Proregierungsproteste in Teheran | Bildquelle: AFP

Vor dem Freitagsgebet Die Angst demonstriert mit

Stand: 05.01.2018 11:39 Uhr

Zahlreiche Polizisten in Kampfausrüstung sind in der iranischen Hauptstadt zu sehen - von Demonstranten bislang keine Spur. Viele haben Angst auf die Straße zu gehen, andere wollen sich nicht entmutigen lassen.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul, zzt. Teheran

Die Straße der Revolution im Zentrum Teherans am Donnerstagabend: Zahlreiche schwarzgekleidete Polizisten in Kampfausrüstung verkörpern auf einer Verkehrsinsel die Stärke des Staates. Einige Hundert Meter weiter auf dem Theaterplatz warten dutzende Motorradstreifen auf ihren Einsatz. Überall sind Polizisten in Zivil oder zumindest Männer, die sich entsprechend verhalten. Was fehlt, sind die Demonstranten.

In den sozialen Netzwerken finden sich keinerlei Hinweise auf den heutigen Versammlungsort. Auch am Platz der Revolution keine Spur von Revolte. In den vergangenen Tagen hätten sich viele Menschen an den Protesten beteiligt, sagt Shahab, der hier in einem Café arbeitet. Die Forderungen der Demonstranten seien zum Teil richtig: "Was die Regierung tun kann, um den Demonstranten entgegenzukommen, wäre zum Beispiel, die Ausgaben im Ausland zu senken. Das Geld könnte sie dann unter den Menschen verteilen. Außerdem muss die Korruption aufhören. Die Regierung muss den Menschen antworten."

Hat die Drohung gewirkt?

Doch wo sind diese Menschen heute? Hat die Drohung von Armeechef Abdolrahim Mussawi gewirkt, die Armee sei jederzeit bereit, die Proteste niederzuschlagen? Oder sind zumindest die Teheraner demonstrationsmüde geworden? Aus anderen Städten wurden Proteste mit mehreren Zehntausend Teilnehmern gemeldet, vor allem aus Ahwaz im Süden des Iran, wo es vorher keine Proteste gegeben hatte.

Plötzlich tut sich auch etwas in Teheran: Geländewagen der Polizei-Spezialeinheiten rasen aus einer Seitenstraße. Es folgen Mannschaftswagen, Gefangenentransporter, einige Krankenwagen und Dutzende Polizeimotorräder. Ziel ist offenbar die Straße der Freiheit. Zumindest kursieren im Internet später Videos, die von dort stammen sollen. Mehrere Hundert Demonstranten fordern den Rücktritt des Obersten Geistlichen Führers Ayatollah Ali Khamenei und Regimewechsel.

Proteste im Iran (Archivbild: 30. Dezember 2017) | Bildquelle: AP
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Ende Dezember protestierten Studenten in der Universität in Teheran gegen die Regierung. (Archivbild 30. Dezember 2017)

Per Messengerdienst in Verbindung

Die Polizei greift ein, treibt die Demonstranten auseinander, einzelne leisten Widerstand. Wie viele am Ende festgenommen werden, lässt sich nicht sagen. Geschäftsfrau Zarah hat die Proteste in den vergangenen Tagen mit Interesse verfolgt. Jetzt steht sie mit Freunden auf der Straße der Freiheit per Messengerdienst in Verbindung. "In Teheran haben die Menschen etwas Angst. Aber die jungen Leute bewegen sich in die verschiedenen Viertel. Indem sie die Versammlungsorte ständig ändern, wollen sie die Polizei austricksen", sagt sie.

Shahab, der in dem kleinen Café arbeitet, findet es auch richtig, gegen die Führung der Islamischen Republik und für mehr Freiheiten auf die Straße zu gehen. Was die Erfolgsaussichten der Proteste anbelangt, sei er aber skeptisch: "Die Versammlungen haben keinen Anführer, die Menschen protestieren aus eigenem Willen aber ohne starke Anführer. Auch deshalb sehe ich im Großen und Ganzen keine positive Perspektive für diese Proteste. Sie sind auch sehr chaotisch, man weiß gar nicht, was passiert", sagt er .

Nicht entmutigt

Geschäftsfrau Zarah will sich nicht entmutigen lassen. Und deshalb wohl auch zu erwarteten Protesten rund um das Freitagsgebet gehen: "Wenn Gott will, ja. Ich habe zwar Angst, werde aber dennoch teilnehmen. Ich werde keine Parolen rufen, aber zumindest als Statist mitlaufen. Wir werden sehen, was passiert", sagt sie.

Gebetsführer ist der Hardliner Ahmad Chatami. Er gilt als Erzfeind der Reformer um Präsident Hassan Rohani. Das Polizeiaufgebot dürfte abermals groß sein.

Proteste im Iran - Eindrücke aus Teheran
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
05.01.2018 08:31 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 05. Januar 2018 NDR Info um 09:08 Uhr sowie B5 aktuell (BR Hörfunk) um 10:02 und 11:35 Uhr.

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