Ein Mann hält ein Schild in den Händen, auf dem die Freilassung der in der Türkei inhaftierten Mesale Tolu Corlu gefordert wird. | Bildquelle: dpa

Der Fall Mesale Tolu 40 Minuten Besuch - jeden Montag

Stand: 06.08.2017 17:20 Uhr

Seit Mai sitzt die Journalistin Mesale Tolu in der Türkei in U-Haft - wegen des gleichen Vorwurfs, der auch dem "Welt"-Korrespondenten Yücel gemacht wird: Terrorpropaganda. Der Frau drohen 15 Jahre Gefängnis. Mesales Vater und ihre Anwältin blicken auf die Entwicklungen seit der Verhaftung zurück.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

Anfang Mai bekommt Ali Riza Tolu frühmorgens in seinem Haus in Elbistan, im Südosten der Türkei, einen Anruf. Es ist seine Tochter Mesale, die seit drei Jahren in Istanbul lebt und dort vor allem als Übersetzerin arbeitet. Sie sagt, sie sei festgenommen worden. Man werfe ihr vor, Mitglied in einer Terrororganisation zu sein, sagt Mesale weiter und schildert ihrem Vater die Ereignisse der Nacht.

Der ARD berichtet Ali Tolu, was ihm seine Tochter erzählte: "Bei der Festnahme hat die Polizei mit schweren Waffen das Haus angegriffen, Türen aufgebrochen und meine Tochter mit dem Gesicht auf den Boden gedrückt. Sie legten ihr Handschellen an. Mein Enkelkind hat geweint und sie haben es mit der Waffenspitze auf die Seite geschoben."

Das Telefongespräch dauert nicht lang. Ali Tolu macht sich anschließend sofort auf den Weg nach Istanbul, holt seinen zweieinhalb Jahre alten Enkelsohn Serkan bei den Nachbarn ab. Dort habe ihn die Polizei abgegeben.

Auch Ehemann sitzt seit Monaten in Haft

Ali Tolu ist es auch, der das deutsche Generalkonsulat in Istanbul informiert - laut internationalem Völkerrecht eigentlich die Aufgabe der türkischen Justiz, denn die 33-jährige Mesale Tolu besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Anwältin Kader Tonc übernimmt ihre Verteidigung und ist schnell von einer politischen Strafverfolgung überzeugt. Auch Mesales Ehemann sei festgenommen worden, sagt Tonc, kurz vor dem Referendum über die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei, im April also. Einen Monat später sei dann Mesale dran gewesen. "Wir sehen das als Angriff auf die Oppositionellen im Land. Es ist nichts, was man mit Rechtsstaatlichkeit erklären kann", heißt es von der Anwältin weiter.

Laut Anklageschrift solle ihre Mandantin Terrorpropaganda betrieben haben und auch selbst Mitglied einer Terrororganisation sein. Laut Anklage liegen unter anderem Bilder vor, die Tolu auf einer Gedenkveranstaltung für eine getötete Kämpferin der kurdischen YPG zeigen sollen, die die Türkei als Terrororganisation einstuft. 

Tonc beharrt darauf, Mesale habe lediglich als Übersetzerin für eine Nachrichtenagentur gearbeitet - diese sei politisch linksorientiert gewesen und wurde mittlerweile per Dekret verboten. Mesales Vater sagt, seine Tochter sei auch Journalistin. Die Berufsbezeichnung und das Aufgabenfeld könnten den Prozess, der im Oktober beginnen soll, maßgeblich beeinflussen. 

Sohn mit im Gefängnis - er vermisste die Mutter zu sehr

Bis dahin sitzt die in Ulm geborene Mesale wohl weiter in Untersuchungshaft. Seit Mitte Mai ist sie bereits inhaftiert. Ihrem Sohn Serkan brachte Ali Tolu bei seinem ersten Besuch mit, weil der Junge die Mutter zu sehr vermisste. Seitdem bleibt er bei seiner Mutter im Gefängnis. "Es ist nicht einfach, wenn man Tochter und Enkelkind hinter Gittern sieht", sagt Ali Tolu.

