Atomkraftwerk Tihange | Bildquelle: dpa

Pannen-AKW in Belgien Umweltministerin erwartet in Brüssel Antworten

Stand: 01.02.2016 04:41 Uhr

Flickschusterei - so hatte Bundesumweltministerin Hendricks den Umgang Belgiens mit zwei Pannen-AKW bezeichnet, eines liegt an der deutschen Grenze. Der belgischen Regierung will sie heute die Sorge der Deutschen nahebringen, und sie erwartet Antworten.

Von Karin Bensch, ARD-Studio Brüssel

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks spricht heute mit der belgischen Regierung über die Sicherheit der beiden umstrittenen, 40 Jahre alten Atomkraftwerke: Tihange, 70 Kilometer von Aachen, und Doel bei Antwerpen.

Reaktorblock 2 in Tihange und 3 in Doel waren nach Pannen vom Netz genommen worden. Doch auch nachdem sie erneut hochgefahren wurden, gab es Zwischenfälle.

Bei dem Gespräch soll es auch um eine Liste mit 15 Fragen gehen, die Experten des Bundesumweltministeriums Mitte Januar der belgischen Atomaufsicht eingereicht hatten. Die Antworten stehen noch aus.

"Wir können den belgischen Behörden ganz deutlich sagen, dass die deutschen Bürger aus unserer Sicht zu Recht beunruhigt sind", sagt Bundesumweltministerin Hendricks. Zwar seien die jüngsten Störfälle nicht im nuklearen Bereich passiert, aber die Pannenserie zeige deutlich, dass dort Flickschusterei" betrieben werde.

Karte der Kernkraftwerke Doel und Tihange in belgien
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Belgien hat sieben Atomreaktoren an zwei Standorten: In Doel gibt es vier Druckwasserreaktoren, in Tihange drei. Tihange liegt rund 70 Kilometer entfernt von Aachen.

Haarrisse - gefählich oder nicht?

Experten hatten bereits 2012 Tausende Haarrisse in Reaktorbehältern von Tihange und Doel festgestellt. Nach einer Überprüfung teilte die belgische Atomaufsichtsbehörde mit, dass es sich dabei um ein Problem handele, das keine Gefahr für die Sicherheit darstelle.

Ein Gutachten, dass die Grünen im Europaparlament in Auftrag gegeben hatten, kommt zu einem anderen Ergebnis: Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sich die Haarrisse während des Betriebs vergrößern, sagt die Grünen-Europaabgeordnete Rebecca Harms: "Ich bin davon überzeugt, dass es unverantwortlich ist, Doel 3 und Tihange 2 in Betrieb zu lassen. Es ist eine erhebliche Beeinträchtigung der Sicherheit."

Die Betreiberfirma Electrabel sieht das ganz anders. Das Atomkraft Tihange sei sicher, sagt Unternehmenssprecherin Anne-Sophie Hugé. Das hätten mehrere belgische Behörden bestätigt.

Atomkraftwerk in Tihange | Bildquelle: dpa
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Ob die Reaktoren in Tihange sicher sind, darüber gibt es Streit.

Laufzeitverlängerung, um Engpässe zu verhindern

Belgien hatte schon 2003 entschieden, aus der Kernenergie auszusteigen, und zwar bis 2025. Die Reaktoren sollten ursprünglich nach jeweils 40 Jahren endgültig abgeschaltet werden.

Tihange 1 zum Beispiel sollte im Oktober 2015 vom Netz genommen werden. Auch der Betreiber Electrabel war damit einverstanden, weil sich weitere Investitionen nicht mehr lohnten. Mitte 2012 gewährte die damalige belgische Regierung unter dem sozialistischen Premier Elio di Rupo jedoch dem Betreiber eine Laufzeitverlängerung. Tihange 1 darf zehn Jahre länger bis 2025 laufen. Man fürchtete Engpässe in der Stromversorgung.

In Belgien wird mehr als die Hälfte des Stroms aus Atomkraft gewonnen. Für die Reaktorblöcke Blöcke 2 und 3 erlischt die Genehmigung nach 40 Jahren, also 2023 beziehungsweise 2025.

EU sieht keinen Anlass einzuschreiten

Das ärgert Menschen, die in der Region leben, wie diese Frau aus Aachen: "Ich kann es nicht fassen, das eine entwickelte Industrienation wie Belgien ein so marodes Werk ans Netz lässt und wir in der EU nichts dagegen tun. Dass wir in der EU nicht dafür sorgen, dass zumindest die Sicherheitsrichtlinien, wenn schon alles Mögliche vereinheitlicht wird, inklusive Flaschen von Olivenöl, vereinheitlicht und durchgehalten werden.

Die EU-Kommission sieht bislang keinen Anlass einzuschreiten, sagte eine Sprecherin von Energiekommissar Miguel Arias Cañete auf Nachfrage des ARD-Studios Brüssel. Man stehe in Kontakt mit den belgischen Behörden. Bislang habe es keinen Hinweis darauf gegeben, dass Belgien gegen die europäische Richtlinie für die nukleare Sicherheit verstoßen habe.

Das AKW Doel in der Nähe von Antwerpen (Archiv 2013) | Bildquelle: dpa
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Das AKW Doel in der Nähe von Antwerpen (Archiv 2013)

Fragen der Energieversorgung werden nicht von der EU, sondern von den Mitgliedsländern entschieden. Die EU-Kommission könnte aber aktiv werden, wenn ein sich Land, zum Beispiel Deutschland oder die Niederlande, an die Kommission wendem und eine Überprüfung fordern würde, sagte die Kommissionssprecherin. Nun kommt es also auf die Bundesregierung und natürlich auch auf die belgische Regierung an.

Aachen klagt in Belgien

Die Städteregion Aachen setzt schon jetzt ein deutliches politisches Signal: Sie will gegen das Atomkraftwerk Tihange klagen. Die zehn Kommunen werden sich vor dem obersten belgischen Verwaltungsgericht, dem Staatsrat, gegen die Wiederinbetriebnahme von Tihange 2 wehren.

Zusätzlich wolle man vor einem Gericht in Brüssel die generelle Stilllegung von Tihange 2 erreichen. Drei  niederländischen Kommunen wollen sich der Klage anschließen. Die Kommunalpolitiker haben offenbar verstanden, dass nukleare Bedrohung keine Grenzen kennt und viele Menschen in der Grenzregion sehr besorgt sind.

Wie sicher sind die belgischen AKW?
K. Bensch, WDR Brüssel
01.02.2016 05:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 1. Februar 2016 um 17:00 Uhr.

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