Frisch gefangene Shrimps in Thailand.  | Bildquelle: REUTERS

Von Shrimps und dem Kampf gegen Kinderarbeit Alles fair in Thailands Fischindustrie?

Stand: 28.02.2016 11:15 Uhr

Die Arbeitsbedingungen der Fischereiarbeiter in Thailand sind schlecht - findet die EU. Sie hat schon vor einem Jahr mit einem Importstopp gedroht. Doch wie sieht das Leben der Menschen aus, die in der thailändischen Fischereiwirtschaft arbeiten?

Von Udo Schmidt, ARD-Studio Singapur

Die drei Frauen sitzen um einen  kleinen Tisch in einem Hinterzimmer des Labor Rights Promotion Networks, einer gewerkschaftsähnlichen Organisation, die sich für die Rechte von Seeleuten vor allem auf Fischerbooten einsetzt. Die Shrimps-Schwestern, wie sie sich selber lachend nennen, sind Besitzerinnen kleiner Shrimps-Fabriken. Derzeit ist ihnen eigentlich überhaupt nicht zum Lachen zumute. Frau Duang, Frau Guoong und Frau Nang sind erbost.

In ihren Fabriken bereiten 50 bis 100 Frauen und Männer tiefgefrorene Shrimps für die Weiterverarbeitung vor, schälen ihnen unter anderem den Panzer ab. In diesen kleinen Fabriken sollen Kinder zur Arbeit gezwungen worden sein, so lautete vor einigen Monaten der Vorwurf. Frau Nang ist wütend: "Am 21.Dezember hat uns die Vereinigung der thailändischen Kühlbetriebe mitgeteilt, dass uns die Erlaubnis entzogen wird, Shrimps schälen zu lassen. Das kam ganz plötzlich und ist bereits am 1. Januar in Kraft getreten."

Kampf gegen Kinderarbeit

Frau Duang, Frau Guoong und Frau Nang sind unruhig, sie würden gerne aufspringen, das ist ihnen anzusehen. Kinderarbeit sei ihnen vorgeworfen worden, sagt Frau Nang. Dabei sei doch in ihren Fabriken alles ganz anders gewesen - kinderfreundlich geradezu.

Ganze Familien hätten auf ihrem Gelände gearbeitet, ergänzt Frau Duang, alle hätten ein eigenes Zimmer an einer Seite des Fabrikgebäudes gehabt. Die Kinder, die es in ihrer Belegschaft gab, habe sie persönlich jeden Morgen zur Schule gefahren: "Ich habe sie morgens um sieben Uhr mit meinem Auto zur Schule gebracht,  auch zum Sprachunterricht, um drei Uhr am Nachmittag habe ich sie wieder abgeholt. Sie waren ein Teil meiner Familie, wir haben lange Zeit zusammengelebt."

Jetzt werden Shrimps im großen Stil verarbeitet

Ob das stimmt, ist nicht zu überprüfen. Derzeit werden keine Shrimps geschält, weil niemand mehr die kleinen Fabriken beliefert, viele der Wanderarbeiter sind weitergezogen - und mit ihnen die Kinder. Deutlich aber ist, dass die Regierung Thailands auf den Vorwurf der Kinderarbeit so schnell und heftig reagierte, weil das finanzielle Vorteile versprach. Aus der Verarbeitungskette wurde ein Glied herausgelöst.

Nun kommen die Krustentiere direkt aus dem Kühlhaus in die großen Fischfabriken von Thai Union etwa, dem drittgrößten Meeresfrüchteexporteur der Welt, einer alles beherrschenden Fischverarbeitungskrake im Jahr 2014 mit 46.000 Mitarbeitern weltweit und einem Umsatz von umgerechnet drei Milliarden Euro. Thai Union verfügt über engste Kontakte zur Regierung.

Mehr Gewinne - für die großen Firmen

Sak Sip ist ebenfalls Besitzer einer kleinen Shrimps-Schälfabrik, aber als Mann nicht Teil der Shrimps-Schwestern: "Die großen Unternehmen sind die Gewinner. Sie haben jetzt einen noch größeren Marktanteil. Sie können die Preise noch besser kontrollieren als vorher auch schon."

Patima arbeitet seit Jahren für das Labor Rights Promotion Network, das sich um die Belange von Seeleuten kümmert sowie um alle, die mit Meeresprodukten zu tun haben: "Bisher konnten die großen Firmen wie Thai Union die Shrimps nicht direkt vom Boot kaufen. Nun dürfen sie es. Und das heißt, die großen Firmen können mehr Gewinn machen und bekommen dazu auch noch die ausgebildeten Arbeitskräfte."

Acht Euro Lohn - pro Tag

Denn an den Toren der Thai Union Group bewerben sich die Wanderarbeiter jetzt erneut, zu deutlich schlechteren Konditionen. Dass die Arbeitsbedingungen in den Hallen von Thai Union besser sind als in den kleinen Shrimps-Fabriken, darf bezweifelt werden, meint auch Patima: "Für die Arbeiter in den kleinen Fabriken hatte sich die Situation in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Es gab Wohnungsangebote, manchmal war es wie in einer großen Familie. In großen Unternehmen wird es für die Leute schwerer, sie sind daran nicht gewöhnt. Sie bekommen den Mindestlohn von 300 Bath am Tag, etwa acht Euro, und müssen damit alles bezahlen."

Der deutsche Verbraucher kann sich nun wohlfühlen, keine von Kinderhänden geschälten Shrimps landen auf dem gepflegten Teller. An den Lebens- und Arbeitsverhältnissen an Thailands Küsten ändert dieser vermeintliche Erfolg jedoch nichts. Frau Nang, der Kopf der Shrimps-Schwestern, sagt: "Ich möchte den Verbrauchern in Europa und in den USA erklären, was wir eigentlich tun. Und was wir unseren Arbeitern bisher geboten haben. Wir haben immer unser Bestes getan. Unsere Firmen jetzt zuzumachen, ist ungerecht, nur weil es vielleicht eine geringe Zahl von kleinen Fabriken gab, die Kinderarbeit zugelassen haben."

Dieser Beitrag lief am 25. Februar 2016 um 05:50 Uhr im Deutschlandfunk.

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