Umberto Eco | Bildquelle: Tillmann Kleinjung/ARD

Nachruf auf Umberto Eco Erinnerung an eine Begegnung in den Marken

Stand: 20.02.2016 14:03 Uhr

Umberto Eco war mehr als Wissenschaftler und Schriftsteller. Er war auch politischer Beobachter, Journalist - und ein guter Gastgeber, erinnert sich Tilmann Kleinjung. Er traf Eco im vergangenen Sommer zu einem Gespräch über sein literarisches Werk und seine Abneigung gegen Twitter und Facebook.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Wie das so ist, wenn man einen ganz Großen trifft, einen von dem es heißt, er wisse alles: Der Korrespondent schämt sich für seine dummen, oberflächlichen Fragen und entschuldigt sich dafür. Und Umberto Eco ist milde und sagt, er springe über jedes Stöckchen, das man ihm hinhalte - ein Profi eben.

Also fangen wir an mit dem, was kurz vor dem Sommerinterview für Schlagzeilen gesorgt hat: Seine Aussage, dank der sozialen Medien hätten nun Legionen von Idioten das Recht, ihre Meinung öffentlich zu äußern. Ist aus dem großen Philosophen und Schriftsteller etwa ein Kulturpessimist geworden?

Eco mied soziale Medien

Nein, sagte Eco damals, prinzipiell habe er überhaupt nichts gegen das Internet: "Das ist doch wie mit dem Auto. Ich weiß, dass es auch gefährlich sein kann, Auto zu fahren, also fahre ich weniger. Und das gleiche gilt für das Internet: Ein Segen für die Menschheit, mit dem ich unendlich viele Informationen zur Verfügung habe. Mit dem Risiko, dass die Informationen falsch sind." Deshalb mied Eco Twitter und Facebook - auch, weil er keine Nachrichten erhalten wollte. Es war nicht leicht an ihn heranzukommen. Nach jahrelangen, erfolglosen Versuchen kam die Interviewzusage, als Ecos neuester Roman in Deutschland erschien.

Ein unkomplizierter, witziger Gastgeber

Ein Treffen im Landhaus des Schriftstellers in den Marken. Ein ehemaliges Jesuitenkolleg in der grünen Hügellandschaft, in dem Eco mit seiner deutschen Ehefrau Renate die Sommermonate verbrachte. Der 83-Jährige war ein unkomplizierter, witziger Gastgeber, der sich selbst nicht allzu ernst nahm.

Zum Beispiel, wenn er über seine Metamorphose vom Wissenschaftler zum Romanautor sprach: Andere brennen mit 48 Jahren mit einer kubanischen Tänzerin durch, er habe eben ein Buch geschrieben. "Es gab keine besondere Herausforderung mehr und da habe ich eines Tages Lust gehabt, eine neue Herausforderung anzunehmen. Ich dachte, ich hätte einen Roman mit einer Auflage von 3000 Stück geschrieben, so zum eigenen Vergnügen."

Welterfolg und Fluch zugleich

Herausgekommen ist der "Name der Rose", der ihn auf einen Schlag weltberühmt gemacht hat, ein Erfolg der ihn immer auch ein bisschen genervt hat - "Das ist doch der Autor von 'Der Name der Rose'!", hieß es oft.

"Wenn ich von all meinen Romanen nur einen retten könnte, würde ich das 'Foucaultsche Pendel' retten und nicht den 'Namen der Rose'", sagte Eco. "Der Roman gefällt mir besser, er ist reifer. Doch das ist ein Schicksal, das viele Schriftsteller teilen. Gabriel Gracia Márquez hat wunderschöne Romane geschrieben, 'Hundert Jahre Einsamkeit' ist geblieben. Vielen ist das so ergangen. Eigentlich müsste man nicht mit dem ersten, sondern erst mit dem letzten Buch Erfolg haben. Wenn du mit dem Ersten Erfolg hast, bist du verdammt."

