Flüchtlingskinder im Camp Rhino beim Schulunterricht | Bildquelle: dpa

Flüchtlingscamp in Uganda "Jeder ist willkommen"

Stand: 27.10.2017 08:34 Uhr

Eine Million Südsudanesen sind seit Ausbruch des Bürgerkriegs vor vier Jahren nach Uganda geflohen. Eines der dortigen Flüchtlingscamps, das Rhino Camp, gilt als positives Beispiel dafür, wie Flüchtlingspolitik gelingen kann.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Maisbrei und Bohnen - sie sollen gegen den beißenden Hunger helfen. Im Flüchtlingslager Omugo im Norden Ugandas stehen junge Frauen auf einem Lastwagen und verteilen mit großem Kellen Essen aus dampfenden Töpfen. Vor ihnen drängt sich eine große Menschenmenge. Mehr als 100 Flüchtlinge stehen hier an, um ihre zweite Ration Essen an diesem Tag zu bekommen. Mehr wird es für sie heute nicht geben.

Esther Ita ist mit ihren sieben Kindern erst am Tag zuvor in diesem neu eröffneten Teil des Flüchtlingslagers Rhino-Camp in Ugandas Provinz Arua angekommen. Die Helferinnen des Welternährungsprogamms der Vereinten Nationen füllen ihr Maisbrei in eine große Schüssel, dazu drei Kellen mit gekochten braunen Bohnen. Das ist nicht viel für acht Personen, aber Ita ist trotzdem erleichtert. "Ich kann meine Familie endlich wieder ernähren", sagt sie, "meinen Kindern etwas zu Essen geben."

Tagelang ist sie mit ihnen durch den Busch gelaufen, hat sich Nacht um Nacht versteckt, damit die Soldaten und Milizen im Südsudan sie nicht finden konnten. "Wenn wir geblieben wären, hätten die Kämpfer uns getötet. Außerdem haben wir gehungert. Wir mussten nach Uganda fliehen", erzählt sie.

Esther Ita | Bildquelle: Caroline Hoffmann
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Esther Ita ist mit ihren sieben Kindern ins Rhino-Camp geflüchtet.

Mehr als zwei Millionen Flüchtlinge

Vor drei Jahren begann der Bürgerkrieg im Südsudan, mehr als zwei Millionen Menschen sind schon geflohen, viele nach Uganda, und täglich kommen immer noch Hunderte über die Grenze. Mehr als 80 Prozent sind Frauen und Kinder. Hier in Uganda werden sie aufgenommen, "egal wie viele noch kommen", sagt Solomon Osakan vom Büro des Premierministers in Arua. Die Regierung wolle, trotz der knapper werdenden Ressourcen, an ihrer Flüchtlingspolitik festhalten. Sie stellt das Land zur Verfügung und registriert die ankommenden Flüchtlinge. Internationale Hilfsorganisationen und das UN-Flüchtlingshilfswerk versuchen, die Versorgung zu gewährleisten.

Ita hat von den Helfern Holzplanken und Planen bekommen, damit soll sie sich selbst ihre Hütte bauen. Die weiße Plastikplane mit dem blauen Logo des UN- Flüchtlingshilfswerks liegt noch im Gras, denn wie man eine Hütte baut, das weiß sie nicht. Überall um sie herum wird schon gebaut, eine Plane über einen herabhängenden Ast geworfen, eine weitere auf den Boden gelegt. Wer länger im Lager ist, benutzt die Planken, stellt ein Holzgerüst auf, bindet es zusammen und umkleidet es vollständig. Ita muss mit ihren Kindern aber nicht unter freiem Himmel schlafen, sie hatte Glück. Als es gestern regnete, überließ ihr eine alte Frau ihre schon fertige Hütte, wegen der Kinder. Hier darf sie erstmal bleiben. Um die Hütte herum liegt frisch gewaschene Wäsche im dichten Gras, eine braune Decke mit Rosenmuster, ein grünes Kinder-T-Shirt, ein rosafarbener Anorak. Mehr als diese Kleidungsstücke und Decken konnte die Familie nicht aus dem Südsudan mitbringen. Es ist nur das, was sie gerade tragen konnten.

Karte: Uganda
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Eine Million Südsudanesen sind seit Ausbruch des Bürgerkriegs nach Uganda geflohen.

Mehr als 100.000 Menschen im Rhino-Camp

Flüchtlinge erhalten in Uganda ein Stück Land,  50 Mal 50 Meter soll es groß sein. Doch weil immer mehr Flüchtlinge kommen, ist es mittlerweile auch kleiner. Auf diesem Stück sollen die Flüchtlinge siedeln und einen Acker anlegen, um selbst Gemüse anzubauen. Itas Hütte steht noch in einem grünen Dschungel, auf dem Stück Land wachsen mehrere Bäume und das Gras ist dicht und hoch. Um es zu bearbeiten, hat die junge Mutter nur eine Harke bekommen. Doch die liegt noch ungenutzt am Boden.

Mehr als 100.000 Menschen leben im sogenannten Rhino-Camp, das rund 500 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kampala nahe der Grenze zum Südsudan liegt. Neben dem Flüchtlingslager wohnen Einheimische. Von ihnen hat die Regierung das Land gepachtet. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen, Unzufriedenheit bei den Einheimischen.

