Trading-Plattform "Option888" (Screenshot)

Millionengeschäfte im Netz Ermittler zerschlagen Betrügerring

Stand: 03.07.2019 06:39 Uhr

Sie versprachen hohe Gewinne - doch Tausende Nutzer verloren ihr Geld. Eine Bande soll betrügerische Geldanlageseiten betrieben haben. Nach Informationen von SR und NDR gibt es Hinweise auf Hunderte weitere Plattformen.

Von C. Deker, N. Resch, C. Uhl und J. Strozyk

Eine Gruppe von Kriminellen hat mutmaßlich eine hohe Millionensumme mit betrügerischen Geldanlage-Plattformen im Internet erbeutet. Unter den Geschädigten sind nach Recherchen von SR und NDR auch Tausende Deutsche. Der Kopf der international agierenden Bande soll ein 55-jähriger Deutscher sein. Die Gruppe soll fünf dieser Plattformen betrieben haben.

Davon gehen Ermittler der Staatsanwaltschaft Saarbrücken aus, die gemeinsam mit der Zentralen Wirtschaftsstaatsanwaltschaft aus Österreich das vermutlich größte Verfahren gegen derartige Anbieter führen, das es in Europa je gegeben hat. Die Ermittler werfen dem Mann und vier weiteren Beschuldigten, darunter noch ein Deutscher, gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor.

Opfer gezielt angeworben und bedrängt

Der mutmaßliche Betrug lief über sogenannte Trading-Plattformen: Webseiten, auf denen Nutzer vermeintlich schnelle Gewinne mit Wetten auf Aktienkurse, Währungsschwankungen und anderen Finanzgeschäften machen können. Zum Teil bieten die Seiten auch den Handel sogenannter Krypto-Währungen wie etwa Bitcoin an.

Die Betrüger warben potenzielle Opfer gezielt in sozialen Netzwerken an. Nach der Anmeldung und ersten Einzahlungen wurden die Geschädigten in vielen Fällen von selbsternannten Beratern per Chat-Nachrichten und Anruf auf scheinbar besonders lukrative Gelegenheiten hingewiesen und dazu gedrängt, mehr Geld einzuzahlen. Das belegen Chat-Protokolle, die Reporter von NDR und SR einsehen konnten.

35 Durchsuchungen im In- und Ausland

Den Recherchen zufolge sollen die Betrüger sogar eigene Callcenter betrieben haben, von wo aus sie ihre Opfer telefonisch unter Druck gesetzt haben sollen. Eins dieser Callcenter wurde vor wenigen Wochen im Kosovo durchsucht. Weitere Durchsuchungen im Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren gab es in Österreich, Deutschland, Bulgarien und Tschechien. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft Saarbrücken gegenüber SR und NDR. Demnach gab es insgesamt 35 Hausdurchsuchungen von Callcentern, Wohnung und Geschäftsräumen.

Trading-Plattform  (Screenshot)
galerie

Mit professionell gestalteten Webseiten wurden die Opfer dazu verleitet, Geld zu überweisen.

Geschädigte berichten davon, dass das Auszahlen von vermeintlich erzielten Gewinnen von den Plattformbetreibern durch mutmaßlich fingierte Softwarefehler verhindert worden sein soll. In anderen Fällen waren die persönlichen Berater plötzlich verreist und konnten die Auszahlungen nicht durchführen. Am Ende stand für nahezu alle Betroffenen ein Totalverlust der eingezahlten Gelder. Die Staatsanwaltschaft geht offenbar dem Verdacht nach, dass auf den Plattformen ohnehin überhaupt kein Handel mit den Geldern stattgefunden hat - hinter den virtuellen Geschäften also nie echte Finanztransaktionen steckten, sondern die mutmaßlichen Betrüger von Anfang an nur das eingezahlte Geld abzweigen wollten.

Deutscher soll Bande angeführt haben

Die Staatsanwaltschaft geht zurzeit davon aus, dass die Bande von dem 55-jährigen Karsten L. angeführt worden ist. Der Geschäftsmann betrieb in der Vergangenheit verschiedene Online-Poker-Seiten und ist seit Jahren in der Glücksspielbranche aktiv. Vor einigen Jahren ließ er sich mit Vertretern des 1. FC Köln ablichten, weil er einen Sportwettenanbieter leitete, der den Verein sponsorte. Nach Informationen von SR und NDR sitzt L. in Wien in Untersuchungshaft.

Aus Ermittlerkreisen war zu vernehmen, dass er bis zu seiner Verhaftung vornehmlich in einem Tiroler Fünf-Sterne-Hotel und im noblen Küstenort Saint-Tropez an der Côte d'Azur lebte. Der Anwalt des Beschuldigten reagierte auf eine Anfrage nicht. Mehrere der anderen Beschuldigten sind offenbar flüchtig.

