Tunesische Soldaten patrouillieren bei Ben Guerdane. | Bildquelle: AFP

Angriff auf Ben Guerdane Tunesien - neues Schlachtfeld für den IS?

Stand: 12.03.2016 03:42 Uhr

Anfang der Woche haben mutmaßliche IS-Kämpfer die Stadt Ben Guerdane an der tunesisch-libyschen Grenze attackiert. Versucht die Terrormiliz ein Stück Tunesien für sich zu gewinnen? Für das ohnehin instabile Land eine neue Qualität der Bedrohung.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika

Zum Abschied erklingt die Nationalhymne. Die Bürger von Ben Guerdane begraben die Opfer des Angriffs auf die Stadt an der Grenze zu Libyen. Und das Land steht nach wie vor unter Schock. An Terrorattacken hat man sich in Tunesien schon gewöhnen müssen. Dieser Angriff auf Ben Guerdane hat aber noch eine ganze andere Dimension: Die Bürger haben unter den Angreifern ihre einstigen Nachbarn gesehen: junge Männer aus Ben Guerdane, die nach Libyen gingen und jetzt als Kämpfer des sogenannten "Islamischen Staates" zurückkehrten. Ein Augenzeuge: "Leider ist es wahr. Das sind Leute, die nach Libyen gegangen und jetzt zurückgekehrt sind, um hier ihr terroristisches Projekt zu verfolgen."

Aus Nachbarn werden Angreifer

Die Augenzeugen schildern, dass die Angreifer zwei wichtige Straßenkreuzungen besetzten. Die Kämpfer gaben sich als IS-Mitglieder zu erkennen. Sie forderten Passanten auf, ihre Ausweise zu zeigen. Und sie versicherten, normalen Bürgern werde nichts geschehen. Die IS-Angreifer sagten, sie wollten Angehörige der "Staatsmacht" jagen.

Genau das taten sie. Mit ihren Ortskenntnissen fanden sie die Wohnung von Abdelaati Abdel Kebir. Der 33-jährige Offizier war Chef der Anti-Terror-Brigade von Ben Guerdane. Die IS-Kämpfer erschossen Kebir. Sie töteten auch gezielt einen Zöllner.

Der tunesische Gouverneur der Region um Ben Guerdane will später nichts von Staatsangehörigkeiten der Angreifer hören: "Der Terrorismus kennt keine Staatsangehörigkeit. Es sind einfach Terroristen - ganz gleich ob Tunesier oder Ausländer. Es gibt da keinen Unterschied."

Beerdigung im tunesischen Ben Guerdane nach einem IS-Angriff. | Bildquelle: AFP
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Die Bürger von Ben Guerdane beerdigen die Opfer eines IS-Angriffs.

Gibt es Schläferzellen in Ben Guerdane?

Viele Menschen in Ben Guerdane empfinden das anders. Sie sind fassungslos, dass die genauen Ortskenntnisse es den Angreifern erlaubten, für kurze Zeit das Stadtzentrum zu kontrollieren. Sie fürchten, dass es in der Stadt Schläferzellen gibt: Leute, die dem "Islamischen Staat" helfen - eine Bedrohung der Stadt durch Bürger ebendieser Stadt.

Für Sicherheitsexperten wie Jean Yves Moisseron zeigt der IS-Angriff auf aber noch eine ganz andere Qualität: "Das ist ja kein spektakuläres Attentat. Das war der echte Versuch, Ben Guerdane einzunehmen und ein lokales Emirat auf tunesischem Boden zu etablieren. Das ist ein wichtiger Wechsel in der Taktik."

Mehr als 60 Angreifer - 20 Tote Soldaten und Zivilisten

Bisher erlebte Tunesien Attacken einzelner Terroristen: in der Hauptstadt Tunis oder im Badeort Sousse - schlimm genug. Jetzt kam es schlimmer: Der Angriff auf Ben Guerdane war sorgfältig geplant. Wahrscheinlich waren deutlich mehr als 60 IS-Kämpfer daran beteiligt. 49 von ihnen wurden getötet, der Angriff zurückgeschlagen. Der Preis dafür war hoch: 13 Soldaten und Polizisten sowie sieben Zivilisten starben.

Nach diesem koordinierten Angriff bleiben positive und negative Schlussfolgerungen. Eine gute Nachricht formuliert der Gouverneur der Region: "Die Reaktion auf den Angriff kam schnell. Und sie schickt eine Botschaft an die Terroristen: Tunesien ist für sie keine leichte Beute."

Sicherheitsvorkehrungen haben versagt

Keine leichte Beute, das mag sein. Aber die erste schlechte Nachricht ist: Die Region an der Grenze zu Libyen ist offensichtlich ein strategisches Ziel für die Kämpfer des "Islamischen Staates" in Libyen. Die zweite schlechte Nachricht lautet: Die neu errichteten Grenzbefestigungen haben schlicht versagt. Der zwei Meter hohe Sandwall und der Wassergraben konnten die Angreifer an der Grenze nicht aufhalten. Und moderne Überwachungstechnik, die aus Deutschland und den USA geliefert werden soll, die ist noch nicht da. Britische Experten, die an die tunesische Grenze zu Libyen geschickt werden sollten, auch noch nicht.

Ohnehin steckt die tunesische Regierung in der Klemme: Wie viel ausländische Hilfe kann sie annehmen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, dass Land praktisch dem Westen preiszugeben? Diese Frage stellt der tunesische Sicherheitsexperte Youssef Cherif: "Die Regierung steckt in einem Dilemma: Soll sie ausländische Hilfe akzeptieren, um sich zu schützen? Oder soll sie diese Hilfe ablehnen, um nicht unbeliebt im eigenen Land zu werden?" Damit würde sie allerdings weitere Angriffe riskieren.

Fest steht momentan nur eins: Tunesien läuft mehr und mehr Gefahr zu einem weiteren Schlachtfeld für den sogenannten "Islamischen Staat" zu werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 17. März 2016 um 09:30 Uhr.

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