Jemand zeigt ein Plakat her, das Mesale Tolus Gesicht und Namen trägt. | Bildquelle: dpa

Tolu-Prozess Freiheit ohne Freispruch

Stand: 18.12.2017 17:14 Uhr

Die deutsche Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu  soll nach mehr als sieben Monaten aus türkischer Untersuchungshaft entlassen werden. Das hat heute ein Istanbuler Gericht entschieden. Doch solange es kein Urteil gibt, darf sie die Türkei nicht verlassen.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

Mesale Tolu: Ein türkischer Name, der im Frühsommer deutschlandweit bekannt wurde. Die Nachricht von der in Ulm aufgewachsenen Übersetzerin und Journalistin, die mit ihrem kleinen Sohn in einem türkischen Frauengefängnis sitzt, verbreitete sich im ganzen Land - und sorgte dafür, dass die ohnehin bereits strapazierten deutsch-türkischen Beziehungen an einen weiteren Tiefpunkt gelangten.

Als politisches Faustpfand bezeichnete Mesale Tolus Vater, Ali Riza Tolu, die Inhaftierung seiner Tochter, die allein die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Sie sei Journalistin mit einer kritischen Meinung gegenüber der türkischen Regierung. Das und ihr deutscher Pass seien ihr quasi zum Verhängnis geworden. 

Vorwürfe der Staatsanwaltschaft bestehen weiter

"Das Jahr 2017 war ein furchtbares Jahr für uns. Meiner Tochter und mir wurden fast acht Monate unserer Lebenszeit geklaut, das werde ich nie vergessen können", sagte Ali Riza Tolu kurz nachdem bekannt wurde, dass seine Tochter unter Auflagen aus der Untersuchungshaft entlassen werden kann.

Mehr als sieben Monate saß Mesale Tolu im Frauengefängnis im Istanbuler Stadtteil Bakirköy ein. Anfangs zusammen mit ihrem dreijährigen Sohn. Er wurde vor einigen Monaten bei ihren Angehörigen untergebracht.

Doch mit Tolus Freilassung sind die Vorwürfe gegen sie längst nicht vom Tisch: Sie ist nur frei, solange es kein Urteil gibt. Vorgeworfen wird ihr weiterhin die Mitgliedschaft in der linksextremistischen MLKP. Die gilt in der Türkei als Terrororganisation.

"Kämpfen weiter für Freispruch"

Im schlimmsten Fall drohen der 33-Jährigen bis zu 15 Jahre Haft, sagt ihre Anwältin Kader Tonc, die Tolu von Beginn an vertreten hat. Dass ihre Mandantin nun zumindest aus der U-Haft entlassen wird, sei zwar reichlich spät, es zeige jedoch deutlich, dass die Justiz nichts gegen Tolu in der Hand habe.

"Nun hat selbst der Staatsanwalt ihre Freilassung beantragt, denn er hat gesehen, dass die Anschuldigungen gegen sie nicht haltbar waren", erklärte Tonc. "Wir sind glücklich, dass Mesale heute zumindest frei gelassen wird, und wir werden weiterhin juristisch dafür kämpfen, dass auch ein Freispruch folgt."

Anders als der Berliner Peter Steudtner, der Ende Oktober aus türkischer U-Haft entlassen wurde, kann Mesale Tolu die Türkei nicht verlassen. Gegen sie wurde ein Ausreiseverbot verhängt. Einmal pro Woche muss sie sich zudem bei der türkischen Polizei melden.

Ähnliche Auflagen gelten auch für ihren Ehemann, Suat Corlu. Auch er saß mehr als ein halbes Jahr in U-Haft, auch ihm wird die Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation vorgeworfen.

"Ein erster, großer Schritt"

Mesale Tolus Freilassung wurde in Deutschland mit großer Freude aufgefasst. Außenminister Sigmar Gabriel zeigte sich erleichtert: "Ich glaube, wir alle in Deutschland - und auch ich persönlich - freuen uns mit Mesale Tolu über die Entscheidung des Gerichts. Damit ist das Verfahren noch nicht beendet, aber ein erster, großer Schritt ist damit gemacht."

Jedoch hört man aus Berlin auch, dass weiterhin alle Prozesse gegen Deutsche, die aus politischen Gründen inhaftiert seien, genauestens verfolgt würden. Dazu gehöre auch Deniz Yücel, der unter "haarsträubenden" Vorwürfen in türkischer Haft säße.  Wohlgemerkt noch immer ohne Anklageschrift.

Mesale Tolu kommt aus U-Haft frei
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
18.12.2017 15:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Dezember 2017 um 14:00 Uhr.

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