Demonstranten liefern sich Straßenschlachten mit Regierungstruppen in Srinagar, der Hauptstadt von Jammu und Kaschmir. | Bildquelle: AP

Ausschreitungen in Kaschmir Steine, Gummigeschosse, Tränengas

Stand: 05.06.2017 17:18 Uhr

Mit Wucht entladen sich in Kaschmir die Spannungen zwischen indischen Regierungstruppen und muslimischen Bevölkerungsgruppen. Die Vorwürfe gegen die Soldaten sind heftig. Die Sorge vor einer weiteren Radikalisierung der Kaschmiris wächst.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Delhi

Während es an der Grenzlinie zwischen dem indischen und dem pakistanischen Teil Kaschmirs immer wieder zu Feuergefechten kommt, eskalieren die Proteste auf der indischen Seite. Straßenschlachten in Srinagar, der Hauptstadt von Jammu und Kaschmir - so der offizielle Name der indischen Provinz - sind seit Wochen an der Tagesordnung. Junge Kaschmiris werfen Steine auf gepanzerte Polizeifahrzeuge. Die Sicherheitskräfte schießen mit Gummigeschossen und mit Tränengas.

Indischen Angaben zufolge wurden heute vier Männer getötet, die in der Nähe von Srinagar ein Militärlager überfallen haben sollen. Eine unabhängige Bestätigung gibt es dafür bislang nicht.

Die Lage in Kaschmir war Anfang April eskaliert, als ein junger Kaschmiri, der Steine auf Sicherheitskräfte geworfen hatte, vor einen Militärjeep gebunden wurde, der dann an der Spitze eines Konvois durch mehrere Dörfer fuhr.

Aufschrei der Empörung

Der verantwortliche Soldat hatte dafür sogar eine Auszeichnung bekommen, was bei der Unabhängigkeitsbewegung von Kaschmir zu einem Aufschrei der Empörung geführt hatte. Einer ihrer Anführer, Mirwaiz Umar Farooq, sagte beim Freitagsgebet: "Diese Auszeichnung für die Beleidigung und Respektlosigkeit gegenüber einem unschuldigen Kaschmiri ist inakzeptabel."

Auch von pakistanischer Seite wurde der Vorgang scharf verurteilt. Der Sprecher des pakistanischen Außenministeriums, Nafeez Zakaria, bezeichnete den Vorgang als Versuch, Menschenrechtsverletzungen zu rechtfertigen. Er sagte: "Das war nicht das erste Mal, dass indische Besatzungstruppen schwere Gewalt gegen Zivilisten verüben. Sie sind an Vergewaltigungen beteiligt, an außergerichtlichen Ermordungen und Entführungen sowie der Schändung von Moscheen und anderen geheiligten Stätten." Zakaria appellierte an die internationale Staatengemeinschaft und "vor allem die Vereinten Nationen". Sie müssten "endlich handeln".

Immer häufiger islamistische Parolen

Während bei den Protesten in Srinagar und anderen Städten Kaschmirs immer häufiger islamistische Parolen zu hören sind, wächst die Sorge, dass sich die jungen Kaschmiris weiter radikalisieren. Ein Vertreter der indischen Armee sagte der BBC, in den vergangenen Jahren seien in Kaschmir viele Moscheen der fundamentalistischen und von Saudi-Arabien unterstützten Wahabismus-Bewegung entstanden.

Angefeuert werden die jüngsten Proteste gegen die indischen Sicherheitskräfte von Berichten über Diskriminierungen und Angriffe gegen Muslime in anderen Teilen Indiens. Seit die nationalistische Hindu-Partei BJP unter Premierminister Narendra Modi im Amt ist, kommt es in vorwiegend hinduistischen Regionen des Landes immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen gegen Muslime, mit dem Vorwurf, sie hätten Kühe getötet, die bei Hindus als heilige Tiere gelten.

Lebenslange Haft für Tötung einer Kuh

In mehreren indischen Bundesstaaten ist nicht nur das Schlachten von Kühen verboten, sondern auch der Verkauf von Rindfleisch. In Gujarat, dem Heimatstaat des indischen Premierministers Modi, soll die Tötung einer Kuh in Zukunft mit lebenslanger Haft bestraft werden können. Betroffen davon sind vor allem indische Muslime, für die Rindfleisch ein wichtiges Grundnahrungsmittel darstellt.

Die Region Kaschmir ist zwischen Indien und Pakistan geteilt, beide Länder beanspruchen das Territorium komplett für sich. Außerdem kämpfen Rebellengruppen seit Jahrzehnten für eine Unabhängigkeit des von Indien kontrollierten Teils Kaschmirs oder für einen Zusammenschluss mit dem benachbarten Pakistan.

Die Bevölkerung von Kaschmir ist vorwiegend muslimisch. Bei der Teilung der einstigen britischen Kolonie in Indien und Pakistan vor 70 Jahren hatten sich die Herrscher Kaschmirs jedoch für eine Zugehörigkeit zu Indien entschieden. Angesichts der großen Jugendarbeitslosigkeit und der wachsenden sozialen Probleme in der Region wächst die Wut auf die Regierung.

Proteste und Feuergefechte in Kaschmir
B. Musch-Borowska, NDR
05.06.2017 16:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am23.05.2017 um 15:50 Uhr.

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