Flüchtlinge in der Türkei | Bildquelle: Karin Senz

Syrische Flüchtlingskinder in der Türkei Besser Lernen in gemischten Klassen?

Stand: 24.11.2017 11:56 Uhr

Mehr als drei Millionen syrische Flüchtlinge leben in der Türkei, darunter viele Kinder. Um ihnen den Zugang zu Bildung zu ebnen, investiert die EU in zahlreiche Schulprojekte. Und die bergen Probleme, geben aber auch Grund zur Hoffnung,

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

"Ich Fatma. Freut mich sehr, Sie kennenzulernen", stellt sich das kleine syrische Mädchen auf Türkisch vor. Fatma geht in die erste Klasse der Grundschule von Kilis an der syrischen Grenze.

Als sie auf Türkisch gefragt wird, woher sie genau aus Syrien kommt, wird es zu kompliziert. Aber ein kleiner Junge neben ihr übersetzt. Auch er ist Syrer. "Sie kommt aus Aleppo", sagt er. Und dann erzählt Fatma doch auf Türkisch: "Ich gehe gern zur Schule. Ich mag die Zahlen, die Spiele und das Schreiben."

"Du lebst in unseren Herzen weiter", spricht die Lehrerin laut vor. Sie meint damit den Republikgründer Atatürk. Die Kinder sprechen nach.

Widerstand der Eltern

So lernen die Kleinen die Sprache - und die Liebe zur Türkei. Das gefällt nicht allen syrischen Eltern. Manche schicken ihre Kinder deshalb nicht auf türkische Schulen. Doch Schulen, die allein syrische Kinder besuchen, gibt es nur noch in einzelnen Flüchtlingslagern. Ziel der Türkei und der EU-geförderten Projekte ist es, die syrischen Kinder zu integrieren.

Eine türkische Mutter im Interview. | Bildquelle: Karin Senz
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Nicht alle türkischen Eltern sind über den gemeinsamen Unterricht glücklich

Eine Herkules-Aufgabe. In Kilis leben rund 100.000 Türken und noch mal so viele syrische Flüchtlinge. In den Schulklassen sitzen oft mehr syrische als türkische Kinder. Das kann nicht funktionieren, sagt eine Mutter: "Ich bin gegen gemischte Klassen. Sie sollen getrennt lernen,  beispielsweise in einer Früh- und einer Nachmittagsschicht. Unsere Kinder verstehen die syrischen Kinder sprachlich nicht, und deshalb freunden sie sich auch nur schwer an. Warum sollen die Lehrer so viel Zeit für die syrischen Schüler aufwenden? Zeit, die sie eigentlich für unsere Kinder nutzen könnten!"

Tatsächlich hat die kleine Sabiah noch keine syrischen Freunde gefunden. "Bei manchen Syrern versteh ich das Türkisch", sagt sie. "Arabisch bringen sie mir nicht bei. Ich weiß nur, dass sie von ihrem Zuhause geflohen sind - wegen der Bomben."

Karte Syrien mit Aleppo, Tall Rifat, Azaz und Türkei mit Kilis
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Im türkischen Kilis, nahe der türkischen Grenze, leben genauso viele Türken wie Syrer.

"Keine Einflussnahme durch türkische Ministerien"

Drei Milliarden Euro bekommt die Türkei von der EU für Flüchtlinge. Rund 650 Millionen davon fließen in Bildungsprojekte. Der EU-Botschafter in der Türkei Christian Berger ist in diesen Tagen bei vielen Projekteröffnungen in der Region dabei. Von politischen Spannungen merkt er bei seiner Arbeit nichts. "Die Zusammenarbeit mit den einzelnen Ministerien in der Türkei funktioniert sehr gut", betont er. "Es gibt keine Einflussnahme von irgendeiner Seite, keinerlei Probleme."

Die Probleme spielen sich auf anderer Ebene ab, erläutert hingegen die Lehrerin Pinar: "Ich wünsche mir von diesem EU-Projekt, dass mir ein Übersetzer zur Seite gestellt wird. Wenigstens mal eine Stunde am Tag. Und ich möchte auch mal mit den Eltern reden."

Türkische und syrische Eltern vor einer Schule | Bildquelle: Karin Senz
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Nicht nur Sprachprobleme: die Integration von syrischen Flüchtlingskindern in der Türkei

Fuat Oflas ist Rektor einer Schule in Osmaniye, die ebenfalls im Südosten der Türkei liegt. Auch die bekommt EU-Fördergelder. Sprachschwierigkeiten seien das eine, sagt der Rektor. Aber die Kinder haben noch mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Er erzählt von einer Schülerin: "Ihr Vater war in Syrien Richter. Hier arbeitet er als Altpapiersammler. Das hat mich selbst getroffen. Auch, weil sich das Mädchen dafür regelrecht geschämt hat."

Einer von Fuat Oflas´ syrischen Schülern ist der 15-Jährige Daniel. Er ist schon seit sechs Jahren in Osmaniye, spricht ziemlich gut Türkisch und fühlt sich integriert. "Ich will natürlich erstmal in der Türkei bleiben, weil ich die Schule noch abschließen und studieren will", berichtet er. "Würde ich jetzt sofort nach Syrien zurückkehren, könnte ich vermutlich erst einmal fünf oder sechs Jahre lang nicht zur Schule gehen. Aber nach dem Studium und ein paar Jahren Berufserfahrung hier muss ich einfach wieder nach Syrien zurück, denn wir sind es, die das Land nach dem Krieg beim Wiederaufbau braucht."

EU-Millionen für syrische Kinder - Flüchtlingshilfe in der Türkei
Karin Senz, ARD Istanbul
24.11.2017 09:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 24. November 2017 um 11:49 Uhr.

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