Unterricht in einer Schule in Ankara | Bildquelle: picture alliance / AA

Bildungsreform in der Türkei Islamisierung des Unterrichts?

Stand: 01.02.2017 01:17 Uhr

Die Türkei entstaubt die Lehrpläne. Was zunächst gut klingt, halten Kritiker für eine weitere Islamisierung der Schulen. So findet Darwins Evolutionstheorie im neuen Lehrplan nicht mehr statt - und der Säkularismus wird offenbar als "Krankheit" bezeichnet.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Die türkischen Schüler jucken die neuen Lehrpläne bisher nicht - denn sie haben Ferien. Was sie ab dem nächsten Schuljahr erwartet, sorgt bei Lehrern und Eltern aber bereits für Diskussionen. Kritiker fassen das, was gerade im türkischen Bildungswesen passiert, unter dem Begriff "Islamisierung des Schulunterrichts" zusammen.

Bildungsminister Ismet Yilmaz begründete die Reform unter anderem mit dem schlechten Abschneiden türkischer Schüler in der Pisa-Studie. "Bis zum 10. Februar haben alle, aber auch wirklich alle - Lehrer, Eltern, Experten - die Gelegenheit, ihre Vorschläge und Einwände einzureichen", sagte Yilmaz. "Dann werden ab dem kommenden Schuljahr zunächst die Schüler der ersten, fünften und neunten Klassen nach dem neuen Bildungsprogramm unterrichtet."

Viele Schüler dürften sich über die Ankündigungen von Yilmaz freuen. Es solle in Zukunft weniger ums Auswendiglernen gehen als vielmehr um das Begreifen des Lehrstoffs. Bildungsstaatssekretär Yusuf Tekin betont, alle Änderungen seien intensiv beraten worden. "Es wurden sämtliche Themen diskutiert, über die sich Eltern, Lehrer und Experten schon seit langem beschweren. Es hat Versammlungen und Workshops gegeben. Hunderte Bildungsexperten, Lehrer und Eltern wurden angehört."

Atatürk und Darwin werden gestrichen

Das Ergebnis der Beratungen: Der Unterrichtsstoff wird kräftig entschlackt. Selbst bisher unantastbare Kapitel über den Staatsgründer Atatürk und dessen Weggefährten sollen kräftig zusammengestrichen werden. Ebenfalls aus dem Lehrplan gestrichen wurde Charles Darwin. Seine Evolutionstheorie wird durch das Kapitel "Lebewesen und Umwelt" ersetzt.

Trotzdem warnt die Vizerektorin der Istanbuler Maltepe-Universität, Betül Cotuksöken, davor, die Reform pauschal zu verurteilen. "Bevor man Einwände äußert, muss man sich die geplanten Änderungen natürlich sorgfältig anschauen", sagte Cotuksöken. "Pauschal betrachtet finde ich die Revision positiv, denn sie erfüllt die Erfordernisse der Erziehungswissenschaft. Kompetenz und Qualifikation werden berücksichtigt. Auch inhaltlich gibt es eine Vereinfachung."

Dennoch stoßen vor allem die religiösen und islamischen Inhalte auf Kritik. So soll mehr Platz für Wissenschaftler aus der islamischen Welt eingeräumt werden. Medienberichten zufolge arbeitet das Bildungsministerium auch daran, den Dschihad - den heiligen Krieg - in den Lehrplan für die siebte Klasse aufzunehmen. Zudem würden Säkularismus, Wiedergeburt und Atheismus in den neuen Religionsbüchern als "problematische Überzeugungen" und "Krankheiten" bezeichnet.

Erdogans "fromme Generation"

Neu im Lehrplan ist auch der 15. Juli - also der Tag, an dem sich die türkische Bevölkerung erfolgreich Putschisten in den Weg stellte. Vorgesehen sind aber auch moderne Inhalte. So sollen sich bereits Erstklässler mit Klimaschutz, Energiesparen und Recycling auseinandersetzen.

Der damalige Ministerpräsident und heutige Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte bei einer Rede 2012 angekündigt, seine Regierung wolle eine "fromme Generation" heranziehen. Seitdem wurden überall im Land religiöse Imam-Hatip-Schulen eröffnet. Als die AKP im Jahr 2002 an die Macht kam, waren an den Imam-Hatip-Schulen 65.000 Schüler eingeschrieben. 2016 waren es über 1,5 Millionen - und damit etwa jeder zehnte Schüler. Tendenz steigend.

Diskussion über Bildungsreform in der Türkei
C. Buttkereit, ARD Istanbul
31.01.2017 20:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Januar 2017 um 14:38 Uhr.

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