Theresa May | Bildquelle: AFP

Briten vor der Wahl Für May wird es enger

Stand: 03.06.2017 02:57 Uhr

Wenige Tage vor der Parlamentswahl in Großbritannien haben sich Premierministerin May und ihr Rivale, Corbyn, zum zweiten Mal im TV den Fragen der Wähler gestellt. Das Publikum ging nicht gerade sanft mit ihnen um.

Von Sylvia Tiegs, ARD-Studio London

"Question Time" - die Fragezeit im BBC-Fernsehen ist eine sehr beliebte Sendung und ganz einfach gestrickt. Das Publikum kann Fragen an Politiker und Experten stellen, die dann gleich antworten müssen - auch im Wahlkampf.

Briten nehmen dabei selten ein Blatt vor den Mund, und so bekam Premierministerin Theresa May am Freitagabend ziemlich schnell die ziemlich passende Frage: Ob sie es heimlich bedaure, diese Wahl beantragt zu haben, wo die Umfragen doch gegen sie laufen?

May lachte kurz auf: Ach naja, sie mache ja schon ziemlich lange Politik. Leicht nervös ist die Premierministerin trotzdem und mit ihr viele Konservative, denn die Umfragen zeigen seit einer Woche, die Lücke zwischen Mays Tories und Jeremy Corbyns Labour wird kleiner. Der Herausforderer hat aufgeholt. Die Frage ist nur wie viel.

Zwischen den verschiedenen Meinungsumfragen gibt es riesige Unterschiede. Manche Institute sehen die Tories noch bis zu acht Prozentpunkte vor Labour. Andere meinen, es seien nur noch drei Prozentpunkte. Warum? Weil jedes Institut die mögliche Wahlbeteiligung in den verschiedenen Altersgruppen anderes berechnet: Junge Wähler sind stark für Labour, aber Wackelkandidaten an der Wahlurne. Ältere Wähler dagegen sind überwiegend für die konservativen und traditionell fleißige Wahlgänger.

Weil im Moment nicht einmal die gewieften britischen Wettbüros ihrer Sache sicher sind, fühlen die Briten weiter ihren Kandidaten auf den Zahn. Oft tut es weh - wie bei dieser Krankenschwester. Sie fragte May in der Sendung:

"Ich verdiene heute immer noch dasselbe wie 2009. Wie kann das fair sein?"

Sozialpolitik ist Mays Schwachstelle. Die Briten leiden unter den harten Einsparungen der Konservativen und vielen fehlt der Glaube, May werde es nach der Wahl wirklich besser machen. Sie verspricht auch wenig an der Stelle - immer mit dem Hinweis: Es gebe keinen Zauberbaum, auf dem das Geld wachse.

Viel Unsicherheit über Corbyns Aussagen

Ihr Herausforderer kann da leicht punkten. Corbyn hat zahlreiche soziale Versprechungen gemacht. Dafür aber muss er sich seit Wochen Bürgerfragen wie dieser stellen:

"Ist Ihr Wahlprogramm realistisch oder ein Brief an den Weihnachtsmann?"

Jeremy Corbyn
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Ob Corbyn Ahnung von Wirtschaft hat, bezweifeln viele Briten.

Ob der Labour-Chef wirklich Ahnung von Wirtschaft hat, das ziehen viele Wähler in Zweifel, auch weil Corbyn die Frage nach der Finanzierung seiner Sozialprogramme gerne grundsätzlich und kämpferisch beantwortet: "Wir können keine Niedriglohnwirtschaft bleiben, die weniger als alle anderen in ihre Zukunft investiert."

Unsicher sind viele Wähler auch darüber, ob Corbyn die Atommacht Großbritannien mit fester Hand führen kann. Noch in jeder Debatte wollten sie von ihm wissen, wer im Zweifelsfall den roten Knopf drücken würde. Corbyn laviert dann, beschwört eine atomfreie Welt. das kommt bei manchen gut an, aber nicht bei allen.

Eines allerdings verbindet den Herausforderer und die Herausgeforderte: Unter Corbyn wie unter May wird Großbritannien den Brexit machen. Und beide versicherten im TV wieder: Ein guten Verhandlungsergebnis mit Brüssel - das ist ihr Ziel. Wie genau sie das anstellen wollen, darauf gaben beide keine klaren Antworten.

Endspurt im britischen Wahlkampf: Zweite TV-Debatte mit May und Corbyn
S. Tiegs, ARD London
03.06.2017 01:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Juni 2017 um 06:27 und 07:39 Uhr.

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