Aus dem umkämpften Stadtteil Sur von Diyarbakir fliehen die Menschen. | Bildquelle: AP

Kämpfe im Südosten der Türkei Der Krieg im Kurdengebiet

Stand: 09.02.2016 22:16 Uhr

Seit Monaten wird im türkischen Kurdengebiet gekämpft. Die Regierung spricht von Krieg gegen Terroristen, die Kurden sprechen von Terror gegen die Bevölkerung. Zehntausende hat der Krieg bereits zu Binnenflüchtlingen gemacht.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Istanbul, zzt. Diyarbakir

Geschützfeuer im Herzen von Diyarbakir. Rauchsäulen stehen über Sur, der historischen Altstadt der Kurdenmetropole. "Die Situation ist ziemlich schlimm", berichtet der 16-jährige Süleyman. "Jeden Tag werden hier Menschen von Soldaten getötet."

Und jeden Tag werden Soldaten und Polizisten getötet oder verletzt. Sie werden in den staatlichen Medien Sehitler genannt - Märtyrer. Die anderen Toten werden Terroristen genannt. Seit fast 70 Tagen wird in Sur gekämpft. Die großteils von einer schwarzen Basalt­mau­er umgebene Altstadt ist von Sicherheitskräften umstellt. "Alles ist geschlossen", sagt Gymnasiast Süleyman. Supermärkte, Schulen, Moscheen und sogar die Kirchen.

Kämpfe in Sur, Cizre und Sirnak

Sur, Cizre, Sirnak und andere Zentren im türkischen Kurdengebiet sind hart umkämpft. Der Staat befindet sich eigenem Bekunden nach im Krieg gegen Terroristen. Der Staat, sagen kurdische Politiker, befinde sich im Krieg gegen die eigene Bevölkerung.

Im Viertel Sur in der osttürkischen Stadt Diyarbakir stehen Menschen in den Trümmern zerstörter Häuser. | Bildquelle: AP
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Im Viertel Sur in der osttürkischen Stadt Diyarbakir stehen Menschen in den Trümmern zerstörter Häuser.

Es werde mit Panzern auf Sur geschossen, Flugzeuge und schwere Waffen seien im Einsatz, klagt die kurdische HDP-Parlamentsabgeordnete Sibel Yigitalp. Der Staat müsse diesen "Terrorismus" stoppen, fordert sie.

Elf Tonnen Waffen und Munition hätten Sicherheitskräfte allein in Sur aufgespürt, verkündet Regierungschef Ahmed Davotoglu. Die PKK, so der Vorwurf Ankaras, habe ganze Stadtviertel unter ihre Kontrolle gebracht und zu autonomen Gebieten erklärt.

Die PKK, glaubt Gymnasiast Süleyman, habe durch die harte Auseinandersetzung und den immensen Schaden für die Bevölkerung an Zustimmung verloren.  

PKK hält sich bislang zurück

Die PKK habe in die Kämpfe in den kurdischen Stadtzentren bislang kaum eingegriffen, behaupten Insider in Diyarbakir. Das drohe, wenn der Schnee in den Bergen schmelze und die Situation weiter eskaliere. Die türkischen Sicherheitskräfte schlügen sich gegenwärtig vor allem mit relativ unerfahrenen Kämpfern mit  PKK-Jugendorganisation YGD-H herum.

Die HDP, versichert die Parlamentsabgeordnete Sibel Yigitalp, trete für ein Ende der Gewalt ein und rufe jeden Tag - ob im Parlament oder auf der Straße - dazu auf, Verhandlungen zu führen. Der Krieg müsse beendet werden, beschwört die 44-Jährige. Doch Präsident Recep Tayyip Erdogan schließt neue Gespräche mit der PKK kategorisch aus. Regierungschef Davutoglu will Straße um Straße und Haus um Haus "säubern lassen". Seit Monaten drehe sich die Spirale der Gewalt immer schneller, klagt Yigitalp.

Vorwürfe gegen Deutschland und die EU

Und sie nennt einen für sie wesentlichen Grund dafür: Deutschland und die EU seien mitverantwortlich dafür, dass die Türkei so brutal vorgehen könne. Wegen der Flüchtlingskrise kann die Türkei noch freier agieren, als sie es sonst tun würde. Niemand falle der Führung in Ankara in den Arm. Das sei kurzsichtig.

Zehntausende hat der Krieg in den Kurdenstädten bereits zu Binnenflüchtlingen gemacht. Eskaliere die Lage weiter, dürften viele innertürkische Flüchtlinge auch bald gen Europa ziehen, prophezeit die HDP-Politikerin Yigitalp.

Kämpfe in türkischer Kurdenregion
R. Baumgarten, ARD Istanbul
09.02.2016 18:22 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 08. Februar 2016 um 18:18 Uhr im Deutschlandfunk.

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