Schlange von Menschen auf der Simon-Bolivar-Brücke | Bildquelle: AFP

Venezolaner fliehen nach Kolumbien Auf der Suche nach Zukunft - oder Klopapier

Stand: 13.08.2017 02:24 Uhr

Früher war Venezuela für viele Kolumbianer das gelobte Land. Sie kamen über die Simon-Bolivar-Brücke. Heute fliehen die Menschen in die andere Richtung. Ihre Hoffnung: Eine neue Perspektive - oder wenigstens Klopapier.

Von Burkhard Birke, ARD-Studio Paris, zurzeit Caracas

Eine schier endlose Menschenschlange windet sich um das ockerfarbene Gebäude der Migrationsbehörde. Die Grenzstadt San Antonio wirkt wie im Belagerungszustand. Frauen, Kinder, vor allem aber junge Männer stehen auf dem Gehsteig, teils an die Wand gelehnt, andere sitzen auf Koffern und Kisten mit dem Nötigsten.

"Ich stehe an, um die Ausreise in meinem Pass abstempeln zu lassen." Seit sechs Uhr früh, fünf lange Stunden bereits wartet Antonio. Er hat schon die lange Reise aus dem östlichen Bundesstaat Anzoategui hinter sich - Fast 1000 Kilometer entfernt. "Ich möchte ein besseres Leben für mich und meine Familie. Ich lasse die Familie zurück. Ich habe in der Ölindustrie gearbeitet, aber hier sehe ich keine Zukunft. Da ist nichts mehr zu holen."

Dabei ist die Ölindustrie Venezuelas wirtschaftliches Rückgrat: Mehr als 90 Prozent seiner Einnahmen erzielt der Staat mit Öl.

Menschenmassen in San Antonio (Foto: Birke/ARD)
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San Antonio wirkt wie im Belagerungszustand.

"Besser als in Venezuela ist es da allemal"

Die Schlange bewegt sich nicht, das System ist zusammengebrochen. Es gibt kein Internet, die Menschen werden unruhig. "Derzeit ist das eine totale Diktatur", klagt ein anderer junger Mann. Auch er kommt aus der Ölindustrie. "Ich will eine neue Chance, will nach Bogotá oder in ein anderes Land, besser als in Venezuela ist es da allemal."

"Alles was die Regierung anpackt, macht sie kaputt. Je mehr sie kontrollieren, desto mehr geht kaputt. Und mit der Verfassungsversammlung machen sie uns Angst, das gibt nur mehr Diktatur noch mehr Kontrolle", ergänzt ein junger IT Student. Frau und Kind hat er zurückgelassen. Er will nach Peru, wenn er denn endlich seinen Stempel bekommt.

Nur zu Fuß darf die Grenze überquert werden

Diejenigen, die es geschafft haben, schleppen ihre Koffer in brütender Hitze Richtung Grenzübergang.  Autos sind verboten: Nur zu Fuß darf die erst vor einem Jahr wieder geöffnete Grenze überquert werden.

Venezolanische Sicherheitsbeamte kontrollieren sporadisch Taschen: Denn unter den 30.000 Personen, die alltäglich über die Brücke Simon Bolivar ins kolumbianische Cucutá ausreisen, sind viele Schwarzhändler und Schmuggler, die abends zurückkehren. Mitten auf der Brücke preisen ambulante Verkäufer ihre Waren an.

Schlange von Menschen vor der Simon-Bolivar-Brücke | Bildquelle: REUTERS
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30.000 Menschen wollen täglich über die Brücke. Davor bilden sich lange Schlangen.

Mehl, Reis, Klopapier

Nur schrittweise kommt die Schlange voran: Kolumbianer rechts, Ausländer links. Kolumbianische Beamte versuchen, die nicht abebben wollende Menschenmenge zu kontrollieren. Am Ende der Brücke stempelt die Grenzbehörde Pässe: Keine Schlange, kein Warten - hier funktionieren die Systeme.

Das Gros der Venezolaner reist zudem inoffiziell ein. Andere stürmen mit Karren bewaffnet in die Läden: Säcke Mehl, Reis, Kisten mit Öl und Klopapier stapeln sich - alles, was es in Venezuela nicht gibt.

Benzin wäre billig, ist aber Mangelware

Für zwei Dollar lässt sich indes Taxifahrer Fernando das aus Venezuela über die grüne Grenze geschmuggelte Benzin einfüllen. Günstig - aber für den Preis kann man in Venezuela hunderte Liter, ja einen ganzen Tankwagen voll Benzin kaufen. An den Tankstellen dort sind aber kilometerlange Warteschlangen zu sehen, denn der Verkauf im Grenzgebiet ist limitiert oder wird an Sondertankstellen zu höheren Preisen abgewickelt.

Nach zehn Minuten Fahrt erreicht das Taxi das Centro de Migraciones, das Einwanderungszentrum, ein kleines flaches Gebäude in einer unauffälligen Seitenstraße Cucutas. "Wir kanalisieren die Ankommenden: Familien mit Kindern haben Vorrang und sie dürfen nur einmal für ein paar Tage hier bleiben, weil wir Durchgangsstation sind", erklärt Koordinator Willington Munoz.

Das Zentrum regelt Asylanträge und zahlt die Weiterreise: 90 Tage Aufenthalt auf zwei Jahre verlängerbar gewährt die kolumbianische Regierung den Venezolanern problemlos. In allen größeren Städten vor allem in Grenznähe können sie ihren Status legalisieren.

Das Centro de Migraciones in Cucuta (Foto: Birke/ARD)
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Das Centro de Migraciones regelt auch die Weiterreise.

Viele müssen auf der Straße schlafen

200 Menschen finden in dem für 100 Personen ausgelegten Centro Platz. Die Zahl der Ankömmlinge steigt kontinuierlich, viele müssen abgewiesen werden. Hauptsächlich Wirtschaftsmigranten, einige politische Flüchtlinge, geflohene Kolumbianer, die zurückkehren.

Viele, vor allem Jugendliche ohne Pass, müssen auf der Straße schlafen. Steigen Kriminalität und Prostitution? "Hier gibt es viel Armut, einen großen informellen Sektor", erklärt Pater Francesco Bortignon. Einwanderer würden da schon als Konkurrenten um Arbeit gesehen. "Aber nicht so sehr wie in Europa", ergänzt der Geistliche.

Seit Jahrzehnten arbeitet der Italiener auf beiden Seiten der Grenze und erinnert an die Zeiten des Öl-Booms, als Millionen von Kolumbianern aus Not oder als Bürgerkriegsflüchtlinge ins gelobte Land Venezuela ausgewandert sind. Jetzt ist ein friedfertiger gewordenes Kolumbien für viele Venezolaner das gelobte Land geworden.

Massenflucht aus Venezuela
Burkhard Birke, ARD zzt. in Caracas
13.08.2017 00:58 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. August 2017 um 12:36 Uhr.

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