Vorbild "Wiener Modell" Suchst du noch oder wohnst du in Wien?

Stand: 09.08.2014 13:12 Uhr

Wohnungsnot? Nicht in Wien. Die Stadt an der Donau ist der größte Immobilienbesitzer Europas und setzt seit Jahrzehnten auf soziales Wohnen. Das "Wiener Modell" - eine Erfolgsgeschichte vom gerechten Wohnen, bei dem auch Ungerechtigkeiten in Kauf genommen werden.

Von Karla Engelhard, ARD-Hörfunkstudio Wien

Michael und Victoria sind ein junges Wiener Paar. Sie studieren Tourismusmanagement und wollen zusammenziehen. Seit Monaten hat Michael im Internet eine bezahlbare Wohnung gesucht. Das Angebot sei schon ziemlich groß, sagt er. "Ich glaube, dass es überdurchschnittlich viele freie Wohnungen gibt. Preislich ist es sehr durchwachsen. Zur Privatmiete würde für uns nicht in Frage kommen, weil es dann deutlich über zehn Euro pro Quadratmeter kostet. Aber über Genossenschaften und dergleichen gibt es immer wieder super Wohnungen."

Die Auswahl ist groß. Der Stadt Wien gehören 220.000 Wohnungen, 200.000 weitere hat sie finanziell gefördert. Die meisten gehören den vielen Genossenschaften. Insgesamt leben von den 1,8 Millionen Wienern  zwei Drittel in einer geförderten Wohnung oder einer Gemeindewohnung. Mehr als 600 Millionen Euro hat die Stadt Wien, die zugleich auch ein Bundesland ist, pro Jahr dafür bereitgestellt.

Das Hundertwasserhaus in Wien. | Bildquelle: picture alliance / ZB
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Es muss ja nicht gleich das Hunderwasserhaus in Wien sein. Zu dem Wohnkomplex gehören Wohnungen, ein Cafe, eine Einkaufspassage und viele Bäume und Sträucher auf einer Terasse.

In Deutschland gibt nicht mal der Bund so viel Geld für das Wohnen aus. Der Wiener Stadtrat für Wohnen, Wohnungsbau und Stadterneuerung ist stolz auf das "Wiener Modell". "Ich glaube, das Geheimnis ist, dass es keine politischen Zäsuren gegeben hat, wenn man von der Zeit des Faschismus absieht", sagt Michael Ludwig. "Es hat eine kontinuierlich sozialdemokratisch geprägte Wohnbaupolitik gegeben, mit dem besonderen Schwerpunkt kostengünstige Wohnungen anzubieten und auch die soziale Mischung im Auge zu behalten."

Die Mischung stimmt

Als deutsche Städte, wie Berlin und Dresden, aus Geldnot ihre kommunalen Wohnungen verkauften, bewahrte die Stadt Wien ihren Bestand. Wohnungsnot oder heruntergewirtschaftete Wohnviertel, kennt die Donaumetropole nicht, weil die Mischung stimmt. "Die Adresse soll nicht Auskunft geben, was wer verdient, was man sich leisten kann und da gibt es durchaus Beispiele in anderen europäischen Städten, die für mich nicht nachahmenswert sind", sagt Stadtrat Ludwig.

Die Mieten pro Quadratmeter in Gemeinde- oder Genossenschaftsbauten liegen zwischen drei und zehn Euro. Auf dem privaten Wohnungsmarkt zahlt man das Zehnfache oder mehr. Michael und Viktoria können Ende September in ihr erstes gemeinsames Heim einziehen. "Eine Zweizimmerwohnung in einem schönen Gebäude, schön renoviert. Ein Balkon ist auch dabei. Die Kosten liegen unter zehn Euro pro Quadratmeter."

Geringe Mieten für die Mehrheit und ein restriktives, aber reformbedürftiges, Mietrecht - das wirkt in Wien beruhigend auf den privaten Wohn- und Immobilienmarkt. Doch die Europäische Union wittert Wettbewerbsverzerrung. Für die Wiener Stadtverantwortlichen ist bezahlbares Wohnen ein Grundrecht, das sie verteidigen wollen, dabei sind sie nicht allein. Die kämpferische Wiener Resolution an die EU-Wettbewerbskommission haben bisher dreißig Städte aus ganz Europa unterzeichnet - von Amsterdam bis Zagreb. 

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