Jörg Schönenborn | Bildquelle: WDR/Herby Sachs

Demoskopen vor der US-Wahl Die Umfragen lagen daneben - warum?

Stand: 10.11.2016 14:47 Uhr

Die Umfragen waren ziemlich klar, die meisten Journalisten waren sich einig: Hillary Clinton wird die US-Wahl wohl gewinnen. Das war falsch, wie jetzt alle wissen. Woran lag das? ARD-Wahlexperte Jörg Schönenborn analysiert es.

Von Jörg Schönenborn, WDR

Um es vorwegzunehmen: Natürlich gab es Probleme mit den Umfragen. Aber trotzdem: Die Umfragen sind im Zusammenhang mit der Wahl von Donald Trump nicht unser größtes Problem. Vielmehr hat das Entsetzen und Kopfschütteln bei großen Teilen von Medienmachern und Publikum am Mittwochmorgen vor allem damit zu tun, dass wir das Phänomen Trump kulturell nicht verstanden haben.

Das ist einerseits erstaunlich, haben wir es doch in den meisten europäischen Ländern mit zumindest ähnlichen Entwicklungen zu tun. Andererseits auch nicht - denn der Erfolg von Donald Trump lässt sich auf einen Satz reduzieren: Die eine Hälfte der amerikanischen Gesellschaft hat Sorgen und Ängste, die die andere Hälfte nicht nur nicht hat, sondern auch nicht zur Kenntnis nimmt - im Kern die Angst vor (weiterem) sozialen Abstieg.

So weit auseinander, dass sie sich niemals begegnen

Auch unsere Gesellschaft hat Gräben, auch bei uns liegen Arm und Reich auseinander, aber das ist nicht vergleichbar. In den acht Obama-Jahren hat die Wirtschaft in einigen Bundestaaten geboomt und ist bis zu 38 Prozent gewachsen, in anderen ist sie um zehn Prozent geschrumpft. Die einen profitieren von bestbezahlten Jobs in der Internetwirtschaft, bei den anderen schrumpft der Lebensstandard seit langem von Jahr zu Jahr, trotz Lohn und Arbeit.

Weil diese Gruppen so weit auseinander leben, dass sie sich im Alltag niemals begegnen, waren sich die amerikanischen Mainstream-Medien todsicher, dass jemand wie Trump nicht Präsident werden kann. Und auf diese Erkenntnis haben auch wir weitgehend unsere Einschätzungen gestützt. Peter Thiel, der Gründer des Bezahldienstes Paypal, hat es wunderbar auf den Punkt gebracht: Die Journalisten haben Trump beim Wort genommen, aber ihn nicht ernst. Seine Wähler haben ihn ernst genommen, aber nicht beim Wort.

Ich hatte vergangene Woche in Albuquerque in New Mexico Gelegenheit, Trump bei einem seiner Wahlkampfauftritte zu beobachten. Das hat mir die Augen geöffnet. Trump gibt der verlorenen Hälfte der Gesellschaft das Gefühl, dass er sie versteht. Dabei ist nicht wichtig, was er genau verspricht, sondern mit welcher Geste und Botschaft er es macht. Und das war sehr überzeugend.

Möglicher Messfehler von rechnerisch +/- 2,5 Punkten

Ja, viele Umfragen waren mangelhaft. Und trotzdem haben wir sie selektiv gelesen und die Fehler deshalb leichtfertig übersehen. In den USA gibt es für Umfrageinstitute ein Ratingsystem von Fachleuten wie sonst Banken - von A plus bis C minus. Eines der wenigen A-Plus-Institute ist das von Gary Langer, das für die "Washington Post" und den Fernsehsender ABC arbeitet, mit dem die ARD einen Partnerschaftsvertrag hat. Seine letzten Werte vom Montag sahen für Clinton 47 und für Trump 43 Prozent vor, bei einem möglichen Messfehler von rechnerisch +/- 2,5 Punkten.

