Eine Pappmaske von Geert Wilders | Bildquelle: AP

Nach Niederlande-Wahl War der Wilders-Hype übertrieben?

Stand: 20.03.2017 08:21 Uhr

Die Welt blickte auf die Niederlande, als dort vor einer Woche ein neues Parlament gewählt wurde: Würde die Niederlande nach rechtsaußen abdriften? Es kam anders, obwohl Geert Wilders leicht zulegte. War die Angst vor dem Phänomen Wilders übertrieben?

Von Malte Pieper, ARD-Studio Brüssel

Es war noch am Wahlabend, als einer der Gewinner - der Chef der Linksliberalen, Alexander Pechtold - voller Zufriedenheit auf den Platz vor dem Parlament in Den Haag deutete. Auf jenen Platz, auf dem dicht an dicht die Übertragungswagen der ausländischen Medien standen. Selbst aus Australien, Korea und Südamerika waren sie herbeigeeilt, um live beim Abdriften Hollands nach rechtsaußen dabei zu sein. Was bekanntlich nicht stattfand.

Der Linksliberale sprach nun also mit einem spöttischen Lächeln: "Ich denke, es ist schon ein Haufen Journalisten dabei, die jetzt bei ihren Chefs anrufen und sagen müssen: Mensch, ich glaube, wir lagen ziemlich verkehrt und dachten, es würde viel irrer werden." Aber die Niederländer seien einfach nüchtern. "Das finde ich ein wichtiges Signal: Wenn es darauf ankommt, stimmen die Menschen relativ vernünftig ab", so Pechthold.

Wilders (links) und Rutte am Tag nach der Parlamentswahl | Bildquelle: REUTERS
galerie

Verlierer Geert Wilders, Wahlsieger Mark Rutte.

Ein Sechstel der Niederländer wählt Populisten

Die Erleichterung verkennt allerdings die tatsächliche Lage: Zwar ist der große Sieg ausgeblieben, aber Wilders hat erneut zugelegt. Mehr als 13 Prozent der Niederländer haben für ihn gestimmt, dazu kommen noch vier bis fünf Prozent für andere populistische Parteien. Vor allem an der Grenze zu Deutschland ist Wilders' PVV nach wie vor stärkste Kraft, so wie im fast 40.000 Einwohner starken Sittard, nördlich von Maastricht: "Der Mann spricht Sachen aus, die wir hier in Holland einfach denken. Es geht nicht per se darum, dass das auch tatsächlich passieren muss. Aber er sagt es wenigstens", so ein Sittarder.

Die örtliche Marktfrau umschreibt ihre morgendlichen Gespräche so: "Ich denke, hier im Süden der Niederlande wohnen viele Menschen, die wenig verdienen. Manche haben sonst nie gewählt, diesmal eben PVV." Wenn man denen sagen würde, Wilders käme doch sowieso nicht in die Regierung, dann wäre die Antwort: Sie wollten wenigstens ein Zeichen setzen.

Wie viel Raum räumt man Rechtspopulisten ein?

Er sagt es wenigstens - ein Argument, das auch Erica Meijers inzwischen nicht unvertraut ist. Die Historikerin arbeitet bei der grünen-nahen "De Helling"-Stiftung und sie betont: Heute werden Dinge zum Beispiel über Migranten frei heraus gesagt, die noch vor 20 Jahren undenkbar waren: "Vielleicht ist es gut, dass es jetzt auch sichtbar ist, ganz einfach weil diese Gedanken offenbar schon immer da waren, aber aus 'politischer Korrektheit' nicht gesagt wurden. Jetzt wissen wir wenigstens, womit wir zu tun haben."

Es ist ein Problem, vor dem Hollands Medien auch jetzt wieder stehen: Wie viel Raum räumt man Wilders ein? Selbst wenn er nicht nur provoziert, sondern auch hetzt: "Man kann ja nicht sagen, dass er das ganze Volk vertritt, so wie er selbst behauptet, aber er ist nun einmal eine Stimme, die für eine Gruppe der Gesellschaft spricht. Das kann man nicht einfach unter den Teppich kehren." Diese Vorstellungen seien nun mal da und davor könne man nicht die Augen verschließen.

"Man sollte nicht so schnell 'Holland in Not' schreiben"

Zum Problem werde die Berichterstattung über Wilders doch nur, wenn sie übertrieben werde, analysiert der Politikwissenschaftler Koen Vossen von der Universität Nijmegen. Das geschah im Vorfeld dieser Wahl aus seiner Sicht vor allem im Ausland.

Deshalb waren eben auch so viele Journalisten am Wahlabend in Den Haag, die alle wie gebannt auf den Scheinriesen Geert Wilders starrten, der schon bei der ersten Prognose zusammenschrumpfte: "Man sollte nicht so schnell 'Holland in Not' oder 'Europa in Not' schreiben - all diese Schreckgespenster." Das sei vielleicht für Journalisten gut, um Zeitungen zu verkaufen, aber er denke, es gehe alles nicht so schnell schief, so Vossen: "Auch nicht in Deutschland. Die AfD, wieviel haben die? Um die zehn Prozent bundesweit in Umfragen? Müssen wir davor wirklich Angst haben?"

Wenn man eines aus dieser Holland-Wahl lernen könne: Ein bisschen weniger "Sensationsschreiberei" würde der Sache ganz gut tun. Die nächste Bewährungsprobe steht schon vor der Tür: Ende April wählt Frankreich einen neuen Präsidenten und derzeit liegt in vielen Umfragen vorne: die Rechtspopulistin Marine Le Pen.

Niederlande diskutieren: Haben Medien Wilders erst hochgeschrieben?
M. Pieper, ARD Brüssel
19.03.2017 22:09 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 20. März 2017 um 06:46 Uhr.

Darstellung: