Portraits der beiden Präsidenten von China und Taiwan. | Bildquelle: REUTERS

Annäherung an Taiwan China auf Schmusekurs?

Stand: 04.11.2015 16:30 Uhr

Ist China auf Schmusekurs mit dem ungeliebten Nachbarn Taiwan? Jedenfalls startet Peking eine neue diplomatische Offensive. Zum ersten Mal seit mehr als 60 Jahren soll es ein Spitzentreffen geben - zwischen den Präsidenten Ma und Xi.

Von Axel Dorloff, ARD-Hörfunkstudio Peking

Historisch, unerwartet, selbst für chinesische Staatsmedien war alles etwas überraschend. Die Bestätigung der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua kam jedenfalls erst zum Frühstück - da war die Nachricht schon ein paar Stunden auf dem Markt: Zum ersten Mal seit der Machtübernahme der Kommunisten 1949 in Peking treffen sich die politischen Führer von China und Taiwan, Staatspräsident Xi Jinping und sein Amtskollege Ma Ying Jeou.

"Beginn einer neuen Ära"

Das sei ein Durchbruch für die gegenseitigen Beziehungen, meint Jia Qingguo, Professor für Internationale Studien an der Peking-Universität. "Das ist der Beginn einer neuen Ära. Aber trotzdem: Kurzfristig sollten wir davon nicht zu viel erwarten. Der Handlungsrahmen der Beiden ist sehr begrenzt."

Seit der kommunistischen Revolution 1949 betrachtet China die Insel Taiwan als abtrünnige Provinz. Damals waren die nationalchinesischen Truppen nach Taiwan geflüchtet. Das offizielle Ziel der chinesischen Führung ist und bleibt die Wiedervereinigung - mit friedlichen oder militärischen Mitteln.

Zhang Zhijun, im Staatsrat zuständig für die Beziehungen zu Taiwan, betonte auch umgehend, das Treffen sei zwar ein pragmatischer Schritt - es stehe aber in vollem Einklang mit dem wichtigsten Prinzip für China: der Einheit der Volksrepublik. Die Zeichen zwischen China und Taiwan standen aber schon seit längerem auf Entspannung: seit 2008, als Ma Ying Jeou zum Präsidenten von Taiwan gewählt wurde.

Treffen am Samstag in Singapur

Das Spitzentreffen findet in Singapur statt, einem Staat, der mit beiden Seiten gut kann. Der 50-jährige Tan Shiping ist in Taiwan geboren und aufgewachsen. Er lebt und arbeitet aber heute in Peking, an der renommierten Tsinghua Universität. Er findet es nicht schlimm, dass das Treffen nicht in Taiwan selbst abgehalten wird. "Für die Taiwanesen ist das keine Degradierung oder Herabsetzung. Es ist besser, als hätte man sich auf dem chinesischen Festland in Xiamen getroffen. So ist es ein Kompromiss für beide Seiten."

Ein Demonstrant in Taiwan, der für die Unabhängkeit seines Landes protestiert | Bildquelle: AFP
galerie

Ein Demonstrant in Taiwan, der für die Unabhängkeit seines Landes protestiert.

Bislang weigerte sich die chinesische Seite strikt, den Präsidenten Taiwans zu treffen, um seine Regierung damit nicht zu legitimieren. Aber die Nationalpartei, die Kuomintang von Ma Ying Jeou, verfolgt eine pro-chinesische Politik. Deshalb ist sie der chinesischen Führung allemal lieber als die china-kritische Demokratische Fortschrittspartei DPP. Sie tritt in Taiwan traditionell für die Unabhängigkeit von China ein. Im Januar sind Wahlen in Taiwan. Von der DPP gibt es bereits den Vorwurf, dass China diese Wahlen mit dem geplanten Spitzentreffen zugunsten der Kuomintang beeinflussen möchte.

Viele von China überrascht

Für China ist es zumindest der nächste außenpolitische Schritt, der viele Beobachter überrascht. Am Montag erst fand der trilaterale Gipfel China-Japan-Südkorea statt, gefolgt von einer Reise des chinesischen Präsidenten nach Vietnam - ein Land, mit dem man eigentlich heftig über Besitzansprüche im Südchinesischen Meer streitet. Es ist eine regelrechte diplomatische Offensive aus Peking, die nicht wenige verwundert.

Erstes China-Taiwan-Spitzentreffen seit 1949
Axel Dorloff, ARD Peking
04.11.2015 15:42 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Dieser Beitrag lief am 30. November 2015 um 12:14 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

Darstellung: