Bernie Sanders auf einer Wahlkampfveranstaltung | Bildquelle: AFP

Bernie Sanders - der Clinton-Konkurrent Stur, authentisch, zugewandt

Stand: 01.03.2016 14:06 Uhr

Hillary Clinton oder Bernie Sanders? Wer von den beiden Präsidentschaftskandidat wird, ist am Super Tuesday die entscheidende Frage bei den Demokraten. Sanders kämpft für Klimaschutz, höhere Löhne und soziale Gerechtigkeit. Dafür verehrt ihn die Jugend.

Von Andreas Horchler, ARD-Studio Washington

Der Wahlkampf ist nicht gerade arm an Überraschungen. Vor einem dreiviertel Jahr dachten die meisten Beobachter: Das wird ein Duell der politischen Familien Bush und Clinton. Während Jeb Bush aufgegeben hat, weil der politische Außenseiter Donald Trump die meisten Stimmen sammelt, liegt Hillary Clinton zwar deutlich vorn, hat es aber mit Bernie Sanders zu tun, einem Kandidaten, der vielleicht noch auffälliger als Trump ist.

Bei den Vorwahlen konnte er bisher nur einmal gewinnen: in New Hampshire. Zuletzt verlor er in South Carolina haushoch gegen Clinton. Aber Sanders begeistert vor allem die jungen Amerikaner: "Wir brauchen tiefgreifende Veränderungen. Wir brauchen eine politische Revolution."

 Wie ein Dirigent

Bernie Sanders, Senator aus Vermont, ist kein Mitglied der demokratischen Partei. Der 74-Jährige mit den weißen Haaren, der bei seinen Reden wirkt, als dirigiere er ein Orchester, bezeichnet sich als demokratischen Sozialisten. Die Reichen seien unverschämt reich, die Banken hätten zu viel Macht, studieren sei zu teuer, Gesundheitsversorgung müsse erschwinglich werden, der Klimawandel sei real. Sein Thema ist die soziale Gerechtigkeit. Die will er nicht alleine erreichen, sondern mit einer großen politischen Bewegung.

Der Journalist Harry Jaffe hat gerade eine Sanders-Biografie geschrieben. "Why Bernie matters"- warum Sanders wichtig ist. Um den passionierten Streiter für die Anliegen der ärmeren Amerikaner zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf seine Lebensgeschichte: "Sein Vater kam verarmt in dieses Land. Das war 1941, er war 17. Er kam aus einem Ort im südlichen Polen. Elaj Sanders' gesamte Familie wurde im Holocaust ausgelöscht. Das ist nichts, was Bernie Sanders zur Schau trägt, oder sollte ich sagen auf seinem Arm… Aber das machte großen Eindruck auf ihn", so Jaffe.

Aufgewachsen in Brooklyn

Sanders wuchs in einem jüdischen Viertel in Brooklyn auf - umgeben von Menschen mit ähnlichen Schicksalen, von sozialreformerischen Ideen, von dem Wunsch nach begrenzter staatlicher Macht. Er studierte in Chicago, wo in den 1960er-Jahren Ideen von Sozialismus und freier Liebe kursierten. Er organisierte Proteste, zog nach Vermont in Neuengland. Nach vielen Anläufen wurde er Bürgermeister der Stadt Burlington.

Dort ist heute Miro Weinberger Rathaus-Chef: "Die Gemeinde engagiert sich sehr. Das macht Burlington aus. Das sehen sie zu einem gewissen Grad auch in der Kampagne von Bernie Sanders."

Anhänger von Bernie Sanders | Bildquelle: AFP
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Bernie Sanders hat gerade auch unter jungen Wählern der Demokraten viele Anhänger.

Junge Wähler für Sanders

Der Bürgermeister wurde Kongressabgeordneter, Senator und schließlich Präsidentschaftskandidat. Obwohl er das Bekenntnis eines demokratischen Sozialisten nie ablegte. Biograph Jaffe sieht als Erfolgsrezept eine Mischung aus Sturheit, Authentizität und Zuwendung.

Sieben von zehn demokratischen Wählern unter 30 Jahren sind für Sanders und gegen Clinton. Ein Erstwähler sagt: "Bernie Sanders ist der erste Politiker, dem ich überhaupt etwas mehr Aufmerksamkeit schenke, weil ich ihn nicht für eine Marionette der Konzerne halte."

Sozialismus? Ein Schimpfwort

Sozialismus, das ist für viele Amerikaner ein Schimpfwort. Immer noch. Der republikanische Präsidentschaftskandidat und Milliardär Trump wettert: "Sanders will unser Land verschenken. Wir werden das nicht zulassen."

Aber junge Amerikaner reagieren nicht mehr allergisch auf den Begriff Sozialismus, erklärt Emily Ekins vom Washingtoner Think Tank "Cato Instiute": Millenials, also die junge Generation, erinnere sich nicht an den Kalten Krieg. Diese Verbindung zwischen Sozialismus und der ehemaligen Sowjetunion sei für sie verschwunden. "Sie denken an eine sanftere, freundlichere Version. So wie in Skandinavien - das ist natürlich kein Sozialismus. Aber viele glauben irrtümlicherweise, diese Systeme seien sozialistisch. Sie haben sozialistische Elemente, aber auch Freiheit. Man kann in Dänemark frei sein!", so die Expertin.

Sorge vor Krieg

Nicht nur junge Leute unterstützen Sanders. Die Kongressabgeordnete Tulsi Gabbard fürchtet, eine Präsidentin Clinton würde Konflikte kriegerisch lösen wollen. Die ehemalige Soldatin unterstützt nach ihren Erfahrungen im Irak und in Afghanistan Sanders.

Ben Cohen, einer der Gründer der Speiseeiskette "Ben & Jerrys", unterstützt den Senator, der wieder und wieder gegen die Ein-Prozent-Gesellschaft der Superreichen wettert: "Obwohl ich zu diesem einen Prozent gehöre, kann ich mich doch immer noch um Fairness, Gerechtigkeit und Gleichheit sorgen. Das sind doch eigentlich die Werte, auf denen unser Land aufgebaut wurde", sagt Cohen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Bernie Sanders demokratischer Präsidentschaftskandidat wird, ist gering. Der 74-jährige Kandidat mit dem starken New Yorker Akzent hat aber schon jetzt den Beweis erbracht, dass die Gruppe jener Amerikaner, die für ein sozialeres Land und weniger Marktliberalismus eintreten, keine verschwindende Minderheit ist.

Clintons Herausforderer Bernie Sanders
A. Horchler, ARD Washington
01.03.2016 14:06 Uhr

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