Man merkt dem Vater seine Erschöpfung an, aber auch, dass er eine Kämpfernatur ist. Als Gastarbeiter war er seit den 1970er-Jahren in Deutschland, arbeitete als Automechaniker. Mittlerweile verbringt er viel Zeit in seinem Heimatort im Südosten der Türkei, denn seit einigen Jahren ist er Rentner. Seine Frau verlor er 1990 durch einen Autounfall. Da war seine Tochter Mesale gerade einmal sechs Jahre alt. Nach dem Abitur studierte sie in Frankfurt am Main auf Lehramt, Spanisch und Ethik. Nach dem Examen entschied sie sich, die doppelte Staatsbürgerschaft abzulegen und nur die deutsche zu behalten. Vor drei Jahren zog sie nach Istanbul, heiratete und bekam einen Sohn.

40 Minuten, hinter Glas und per Telefon

Nun lebt Ali Tolu in der Wohnung seiner Tochter, fährt jeden Montag nach Bakirköy ins Frauengefängnis. 40 Minuten lang darf er dann seine Tochter und den Enkelsohn sehen, allerdings getrennt durch eine Glasscheibe, kommuniziert wird per Telefon. Alle acht Wochen findet ein Treffen in einem offenen Besucherraum statt.

Mesales Anwältin Tonc ist mit den Haftbedingungen unzufrieden: "Moralisch geht es Mesale zwar gut. Ich als Anwältin kann sie regelmäßig sehen, da gibt es keine Beschränkungen. Aber in Zeiten des Ausnahmezustands gibt es in den  Gefängnissen einige Beschränkungen, etwa Spielzeug für das Kind zu besorgen, ist sehr problematisch. Da gibt es zwar einen Kindergarten, aber der Kleine geht nicht hin, weil er sich nicht von seiner Mutter trennen kann." Ali Tolu glaubt, sein Enkelsohn sei traumatisiert. Die ersten Tage nach Mesales Verhaftung habe er oft geweint. "Er hat immer gefragt: 'Wieso hat mich meine Mama verlassen?' Immerzu hat er nach ihr gesucht."

Nun verbringt Serkan die Tage zusammen mit seiner Mutter in einer Zelle, die sich die beiden mit einer anderen Frau teilen. Auf dem gesamten Zelltrakt sind insgesamt 25 Frauen untergebracht. Im Ausnahmezustand, der in der Türkei seit mehr als einem Jahr herrscht, kann die U-Haft theoretisch bis zu fünf Jahre dauern.

"Das ist ein politischer Prozess"

Doch seit einigen Tagen steht der Termin fest, an dem der Prozess gegen Mesale beginnt: Es ist der 11. Oktober. Verhandelt werden soll in den Gerichtsräumen der Haftanstalt Silivri, wo auch "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel und der deutsche Menschenrechtler Peter Steudtner einsitzen.

Tonc hofft auf einen Freispruch, ist aber auch skeptisch: "Wäre es eine unabhängige Justiz, dann wäre es schon gar nicht möglich gewesen, Mesale überhaupt festzunehmen. Wenn es im Oktober zu einem unabhängigen Verfahren kommen würde, dann müsste man sie freisprechen. Aber wenn man die Entwicklungen der vergangenen Zeit in der Türkei betrachtet, dann kann man das wohl nicht erwarten." Es sei ein politisches Verfahren und die politische Lage werde auch diesen Prozess beeinflussen, ist Tonc überzeugt. Sie rechne damit, dass im Oktober noch kein Urteil fallen werde, zu viele Fragen seien offen. Der Prozess werde sich vermutlich länger hinziehen. Das fürchtet auch Ali Tolu: "Aber ich weiß, meine Tochter hat keine Schuld und hat keine ungesetzliche Sache gemacht. Ich bleibe hier, bis meine Tochter und mein Schwiegersohn frei sind."

Deutscher Übersetzerin Mesale Tolu drohen bis zu 15 Jahre Haft in der Türkei
Katharina Willinger, ARD Istanbul
06.08.2017 15:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. August 2017 um 14:11 Uhr.

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