In dieser Gegend gibt es nicht viel Arbeit und die Ugander hatten gehofft, durch die Flüchtlinge mehr Vorteile zu bekommen. "Unglücklicherweise sind humanitäre Programme nicht dafür gedacht, Arbeit zu schaffen. Sie sind da, um Menschen in Schwierigkeiten zu helfen", sagt Solomon Osakan. "Außerdem müssen wir darauf achten, dass die Einheimischen in der Lage sind, genug Auskommen zu haben. Sie sollten die Flüchtlingssiedlungen nicht als Inseln des Wohlstands im Vergleich zu ihrem Leben sehen."

Afrika, Afrika!: Wilkommenskultur in Uganda
Videoblog, 26.10.2017, Caroline Hoffmann, ARD Nairobi

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"Den Flüchtlingen geht es besser als mir"

Doch genau so empfindet es Martin Okuonzi. Er wohnt sozusagen auf der anderen Straßenseite. Rechts sein kleines Dorf, links das Flüchtlingslager. Rechts sitzen die Männer am Nachmittag vor gemauerten Hütten, links verkaufen Flüchtlinge an einfachen Holzständen selbst gekochtes Essen. Okuonzi ist hier geboren, er hat der Regierung einen großen Teil seines Landes zur Verfügung gestellt - für die Flüchtlinge. Helfen, das müssten sie, findet er. "Die Flüchtlinge sind hier willkommen, denn in ihrer Heimat leiden sie."

Doch er wünscht sich mehr Unterstützung für sich selbst und seine Familie. Für ihr Land haben die Einheimischen die Zusage bekommen, dass es bessere Straßen geben wird, bessere Schulen für ihre Kinder und eine bessere Gesundheitsvorsorge. Hier ist es auch so gekommen. Aber Okuonzi reicht das nicht. Er ist Bauer, und auch Uganda leidet derzeit unter großer Trockenheit. "Den Flüchtlingen geht es deutlich besser als mir", sagt er. "Ich muss mir sogar Essen bei ihnen kaufen, weil ich selbst wegen der Trockenheit gerade nicht genug ernten kann."

Kind vor Häusern im Flüchtlingscamp Rhino in Uganda | Bildquelle: dpa
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Viele Flüchtlinge im Rhino-Camp sind noch Kinder.

Flüchtlingscamp Rhino in Uganda: Schule | Bildquelle: dpa
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Im Camp erhalten sie Schulunterricht

UN haben nur 25 Prozent des benötigten Geldes

Essen und Wasser, das sind auch die wichtigen Themen in den Flüchtlingslagern. Weil immer mehr Flüchtlinge versorgt werden müssen und nicht genug internationale Hilfsgelder zusammenkommen, sind sogar schon einmal Rationen halbiert worden. Auch derzeit steht das Ernährungsprogramm unter Druck. Die Gelder können nicht mithalten mit der schnell steigenden Zahl an Flüchtlingen. Im Dezember könnten laut des Welternährungsprogramms erste kritische Engpässe entstehen.

Bik Lum sitzt in ihrem Büro im UN-Flüchtlingshilfswerk in Arua, eineinhalb Stunden vom Rhino-Camp entfernt. Viele Straßen seien in einem katastrophalen Zustand, erzählt sie, und das erschwere die Lieferungen von Wasser und Essen für die Flüchtlinge. Wenn es regne, seien die Straßen zum Teil unpassierbar, aber es gebe im Moment nicht genug Hilfsgelder um alle Probleme der Lager anzupacken. "Für die Grundversorgung muss es genug Wasser, Bildung und Gesundheitsvorsorge für alle geben. Aber wegen des vorhandenen Budgets können wir das alles nur schrittweise machen", sagt sie. Laut Flüchtlingshilfswerk sind erst 25 Prozent der benötigten Summe an internationalen Hilfsgeldern bei der UN zusammengekommen, um diese Grundbedürfnisse abzudecken.

Flüchtlingscamp Rhino in Uganda | Bildquelle: dpa
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Bewohner im Camp Rhino bauen Gemüse an und dürfen es verkaufen.

Wo ist ihr Mann?

Mit einem gelben Kanister auf dem Kopf kommt die Südsudanesin Ita zurück von der Wasserstelle. Mehrmals täglich läuft sie dorthin, um genügend Wasser zum Kochen, Trinken und Waschen zu holen. Jetzt sind erstmal die Kinder dran. Ita wirft ein kleines Stück Seife in eine Plastikschüssel mit Wasser und fängt an, ihren kleinsten Sohn von oben bis unten abzuschrubben. Kein Mucks ist zu hören, nur die Mundwinkel des Kleinen zucken verdächtig.

Für ihre Kinder sei sie nach Uganda gekommen, sagt Ita, denn deren Zukunft sei jetzt alles was zählt. Wo ihr Mann gerade ist, und ob er noch lebt, weiß sie nicht. Am nächsten Tag, ihrem dritten im Flüchtlingslager, will sie die Schule suchen. Wenn sie zu weit weg ist, möchte sie versuchen, ein anderes Stück Land zu bekommen, damit die Kinder die Schule erreichen können. "Ich möchte vor allem dafür sorgen, dass meine Kinder zur Schule gehen können. Und dann werde ich versuchen, Geld zu verdienen", sagt sie. Damit sich die Familie hier in Uganda ein neues Leben aufbauen kann.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. Oktober 2017 um 09:00 Uhr.

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