Womöglich fast 400 solcher Plattformen

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Gruppe um L. fünf Plattformen betrieben hat: Die Seiten "Option888", "TradeInvest90", "XMarkets.com", "ZoomTrader" und "TradoVest". In den Kundendateien allein dieser Anbieter finden sich offenbar die Namen von mehr als 200.000 Deutschen. Ob jeder der Kunden Geld verloren hat und wenn ja, wie viel, ist derzeit unklar. Allein in Saarbrücken werden derzeit 233 Strafanzeigen im Zusammenhang mit den Trading-Plattformen bearbeitet, im Durchschnitt hat jeder Geschädigte mehr als 40.000 Euro verloren. Rechnet man den Schaden hoch, könnte die Bande Hunderte Millionen Euro mit den fünf Plattformen erbeutet haben.

Die Aktivitäten der Gruppe könnten sogar noch deutlich umfangreicher gewesen sein, als die Staatsanwaltschaft es Karsten L. und den anderen Beschuldigten vorwirft: Nach Informationen von SR und NDR haben die Ermittler bei Durchsuchungen im Ausland Unterlagen sicherstellen können, die darauf hindeuten, dass dieselbe Infrastruktur, mit der diese fünf Plattformen betrieben worden ist, bei insgesamt 387 Webseiten zum Einsatz gekommen sein könnte. Inwiefern L. und die weiteren Beschuldigten mit diesen Seiten zusammenhängen, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Insgesamt lägen Hinweise auf mehr als 400 solcher Plattformen vor, bestätigte die Staatsanwaltschaft Saarbrücken auf Anfrage.

Deutsche Banken wickelten Zahlungen ab

Zu einigen dieser Seiten, die nicht Teil des Saarbrücker Verfahrens sind, konnten Reporter von SR und NDR Unterlagen einsehen. Daraus geht hervor, dass sich die mutmaßlichen Betrüger auch mehrerer deutscher Banken bedienten. Allein bei der Postbank hatte die Gruppe mindestens sechs Konten eröffnet. Weitere Konten führten die mutmaßlichen Betrüger unter anderem bei der belgischen ING, der Barclays Bank und der HSBC in Großbritannien, bei der Sparkasse in Koblenz und bei der Münchner Online-Bank Fidor. Die Unterlagen zeigen, dass einzelne Geschädigte auf diese Konten zum Teil 150.000 Euro und mehr eingezahlt haben.

Die Sparkasse Koblenz erklärte, man habe die Geschäftsbeziehung beendet, "weil unsere Kontrollsysteme verdächtige Transaktionsmuster erkannt haben" und man bedaure, dass ein "Kundenkonto in unserem Haus mutmaßlich für betrügerische Handlungen missbraucht" worden sei. Barclays teilte mit, dass das Konto geschlossen worden sei. Die übrigen Institute wollten sich unter Verweis auf das Bankgeheimnis nicht konkret zu den Vorgängen äußern, beteuerten aber, geltende Gesetze einzuhalten.

Konten unter Legenden eröffnet

Aus dem Umfeld einer der Banken hieß es, die Konten seien dort mit Hilfe von Legenden als Geschäftskonten eröffnet worden, von Männern aus Litauen und Rumänien. Dabei hätten die Männer beispielsweise den Vertrieb von Software oder Beratungsleistungen als Geschäftszweck angegeben.

Offenbar haben die mutmaßlichen Betrüger sogar eigene Firmen in Deutschland gegründet oder übernommen, um die Legenden aufrecht erhalten zu können. Bei den routinemäßigen Überprüfungen zur Geldwäscheprävention seien mehrere Konten aufgefallen und geschlossen worden, einige nach Monaten, eins bereits am ersten Tag.

"Dramen, die sich da abspielen"

Die Wiener Wirtschaftsprüferin Elfriede Sixt hat die "European Funds Recovery Initiative" (EFRI) ins Leben gerufen, um Geschädigten von betrügerischen Online-Trading-Plattformen dabei zu helfen, ihre Verluste zurück zu fordern. Sie spricht von "Dramen, die sich da abspielen". Unter ihren Klienten seien "Familien, da haben der Vater, der Sohn und eventuell auch noch die Tante investiert", sagt sie.

Die EFRI vertritt bereits mehrere Hunderte Opfer aus aller Welt mit einer gesamten Schadenssumme von mehr als 17 Millionen Euro. "Der typische Geschädigte ist der Rentner im besten Alter, der ein bisschen was gespart hat", erklärt Sixt, "doch auch wohlhabende Geschäftsleute fallen immer wieder auf die Betrüger herein".

Daten werden noch ausgewertet

Wann es zu einer Anklage kommt, ist derzeit unklar. Die Ermittler werten nach eigenen Angaben zurzeit mehr als fünf Terabyte an Daten aus, die bei Durchsuchungen sichergestellt worden sind. Stichproben zeigen, dass die Trading-Geschäfte auf einigen anderen Plattformen weiter gehen.

Betrug mit Finanzplattformen
Philipp Eckstein, NDR
03.07.2019 11:21 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. Juli 2019 um 06:45 Uhr in den Nachrichten und um 07:41 Uhr in der Wirtschaft.

Darstellung: