Wahlkampf in Albanien | Bildquelle: AP

Wahl in Albanien EU als Chance gegen die Armut

Stand: 25.06.2017 02:21 Uhr

Albanien ist seit 2014 EU-Beitrittskandidat und eines der ärmsten Länder Europas. Heute wird gewählt. Pro-europäisch, wenn die Umfragen stimmen. Vor allem eine Altersgruppe macht Albanien Sorgen.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Hörfunkstudio Wien

Die Europahymne, gespielt mit einer Mundharmonika, auf der Abschlusskundgebung der Demokratischen Partei. Wenn es eine Zukunftsperspektive gibt, die die beiden großen politischen Kräfte des Landes miteinander verbindet, dann ist es - Europa.

Albanien, das unverändert unter schwachen staatlichen Institutionen, grassierender Korruption im Justizwesen und patronageartig funktionierenden Parteien leidet, ist seit 2014 Beitrittskandidat der Europäischen Union. Die Sozialisten unter dem zur Wiederwahl stehenden Ministerpräsidenten Edi Rama und die Demokraten unter Führung von Ex-Außenminister Lulzim Basha werben unisono mit dem Versprechen, Albanien mittelfristig in die EU zu führen.

Wahlkampf von Basha in Albanien | Bildquelle: REUTERS
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Ex-Außenminister Lulzim Basha beim Wahlkampf

Aus dem Protestcamp in den Wahlkampf

Ohne Basha, den 43-jährigen Vorsitzenden der Demokratischen Partei, hätte es diesen Wahlsonntag vermutlich nicht gegeben. Bis vor fünf Wochen hatten Basha und seine Anhänger ein Vierteljahr Protestzelte errichtet. Erst auf massivsten Druck des US-Botschafters in Tirana und der EU-Vertreter beendete Basha seinen Boykott, zu den Wahlen überhaupt antreten zu wollen. Er unterzeichnete mit Regierungschef Rama ein Art innenpolitischen Waffenstillstand, erhielt einige Kabinettsposten und die Zusage, alle Wahlvorgänge präzise kontrollieren zu dürfen.

Obgleich albanische Politikexperten bereits von einer möglichen Großen Koalition zwischen Sozialisten und Demokraten orakeln - den eher moderaten und friedlichen Wahlkampf finden zahlreiche Wähler gut: "Ja, das stimmt - der Wahlkampf war dieses Mal ruhiger und wurde von allen akzeptiert. Die Parteien haben einen Wortschatz verwendet, den es in einem Wahlkampf geben sollte, anders als früher."

Wahlkampf von Rama in Albanien | Bildquelle: AP
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Ministerpräsident Edi Rama hat gute Chancen auf eine Wiederwahl.

Jugend verlässt das Land

Die Umsetzung der Reformen, die jede künftige Regierung durchzusetzen hat und auf denen die EU besteht, bildete das Hauptthema des Wahlkampfes. Brüssel drängt massiv auf erkennbare Fortschritte beim Kampf gegen die Korruption in Politik und Justizwesen.

Unverändert wenden vor allem junge Albaner ihrer Heimat den Rücken zu, weil ihnen das Tempo der Anpassung an westliche demokratische Standards viel zu langsam ist. "Ich bin sicher, dass es eine Veränderung geben muss", kritsiert ein Ingenieur-Student. "Für die Jugend gibt es keine Arbeit und viele wollen ins Ausland gehen. Deshalb ist es wichtig, dass hier die Politiker mehr für die Jugend tun und neue Arbeitsplätze schaffen."

"Die sind alle gleich"

Die jüngste Umfrage des italienischen Meinungsforschungsinstituts IPR Marketing, dessen Zahlen sich bei vergangenen Wahlen als weitgehend zutreffend erwiesen haben, sagt Regierungschef Rama und seinen Sozialisten einen Sieg mit 48 Prozent der Stimmen voraus, die Demokraten von Herausforderer Basha sehen die Demoskopen bei 33 Prozent.

Entscheidend sind jedoch die anschließenden Koalitionsverhandlungen, wobei es oftmals nach dem Motto gehe: "Gestern mein politischer Feind, heute mein bester Verbündeter." Der Unmut über die Parteien sei, so bilanzieren Demoskopen, sehr weit verbreitet. Ob es klare politische Unterschiede zwischen Sozialisten und Demokraten gebe? Der junge Student winkt ab: "Die sind alle gleich. Jeder denkt an sich. An die armen Leute denkt keiner von denen."

Albanien wählt ein neues Parlament
Clemens Verenkotte, ARD Wien
25.06.2017 00:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. Juni 2017 um 04:53 Uhr.

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