Ein Bauer in Indonesien hält Kerne der Palmölfrüchte.
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Indonesisches Firmengeflecht Dreckiges Palmöl für deutsche Konzerne?

Stand: 20.11.2023 09:23 Uhr

Internationale Recherchen zeigen, wie Palmöl zweifelhafter Herkunft nach Deutschland gelangen könnte. Offenbar haben indonesische Palmölhersteller einen Weg gefunden, Nachhaltigkeitsregeln zu unterlaufen. Mehrere deutsche Konzerne wollen dem jetzt nachgehen.

Von Petra Blum, Marcus Engert, Benedikt Strunz, NDR/WDR

Als in den Jahren 2015 und 2019 in Indonesien riesige Flächen Urwald in Flammen standen und das Feuer das Land in eine gigantische Rauchwolke hüllte, gelobten viele europäische Großunternehmen Besserung. Denn die Brandrodungen haben in der Regel einen Grund: Skrupellose Unternehmer versuchen auf diese Weise Platz für Plantagen zu schaffen, auf denen Palmöl hergestellt wird.

Und das ist in Europa heiß begehrt. Palmöl ist ein kostbarer Rohstoff, den Indonesien exportiert. Er wird hierzulande in zahllosen Industrien und Produkten verwendet: Chemie, Kosmetik, Waschmittel und auch in Lebensmitteln findet sich Palmöl.

Doch wie nachhaltig ist das Palmöl, das deutsche Großkonzerne aus Indonesien beziehen? Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ), gemeinsam mit dem Internationalen Konsortium Investigativer Journalistinnen und Journalisten (ICIJ) und der Investigativplatform "The Gecko Project" zeigen, dass der deutsche Konsumgüterhersteller Beiersdorf 2022 Palmöl von einer Firma bezogen hat, der zumindest zur Last gelegt wird, nicht nachhaltig zu arbeiten. Und die deutschen DAX-Konzerne BASF und Henkel bezogen nach Daten von 2022 Öl von einer Firma, deren Geschäftsmodell ebenfalls massive Fragen aufwirft.

Beiersdorf bezieht zweifelhaftes Palmöl

Demnach hat Beiersdorf von der indonesischen Firma BT Bulungang Hijau Perkasa Öl erhalten. Das geht aus Mühlenlisten hervor, die die Recherchepartner einsehen konnten. Der indonesischen Firma wird seit vielen Jahren von Nichtregierungsorganisationen vorgeworfen, riesige Urwaldflächen abzuholzen. Ganz legal. Denn offenbar hat sie dafür 2019 eine neue Konzession bei der indonesischen Regierung bekommen.

Beiersdorf hat sich dem so genannten RSPO-Standard verpflichtet. Dieser sieht seit 2018 vor, dass für die Produktion von Palmöl keine neuen Wälder mehr abgeholzt werden dürfen. Die Recherchen zeigen weiter, dass Beiersdorf im vergangenen Jahr auch Palmöl von zwei weiteren indonesischen Unternehmen bezogen hat, die allein im Jahr 2019 Bäume auf einer Fläche von Dutzenden Hektar auf Borneo gefällt haben sollen.

Von Beiersdorf hieß es auf Nachfrage, dass der Fall dem Unternehmen seit dem Frühjahr bekannt sei. Seither habe man verschiedene Maßnahmen eingeleitet, um mögliche Missstände vor Ort abzustellen. Gleichzeitig wies Beiersdorf darauf hin, dass die von den fraglichen Firmen bezogene Palmöl-Menge lediglich 0,15 Prozent des Jahresverbrauchs von Beiersdorf ausmache.

Auch Henkel und BASF im Fokus

Neben dem Hamburger Unternehmen tauchen mit Henkel und BASF noch zwei weitere deutsche Unternehmen in der internationalen Recherche auf. Demnach wurden sowohl Beiersdorf, als auch Henkel und BASF zumindest im vergangenen Jahr von Palmölmühlen beliefert, die mit dem Unternehmen First Ressources aus Singapur verbunden sind.

