Nährstoffgehalt im See, der das Pflanzenwachstum extrem ansteigen lässt. Ursache könnten die Abwasser der Mine sein, sagen Experten. Dies müsse überprüft werden. Die Betreiber zweifeln die Art der Probeentnahme an.

Zum Aufwiegler und Kriminellen erklärt

Sich widersprechende Analysen und ein toter Demonstrant, der von den Einheimischen betrauert, von der Regierung dagegen als nicht existent bezeichnet wird. Es ist eine Situation, in der lokale Journalisten recherchieren sollten, um mehr Klarheit zu bringen. Carlos Choc jedoch wurde nach der Veröffentlichung seines Fotos verfolgt. Der Journalist wurde zum Aufwiegler und Kriminellen erklärt.

Im August 2017 stellten die Behörden Haftbefehle wegen Anstiftung zu Straftaten gegen Demonstranten und Journalisten aus. Chocs Kollege verbrachte einen Monat in einem der berüchtigsten Gefängnisse des Landes. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Er arbeitet nicht mehr als Journalist.

Der Journalist Carlos Choc
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Der Journalist Carlos Choc tauchte nach den Protesten unter - er wird von den Behörden wegen Anstiftung zu Straftaten verfolgt.

Choc hingegen tauchte aus Angst vor der Verfolgung unter. Die Strafverfolger und auch die Betreiberfirma berufen sich auf Zeugen, die behaupten, dass Choc an den Demonstrationen als Aktivist und nicht als Journalist teilgenommen habe. Der Vorsitzende Richter der Strafkammer am guatemaltekischen Gericht hält die Anschuldigungen der Behörden allerdings für unrechtmäßig: "Das Recht auf freie Meinungsäußerung wird von der Verfassung garantiert, das ist keine Straftat." Er ist aber nicht zuständig.

Zuständig ist das Amtsgericht Puerto Barrios. Nach eineinhalb Jahren im Untergrund, getrennt von seiner Ehefrau und den Kindern und ohne Einkommen, stand Choc dort zum ersten Mal vor einem Richter. Er konnte die Untersuchungshaft erstmal abwenden.

Am 31. Juli muss er sich erneut im Gerichtssaal verantworten: "Niemals in meinem Leben, in den zwölf Jahren, die ich als Journalist arbeite, hätte ich mir vorstellen können, dass ich das einmal wegen meines Berufs durchmachen muss."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. Juni 2019 um 11:08 Uhr und 14:50 Uhr.

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