Nairobi-Damm: Müllverschmutzung | Bildquelle: Sabine Bohland/SWR

Tag der Umwelt Der Müll in Kenias Slum Kibera soll weg

Stand: 05.06.2018 10:30 Uhr

Vor mehr als 70 Jahren wurde der Nairobi-Damm als Freizeitoase in der Stadt gebaut: man konnte segeln und angeln, es gab sauberes Trinkwasser. Heute stinkt es dort erbärmlich - der Damm ist eine Müllkippe.

Von Sabine Bohland, ARD-Studio Nairobi

"Was meint ihr, wofür sind Bäume gut?", fragt der Lehrer in dem kleinen, rosafarben gestrichenen Klassenraum. "Dann gibt es mehr Regen", antwortet ein Kind. "Und sie spenden Schatten…" ‚ sagt ein anderes. "Und Früchte!" Die Schüler sind eifrig bei der Sache. Was für manches deutsche Grundschulkind vielleicht selbstverständliches Wissen ist, gilt für diese Kinder nicht. Sie wachsen in Kibera auf, einem der größten und berüchtigsten Slums in Kenias Hauptstadt Nairobi. Mit intakter Natur und Umwelt haben sie wenig zu tun. Ihr Lehrer Gikara Ondieki, genannt Santos, möchte das ändern.

Nairobi-Damm: Lehrer Santos im Unterricht | Bildquelle: Sabine Bohland /SWR
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Wenn Lehrer Santos Umweltunterricht im Slum von Kibera gibt, sind die Kinder eifrig bei der Sache.


Früher war Santos ein begabter Sportler, daher sein Fußballer-Spitzname. Mit einer Karriere in diesem Bereich wurde es aber nichts. Kein Wunder, wenn man in Kibera aufwächst. Niemand hat hier eine goldene Zukunft. Aber anstatt wie viele andere arbeitslos herumzuhängen, widmet Santos seine Zeit den Kindern von Kibera - der Umwelt und seinem Traum.

Eine Schüssel voll Bohnen und Reis

Der Unterricht ist vorbei und jetzt gibt es das, wofür die meisten Kinder gekommen sind: Mittagessen. Viele ihrer Eltern leben an der Armutsgrenze und sind froh, dass Santos mit seiner kleinen Hilfsorganisation einmal pro Woche die hungrigen Mäuler stopft. Dass eine Schüssel voll Bohnen und Reis der Hauptgrund ist, dass die Kinder zu ihm kommen, findet Santos nicht schlimm.

Nairobi-Damm: Lehrer Santos teilt Essen an die Schüler aus. | Bildquelle: Sabine Bohland/SWR
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Die meisten Kinder kommen für das Mittagessen: Lehrer Santos teilt es an die Schüler aus.

"Es ist so wichtig, den Kindern etwas über Umweltschutz beizubringen", sagt er. "Viele Erwachsene in Kibera haben mit Drogen und Alkohol zu tun und kümmern sich nicht um ihre Kinder. Also übernehme ich das und erzähle ihnen von der Natur. Ich hoffe auch, dass es sie davon abhält, Drogen zu nehmen und sie sich stattdessen für ein sauberes Kibera einsetzen."

Nairobi-Damm als Freizeitoase der Stadt

Ein sauberes Kibera hat Santos als Kind in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch erlebt. Damals lebten nur wenige Menschen in Kibera, das Armenviertel erinnerte eher an ein Dorf. Und es gab den Nairobi-Damm. 1946 war der unter britischer Kolonialherrschaft gebaut worden, gedacht als Freizeitoase in der Stadt.

Es gab einen Segelclub, man konnte angeln, am Ufer des Stausees wurden Hochzeiten gefeiert, verschiedenste Vogelarten nisteten hier und der Damm spendete sauberes Trinkwasser. Dass es wieder so wird, ist Santos‘ Ziel. "Wir konnten es uns nicht leisten, eines der Segelboote zu mieten", erinnert er sich gerne, "aber wir haben uns welche aus Schilf gebaut und sind damit gesegelt."

