Tschechiens Präsident Milos Zeman | Bildquelle: MARTIN DIVISEK/EPA-EFE/REX/Shutt

Experiment mit Nervengift Tschechien stellte 2017 Nowitschok her

Stand: 04.05.2018 11:28 Uhr

Tschechiens Präsident Zeman hat erklärt, sein Land habe 2017 mit dem Nervengift Nowitschok experimentiert. Die Reste seien vernichtet worden. Nowitschok spielt eine Schlüsselrolle im Fall Skripal.

Tschechien hat nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr einen Nervenkampfstoff aus der hochgefährlichen Nowitschok-Klasse hergestellt und damit experimentiert. "Die Menge des hergestellten Gifts war angeblich klein, und es wurde nach den Versuchen vernichtet", sagte Staatspräsident Milos Zeman dem Fernsehsender Barrandov. Er stützte seinen Angaben auf einen Bericht des tschechischen Militärnachrichtendienstes MZ. Ihn und den Inlandsgeheimdienst BIS hatte Zeman aufgefordert nachzuforschen, ob in Tschechien Nowitschok produziert worden ist.

Ein Nervengift aus der Nowitschok-Klasse war nach britischen Angaben bei dem Anschlag auf den Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter im englischen Salisbury Anfang März verwendet worden. Großbritannien macht Russland für das Attentat verantwortlich - die Regierung in Moskau weist diese Vorwürfe entschieden zurück.

Nicht genau derselbe Stoff wie im Fall Skripal

Zeman sagte, beim Skripal-Anschlag dürfte der Stoff A-234 zum Einsatz gekommen sein, während in Tschechien an der Substanz A-230 geforscht worden sei. Das Experiment habe im November in einem militärischen Forschungsinstitut in Brünn stattgefunden, der zweitgrößten Stadt des Landes. "Wir wissen wo, wir wissen wann, also wäre es Heuchelei, so zu tun, als ob nichts geschehen wäre", sagte der Staatschef.

Der Inlandsgeheimdienst sei zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei der fraglichen Substanz in dem Labor in Brünn nicht um Nowitschok gehandelt habe. Zeman erklärte aber, er habe nach dem Studium beider Berichte den des Militärgeheimdienstes für plausibler gehalten. Er glaube daher, dass es sich um Nowitschok gehandelt habe.

Russland hatte Tschechien als mögliche Gift-Quelle genannt

Zeman ist dafür bekannt, prorussische Ansichten zu vertreten. Mit seiner Version bringt er zugleich die Regierung des geschäftsführenden Ministerpräsidenten Andrej Babis womöglich in politische Schwierigkeiten. Die hatte nämlich die Darstellung russischer Ermittler vehement zurückgewiesen, wonach das bei dem Angriff auf Skripal verwendete Nervengift aus Tschechien, Schweden oder der Slowakei stammen könnte. "Die Russen haben alle Grenzen überschritten, als sie sagten, dass der Giftstoff von uns stammen könnte. Das ist eine totale Lüge", hatte Babis erklärt. Aus Solidarität mit Großbritannien wies seine Regierung im Fall Skripal drei russische Diplomaten aus.

Tschechien betreibt ein NATO-Kompetenzzentrum zur Abwehr von ABC-Waffen, also atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffen. Das Land ist seit 1999 NATO-Mitglied. Die internationale Chemiewaffenkonvention verbietet unter anderem die Entwicklung und den Besitz von Chemiewaffen, schließt aber die Forschung zu Abwehrzwecken nicht aus, solange bestimmte Bedingungen und Meldepflichten erfüllt sind.

Nervengift Nowitschok

Die Sowjetunion hat unter der Bezeichnung Nowitschok (zu deutsch Neuling) zwischen den 1970er- und 1980er-Jahren eine Serie neuartiger Nervenkampfstoffe entwickelt. Die rund 100 Varianten gehören zu den berüchtigsten Nervenkampfstoffen, die jemals hergestellt wurden. Sie können über die Haut und die Atmung in den Körper gelangen.

Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen der Opfer sind gering. Selbst übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten. Die englische Schreibweise der Kampfstoffe lautet Novichok.

Mit Information von Peter Lange, ARD-Studio Prag

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. Mai 2018 um 10:03 Uhr.

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