Die Recherchen legen nun den Verdacht nahe, dass zum First-Ressources-Netzwerk nicht nur Firmen gehören, die nachhaltig wirtschaften. Eine davon ist etwa FAP Agri. Dieser Firma wird unter anderem jahrelange Abholzung von Primärwald in Indonesien zur Last gelegt. Die Vorwürfe gegen mehrere Firmengruppen, die von First Resources kontrolliert sein sollen, wiegen insgesamt schwer: Darunter auch die Vernichtung von Lebensräumen für den stark gefährdeten Bestand der Orang-Utan-Population, Landraub und Umweltzerstörung.

Undurchsichtiges Firmengeflecht

Das Reporterteam hat mit 14 aktuellen und ehemaligen Personen gesprochen, die zwischen 2011 und 2022 für First Resources und die fragwürdigen Firmengruppen gearbeitet haben: Die ehemaligen Mitarbeiter berichten, dass die fraglichen Firmen faktisch von First Resources kontrolliert wurden.

Die einen seien in einem einzigen Büro damit beschäftigt gewesen, gleichzeitig für First Resources und ein anderes Unternehmen, das Regenwald abholzt, Daten zu analysieren. "Ich wusste es von Beginn an - es ist alles First Resources", sagt ein Mitarbeiter. "Das Management ist das gleiche und viele weitere Dinge auch." So sei das IT-System auch der anderen Firmen von First Resources betrieben worden.

Bereits vor ein paar Jahren waren Berichte von NGOs mit Vorwürfen aufgetaucht, die Firmengruppen könnten alle zusammengehören. "Firmenkonglomerate aufzubauen, bei denen man am Ende nicht weiß, was alles dazugehört, kann ein Schlupfloch sein, um Nachhaltigkeitsverpflichtungen zu umgehen", sagt Gesche Jürgens von Greenpeace Deutschland. Man habe dann einen als nachhaltig geltenden Zulieferer an der Oberfläche, wisse aber nicht, ob nicht doch Rohstoffe aus ganz anderen Unternehmen mit in die Lieferkette eingespeist werden.

Lieferketten schwer zu kontrollieren

Der Londoner Verbrauchsgüterhersteller Unilever zog bereits im Januar 2018 die Konsequenzen und bezieht seitdem kein Palmöl mehr von First Resources und den fragwürdigen Firmengruppen. Beiersdorf, Henkel und BASF bezogen den Rohstoff dagegen weiterhin.

Deutsche Firmen könnten nicht ausschließen, dass bei den engen Verflechtungen der Unternehmensgruppen das Palmöl nicht doch von Gesellschaften komme, die dafür Regenwald gerodet haben, meint Christoph Kubitza, der beim Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien Spezialist für Indonesien ist: "Besonders dann, wenn First Resources seine Mühlen auf Borneo ganz in der Nähe der Plantagen der anderen Firmengruppen hat. Die Lieferketten können dann oft nicht mehr vollständig kontrolliert werden."

Unternehmen First-Resources dementiert

First Resources wies auf Anfrage alle Vorwürfe von sich und dementierte, die in Frage stehenden Firmengruppen, denen Abholzung in Indonesien zur Last gelegt wird, zu kontrollieren. FAP Agri sei allerdings ein Zulieferer von First Resources. Man kaufe aber von keiner Firma, die sich nicht an die Nachhaltigkeitsverpflichtungen von First Resources halte. Man halte sich streng an die Verpflichtung, kein Palmöl aus Plantagen zu beziehen, für die Regenwald abgeholzt wurde.

FAP Agri, zu der auch die indonesische Firma BT Bulungang Hijau Perkasa gehört, hat sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF teilte auf Anfrage mit, man unterhalte keine direkte Geschäftsbeziehung zu First Resources oder den entsprechenden Mühlen. Die Palmprodukte von First Resources gelangten über Zwischenlieferanten zu BASF. BASF habe diese nun aufgefordert, den Sachverhalt zu klären.

Der Konsumgüterhersteller Henkel versicherte, dass keines der fragwürdigen Unternehmen ein direkter Lieferant von Henkel sei. Es sei aber nicht gänzlich auszuschließen, dass es sich bei den in Frage stehenden Firmen um indirekte Zulieferer von Henkel handele. Auch Henkel betonte, man habe weitere Aufklärungsmaßnahmen angestoßen. Bisher sind es nur Verdachtsmomente, denen die betroffenen deutschen Unternehmen nun nachgehen wollen.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am17. Mai 2023 um 11:46 Uhr.