Aufführung von "Der Name der Rose" im Kloster Eberbach | Bildquelle: dpa
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Eine Aufführung des Films "Der Name der Rose" im Kloster Eberbach. Dort wurde der Film mit Sean Connery 1986 gedreht. Zuletzt diente das Kloster aus dem 13. Jahrhundert als Kulisse für die Serie "Game of Thrones"

Suhrkamp lehnte "Name der Rose" wegen 3000 Mark ab

Der Suhrkamp-Verlag hätte das Manuskript von Umberto Ecos Welterfolg "Der Name der Rose" nach den Worten seines Cheflektors Raimund Fellinger einst für 15.000 Mark kaufen können - und lehnte ab.

"Verleger Siegfried Unseld wollte nur 12.000 bezahlen", sagte Fellinger dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung". "Der Hintergrund war, dass wir zwei Bücher von Eco in unserem Wissenschaftsprogramm hatten. Von denen hatten wir nur 800 Stück verkauft. Da stellte sich die Frage: Wie kommt ein Semiotik-Professor dazu, einen Roman zu schreiben und so viel Geld zu verlangen? Das war Pech."

Auf die Frage, ob jemand bei Suhrkamp den später millionenfach verkauften Roman vor der Absage gelesen habe, sagte Fellinger: "Eher nicht."

Mehr als Wissenschaftler und Schriftsteller

Vielleicht kommt sich Umberto Eco in seinem letzten Buch am nächsten. Er, der sich nie nur als Wissenschaftler oder Schriftsteller verstand, sondern immer auch als kritischer Beobachter, vulgo Journalist. In "Nullnummer" geht es allerdings um Journalisten, die ihrem Berufsstand keine Ehre machen, die Nachrichten frei erfinden, Gerüchte verbreiten und Menschen verunglimpfen.

"Mir ist das auch passiert", erzählte Eco. "Eine Zeitung hat einmal geschrieben: 'Professor Eco ist mit einem Unbekannten in einem chinesischen Restaurant gesehen worden, wie er mit Stäbchen gegessen hat.' Nichts Außergewöhnliches; mir war der Unbekannte nicht unbekannt, es war ein Freund. Der Artikel hatte keinerlei Aussage und doch wurde ein Verdacht heraufbeschworen, dieses Treffen kriminalisiert, wie das mysteriöse China des Doktor Fu Manchu."

Interview mit Umberto Eco (Ausschnitt in italienischer Sprache)
Eco: "In diesem Moment bin ich sehr pessimistisch, weil der Sinn für Solidarität abnimmt. Und ohne Sinn für Solidarität funktioniert Europa nicht mehr. Deshalb bin ich gerade sehr besorgt."

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Literarische Kritik an Berlusconi

"Nullnummer" spielt im Jahr 1992. Damals begann der Aufstieg des Medienmoguls Silvio Berlusconi, der fast 20 Jahre lang dem Land seinen Stempel aufgedrückt hat. Wie praktisch alle Kulturschaffenden in Italien ist Umberto Eco zuerst auf Distanz gegangen und dann auf Konfrontationskurs.

"Meiner Meinung nach, war und ist Berlusconi ein extrem schlauer Mann, der den Gang der Dinge durchblickt hat", so Eco. "Er hat verstanden, dass er mit dem Versprechen, keine Steuern mehr bezahlen zu müssen, Erfolg haben würde. 'Ihr seid unschuldig' - das war seine Botschaft. Dadurch ist er dafür verantwortlich, dass die kollektive Ethik Schaden genommen hat."

Große Ehrung in den USA

Das Landhaus des Professor Eco in den Marken war ein wunderbarer Ort, um die die Ära Berlusconi offiziell für beendet zu erklären. Beim Blick in die Hügellandschaft fühlte man sich wie aus einem bösen Traum erwacht. In 1000 Jahren wird niemand mehr wissen, wer Berlusconi war, sagte Eco im Sommer. Um seinen Nachruhm musste er sich keine Sorgen machen. Stolz berichtete er, dass sein umfangreiches literarisches und philosophisches Werk in den Vereinigten Staaten in die "Library of Living Philosophers" aufgenommen worden ist. Eine späte Genugtuung für einen Mann, dessen Werk allzu oft nur auf ein Buch reduziert wurde.

Interview mit Umberto Eco
T. Kleinjung, ARD Rom
26.09.2015 13:03 Uhr

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