Deniz Yücel | Bildquelle: dpa

Artikel aus der Haft Yücel kritisiert "Vorverurteilungen"

Stand: 05.05.2017 14:08 Uhr

Der seit Februar inhaftierte "Welt"-Journalist Yücel hat sich aus türkischer Haft zu Wort gemeldet: Er diktierte einen Artikel, in dem er die "Vorverurteilungen" durch Präsident Erdogan kritisiert. Darin fordert er einen "fairen Prozess".

Der in der Türkei inhaftierte "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel hat sich gegen "Vorverurteilungen" durch Präsident Recep Tayyip Erdogan zur Wehr gesetzt. In Ländern wie Aserbaidschan oder Weißrussland möge es "natürlich erscheinen, dass die oberste Staatsführung persönlich eine inhaftierte Person öffentlich vorverurteilt und den zuständigen Staatsanwälten und Richtern quasi Anweisungen erteilt", schrieb Yücel in einem Artikel, den die "Welt" veröffentlichte. Für die "zivilisierte Welt" sei ein solcher Vorgang aber "befremdlich".

Yücel schrieb in dem Artikel, den er seinen Anwälten im Gefängnis diktierte, er wolle "nirgendwohin 'ausgeliefert' werden". Für ihn als türkischen Staatsbürger gebe auch gar "keine Adresse, an sich man mich 'ausliefern' könnte". "Das Einzige, was ich verlange, ist ein fairer Prozess", forderte Yücel. In dem Prozess sollten das geltende türkische Recht und die universellen Menschenrechte und Rechtsnormen berücksichtigt "und nicht mit Füßen getreten werden". Ein solcher Prozess könne "gar nicht anders enden als mit einem Freispruch", schrieb Yücel. Davon sei er "restlos überzeugt".

"Verlasse das Gefängnis durch die Vordertür"

Der Journalist kündigte an, er werde das Gefängnis "nicht durch eine Hintertür verlassen, sondern durch jene Vordertür, durch die ich es betreten habe". "Und ich werde in diesem Land den Kampf um Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit, der mit der offensichtlich illegitimen Verfassungsänderung mitnichten beendet ist, mit Gottes Hilfe auch in Zukunft aus nächster Nähe journalistisch begleiten", fügte Yücel mit Blick auf das umstrittene Verfassungsreferendum zur Stärkung der Macht des türkischen Präsidenten hinzu, das Erdogan Mitte April knapp gewonnen hatte.

Yücel sieht sich als "Geisel"

Auch die "tageszeitung", für die Yücel arbeitete, druckte auf ihrer Titelseite eine Botschaft von ihm. Dort heißt es:

"Sie haben über 150 Journalisten und Tausende andere mit absonderlichen Vorwürfen belegt und verhaftet. Aber sie haben uns eigentlich nicht verhaftet. Sie haben uns als Geiseln genommen. Ihr Ziel war, über uns die Gesellschaft einzuschüchtern. Doch in den letzten Wochen haben wir gesehen: Es ist ihnen nicht gelungen."

Vorwurf: "Terrorpropaganda"

Yücel hatte sich Mitte Februar freiwillig der Polizei in Istanbul zur Befragung gestellt und war daraufhin in Gewahrsam genommen worden. Ihm werden wegen seiner Artikel zum Putschversuch und zum Kurdenkonflikt "Terrorpropaganda" und "Volksverhetzung" vorgeworfen.

Die Bundesregierung dringt auf seine Freilassung, Kritiker sehen den Fall als politisch motiviert. Erdogan hat eine Auslieferung des deutsch-türkischen Journalisten in seiner Amtszeit ausgeschlossen. Er bezeichnete Yücel zudem wiederholt als deutschen Spion und Agenten der Terrororganisation PKK.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 05. Mai 2017 um 04:00 Uhr.

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