Nun gibt es zwei Wege das zu bewerten. Einerseits war das ein klarer, aber nicht ausreichender Abstand für Clinton, denn statistisch könnte das Ergebnis ja auch 44,5 (-2,5) Prozent für Clinton und 45,5 (+2,5) Prozent für Trump sein. Das gibt die Umfrage her.

Dann stimmen die Eichpunkte nicht mehr

Andererseits fällt Trump mit seinem tatsächlichen Ergebnis von 47,5 Prozent aus dem Fehlerfenster heraus. Die Umfrage hatte also einen handwerklichen Mangel - wie viele andere auch. Und dafür gibt es Gründe. Einer ist, dass tatsächlich- wie oft vermutet - Anhänger neuer Parteien oder ungewöhnlicher Kandidaten bei Umfragen zurückhaltend sind, sie antworten nicht unbedingt falsch, aber nehmen seltener teil. Dieses Phänomen kennen wir in Deutschland von Republikanern und DVU und abgeschwächt aktuell von der AfD.

Aber das allein ist es nicht. Demoskopie ist eine erfahrungsbasierte Wissenschaft. Sie errechnet aktuelle Werte aus früheren Ergebnissen. Wenn sich aber der politische Wettbewerb grundlegend ändert, wenn es neue, andersartige Angebote ohne Erfahrungswerte gibt, dann stimmt der Eichpunkt nicht mehr. Eigentlich keine neue Erkenntnis, gerade die amerikanischen Institute haben das vielfach erlebt, sogar auf nationaler Ebene.

Ein nationales Rennen, das es tatsächlich nicht gibt

Das nächste Problem: Die überwiegende Mehrzahl der Umfragen hat ein fiktives nationales Rennen abgefragt, das es aber gar nicht gibt. Dieses Rennen hat übrigens nach gegenwärtigem Stand Hillary Clinton tatsächlich gewonnen, mit knappem Vorsprung. Tatsächlich finden aber 51 Wahlen in den Bundesstaaten statt, getrennt voneinander, sogar nach unterschiedlichen Regeln. Theoretisch müsste man diese methodengleich parallel abfragen, um belastbare Ergebnisse zu bekommen. Aber das ist überhaupt nicht finanzierbar. 51 Umfragen kosten den 51-fachen Preis.

Dann aber hätte man vielleicht auch das letzte Problem genauer untersuchen können. Durch veränderte Wahlgesetze haben über 40 Millionen Amerikaner vorab gewählt, teilweise schon ab Mitte September. Teilweise war das, wie in Wisconsin und Pennsylvania, aber auch nicht möglich. In einem Wahlkampf mit derartigen Stimmungskurven sollten aber der Zeitpunkt der Messung und der Stimmabgabe zumindest nah beieinander liegen - was praktisch unmöglich ist.

Diese Sätze sollten wir nicht wörtlich nehmen, aber ernst

Was lernen wir aus alldem? Zunächst: Umfragen sind keine Vorhersagen, können es nicht sein. Auch wenn Fachleute in den USA mit noch so ausgeklügelten Methoden versucht haben, Umfragen in Prognosen zu verwandeln. Die ARD hat deshalb bei Bundestags- und Landtagswahlen trotz heftiger Kritik an ihrer Position festgehalten, in den letzten zehn Tagen vor der Wahl keine Sonntagsfrage mehr zu veröffentlichen und auch gar nicht errechnen zu lassen. Denn sie könnte dann nur als Prognose auf den Wahlausgang missverstanden werden.

Vor allem aber sollten wir versuchen, das Phänomen Trump zu verstehen. Denn bei allen Unterschieden gibt es Parallelen zu uns. Auch bei uns kommt ein Teil der Gesellschaft nicht mehr mit - angesichts der rasanten Veränderungen und hat Ängste (ebenfalls vor Einwanderern und Flüchtlingen), die der andere Teil nur kopfschüttelnd wahrnimmt und für menschlich unanständig hält. Unanständig sind tatsächlich viele Argumente, Sätze und Formulierungen, die dann angeführt werden. Aber da sollten wir es mit dem oben zitierten Peter Thiel halten: Diese Sätze sollten wir nicht wörtlich nehmen, aber ernst!

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