Anwältin Deniz Yildirim

Nach Haft in der Türkei Anwältin Yildirim: "Ich bin keine Heldin"

Stand: 15.01.2018 11:55 Uhr

Steudtner, Tolu und Yücel - das sind die bekannten Namen, wenn es um deutsche Gefangene in der Türkei geht. Doch auch die Anwältin Deniz Yildirim war eine von ihnen - bis zu ihrer Entlassung im Oktober. Jetzt erzählt sie von ihren Erfahrungen.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Deniz Yildirim sitzt in ihrer Kanzlei in Antalya, trinkt Kaffee und raucht. Mittlerweile ist sie frei und kann wieder lachen. "Wir leben offen und wir reden offen", sagt sie. Insgesamt 55 Tage hatte sie in Untersuchungshaft verbracht - am Anfang fand sie das überraschend angenehm: "Kein WhatsApp, keine Telefonate, keine Mandanten. Zum ersten Mal im Leben wurde ich gefragt, ob ich etwas brauche - sonst musste ich ja immer für andere Sorge tragen."

Den ersten Monat habe sie daher fast als eine Erholung empfunden, scherzt sie - vor allem nach der anstrengenden Zeit in Polizeigewahrsam.

Anwältin mit doppelter Staatsbürgerschaft

Denn nach diesen zwei Wochen war sie sehr müde, erzählt die 44-Jährige deutlich nachdenklicher. Da hatte sie ständig um ihre Rechte kämpfen müssen, die sie ja als Anwältin sehr gut kennt.

Yildirim hat beide Staatsbürgerschaften - die deutsche und die türkische. Sie lebte bis 2004 in Dortmund. Dass sich die deutsche Botschaft gleich nach ihrer Verhaftung im August um ein Besuchsrecht bemüht hatte, erfuhr sie erst später. Ihre Familie wollte nicht, dass ihr Fall - im Gegensatz zu dem von Deniz Yücel oder Mesale Tolu - öffentlich wird: "Weil internationale Aufmerksamkeit auch anders ausgenutzt werden kann. Dann stehen die Gerichte, die vielleicht nach Recht und Ordnung entscheiden wollen, unter Druck", erklärt die Anwältin.

Mesale Tolu nach ihrer Freilassung | Bildquelle: dpa
galerie

Die mittlerweile aus der Haft entlassene Journalistin Mesale Tolu ...

Deniz Yücel | Bildquelle: dpa
galerie

... oder der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel sind die prominentesten Deutschen, gegen die in der Türkei ermittelt wird.

Einsatz für die prokurdische HDP

Ein anonymer Zeuge hatte sie anscheinend angezeigt. Ihr Telefon sei abgehört worden, auch vertrauliche Gespräche mit Mandanten. Am Ende hieß es, sie sei Mitglied einer Terrororganisation. Sie glaubt allerdings, ihr Engagement für die prokurdische Partei HDP und für Menschenrechte sei ihr zum Verhängnis geworden.

Die Gefängnisleitung an sich habe sie gut behandelt, sagt Yildirim. Aber es gab auch andere Situationen, an die sich die Anwältin erinnert: "Wir wurden zum Beispiel mehrmals um fünf Uhr morgens mit nationalistischen Märschen geweckt. Bei einigen Beamtinnen hat man auch eine nationalistische Abneigung, sogar eine ausgeprägte rassistische Haltung gegen Kurden bemerkt."

Laufendes Verfahren

In der Haft hatte sie viel Zeit zum Nachdenken: "Ich dachte mir: Wenn sogar schon ich verhaftet werde, was wird dann aus diesem Land? Ich bin mir nämlich sicher, dass ich kein Mitglied irgendwelcher Vereinigungen bin." Sie steckt sich die nächste Zigarette an - die erste glimmt im Aschenbecher noch vor sich hin. Dann erzählt sie wieder: Gleich beim ersten Termin vor Gericht im Oktober kam sie frei. Aber ihr Verfahren läuft noch. Am 4. April geht es weiter. Bis dahin darf sie die Türkei nicht verlassen.

Wie ihr Fall ausgeht? Mit einem Freispruch natürlich, sagt sie: "Wir müssen vertrauen. Ich denke, die Akte ist so leer, dass kein Gericht eine Strafe verhängen kann - selbst, wenn die Polizei sich bemüht, unsere Anwaltstätigkeit zu kriminalisieren." Und dieser Prozess sei bereits im Gange: Man wolle keine Anwälte bei Festnahmen - die Polizei räume Anwälte aus dem Weg.

Weitermachen und Kopf hochhalten

Nach ihrer Freilassung besuchte sie Kollegen im Gefängnis - und auch den Zeitungskorrespondenten Yücel. Sie sprachen über die Zukunft des Landes und über ihre Arbeit als Anwältin. Von der will sie sich auch künftig nicht abhalten lassen, auch nicht, wenn es um politische Fälle geht: "Ich bin keine Heldin. Aber man muss vor allem in schwierigen Zeiten den Kopf hochhalten. Wir haben nichts Falsches gemacht und deswegen machen wir weiter. Wir üben unseren Beruf aus wie vorher."

Rechtsanwältin Yildirim erzählt von ihrer Inhaftierung
Karin Senz, ARD Istanbul
15.01.2018 09:17 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Januar 2018 um 12:40 Uhr.

Darstellung: