Trump im Interview mit Kai Diekmann | Bildquelle: dpa

US-Kritik an Trump-Interview "Ehrlich gesagt, gehört sich das nicht"

Stand: 17.01.2017 09:19 Uhr

Die EU ein Mittel zum Zweck für Deutschland, die NATO "obsolet" - Kritik an diesen Trump-Aussagen kommt auch aus den USA. Viele dort fragen sich, wer in der Außenpolitik künftig das Sagen hat: der unerfahrene Präsident oder seine erfahrenen Minister?

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Auf Unverständnis und Widerspruch ist bei amerikanischen Politikern die heftige Kritik von Donald Trump an Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik gestoßen. Trump hatte diese im Interview mit der "Bild"-Zeitung als "katastrophalen Fehler" bezeichnet.

US-Außenminister John Kerry in Washington | Bildquelle: AFP
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Außenminister Kerry nannte die drastische Kritik "unangebracht".

Der scheidende US-Außenminister John Kerry nannte Trumps drastische Kritik im Sender CNN unangebracht: "Ehrlich gesagt, gehört sich das nicht für einen gewählten US-Präsidenten, sich so direkt in die Politik anderer Länder einzumischen. Ab Freitag ist er für diese Beziehung verantwortlich." Kerry riet dem künftigen Präsidenten zu größter Zurückhaltung mit Kritik an einer der stärksten Führungspersönlichkeiten Europas.

Auch die Nationale Sicherheitsberaterin von Präsident Barack Obama, Susan Rice, verteidigte die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin. In einer sehr schwierigen Situation habe Merkel "außerordentliches Mitgefühl und Mut" bewiesen. "Sie ist vorangeschritten, um jenen zu helfen, die in Syrien und anderswo am meisten gelitten haben."

"Merkel stärkste Verbündete, Putin größter Gegner"

Der frühere US-Botschafter bei der NATO, Nicholas Burns, warf Trump im Sender PBS vor, er habe im Interview mit "Bild" und "Times" kaum einen Unterschied zwischen Merkel und Putin gemacht. "Angela Merkel ist unsere stärkste Verbündete, Wladimir Putin unser größter Gegner. Sie gleichzusetzen, ist eine Beleidigung für Angela Merkel. Und Europa ist unser größter Handelspartner und der größte Investor bei uns. Europa ist wirklich wichtig."

Burns widersprach auch Trumps Kritik, die NATO sei "obsolet", weil sich die europäischen Verbündeten zu wenig für die gemeinsame Verteidigung engagierten. Der bislang erste und einzige Bündnisfall sei nach dem 11. September 2001 eingetreten, betonte Burns. Nach dem Angriff auf das World Trade Center seien es die europäischen Verbündeten gewesen, die Amerika im Kampf gegen die Taliban in Afghanistan unterstützten und dies immer noch tun.

Der unerfahrene Präsident oder seine erfahrenen Minister?

Auch republikanischen Politikern und konservativen Experten missfiel Trumps Pauschalkritik an NATO und EU. Heather Conley, die in der Amtszeit von George W. Bush im US-Außenministerium tätig war, mahnte, es dürfe nicht in Vergessenheit geraten, warum NATO und europäische Einheit auch für die USA wichtig sind. "Der Grund, warum wir diese wichtigen Allianzen nach dem Zweiten Weltkrieg schufen, ist doch, dass wir gemeinsam stärker sind."

James Mattis bei seiner Anhörung im US-Senat. | Bildquelle: REUTERS
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Trumps designierter Verteidigungsminister hatte im Senat die Bedeutung der NATO betont.

In den US-Medien wurde darauf verwiesen, dass - im Gegensatz zu Trump - dessen designierter Verteidigungsminister James Mattis in der Senatsanhörung den hohen Stellenwert der NATO mehrfach unterstrichen habe. "Aus meiner Sicht als ehemaliger Oberster Kommandeur der NATO bin ich überzeugt, dass die NATO das erfolgreichste Militärbündnis der Moderne, vielleicht sogar aller Zeiten, ist", hatte Mattis gesagt.

Wer also bestimmt künftig die Außenpolitik der USA, fragen die Kommentatoren in den USA: Der unerfahrene künftige Präsident oder seine erfahrenen Minister? Schon in den nächsten Wochen wird sich dies zeigen.

Kritik an Trump-Interview
M. Ganslmeier, ARD Washington
17.01.2017 10:03 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Januar 2017 um 08:39 Uhr

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