Nairobi-Damm: Der Nairobi-Damm im Jahr 1958 | Bildquelle: Daphne Seager-Posma
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Früher ein Idyll: Der Nairobi-Damm im Jahr 1958.

Nairobi-Damm: Müll am Nairobi-Damm | Bildquelle: Sabine Bohland / SWR
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Heute ist der Stausee eine vermüllte, schlammige Fläche.

Eine Million Menschen leben in Kibera

Der Nairobi-Stausee ist heute allenfalls eine brackige Fläche, auf der manche Slumbewohner versuchen, ein wenig Mais anzubauen. Der Bevölkerungsdruck hat Kibera wachsen lassen, schätzungsweise eine Million Menschen leben inzwischen hier. Menschen, die Abfall produzieren, der von der Stadtverwaltung Nairobis aber nicht weggeschafft wird. Und so sind der Damm und Kibera auch: Müllkippen.

Es stinkt erbärmlich, wenn man durch die lehmigen Gänge läuft. Überall liegen Flaschen, Essensreste, Plastik jeglicher Art, kaputte Kleidung, Fäkalien. Eine Dreckschicht hat sich tief in den Erdboden eingefressen. Die "Umwelt" hat etwas Apokalyptisches. Und die meisten Bewohner sind zu sehr damit beschäftigt, für die nächste Mahlzeit zu sorgen. Da bleibt keine Energie, um Müll zu entsorgen.

Bauland wichtiger als ein Freizeitgelände

"Ich hoffe, dass ich diese Kinder so weit bringe, dass sie auch als Erwachsene dafür sorgen, dass ihr Lebensraum sauber bleibt. Ich wünsche mir, dass wir den Damm wiederbeleben können und wir hier wieder ein Stück intakte Umwelt haben." Einen kleinen Erfolg hat Santos schon erzielt: Überall in Kibera kennt man ihn als "Santos clean", den "sauberen Santos".

Nairobi-Damm: Umweltaktion Baumpflanzung | Bildquelle: Sabine Bohland/SWR
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Zum Tag der Umwelt hat der Naturschützer Tausende Bäume organisiert.

Für den Tag der Umwelt hat der Naturschützer Tausende Bäume organisiert. Die Vereinten Nationen, deren Umweltprogramm seinen Hauptsitz in Nairobi hat, haben sie bezahlt. "Immerhin", meint Santos. Doch sonst fühlt er sich in seinem Kampf für ein lebenswertes Kibera von der mächtigen Behörde und anderen großen Organisationen eher im Stich gelassen - ganz zu schweigen von seiner eigenen Regierung.

Zwar hat die vergangenes Jahr mit einem Plastiktütenverbot international für Furore gesorgt, aber das zentrumsnahe Gelände des Damms ist im Visier von Grundstückshaien, denen Bauland wichtiger ist als ein Freizeitgelände.

Aus dem Damm soll eine Oase werden

Doch Santos und die Kinder wollen so leicht nicht aufgeben. Voller Eifer sammeln sie Müll ein, mit bloßen Händen. Manche Plastikfetzen sind so groß, dass sie Tauziehen damit spielen können. Ein großer Spaß. Danach pflanzen sie die Bäume, einen nach dem anderen. Am Rande stehen schon die Ziegen und wittern das Grünfutter.

Doch Santos träumt trotz aller Hürden und Hindernisse davon, dass der Nairobi-Damm eines Tages wieder eine Oase wird. Dann will er mit den Kindern aus Kibera schwimmen gehen. So, wie er es als kleiner Junge noch konnte.

Eine Reportage zu diesem Themen können Sie heute auch in den Weltbildern sehen - um 23:30 Uhr im NDR-Fernsehen

Über dieses Thema berichtete der NDR in Weltbilder am 05. Juni 2018 um 23:30 Uhr.

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