Provisorische Reparaturarbeiten in Aleppo nach einem Luftangriff | Bildquelle: AP

UN-Koordinator zur Lage in Syrien "Ins Gesicht gespuckt"

Stand: 21.11.2016 21:17 Uhr

Mehrfach wurden Krankenhäuser bombardiert, medizinische Helfer getötet: UN-Nothilfekoordinator O'Brien hat von katastrophalen Zuständen in Syrien gesprochen. UN-Recht werde "geradezu ins Gesicht gespuckt", sagte er im UN-Sicherheitsrat.

Von Kai Clement, ARD-Studio New York

Jedes Mal aufs Neue versucht UN-Nothilfechef Stephen O'Brien, das Ritual der Schuldzuweisungen im Sicherheitsrat zu durchbrechen. Er appelliert an gemeinsames Handeln, will dass die gegenseitige, nun schon jahrelang andauernde Blockade überwunden wird:

"Tatsache ist doch: Seit der Sicherheitsratsresolution vom Mai sind über 130 Angriffe auf medizinische Einrichtungen dokumentiert. Der syrische Krieg hat schon mehr als 750 medizinische Helfer getötet. Das ist eine widerliche und himmelschreiende Missachtung für deren speziellen geschützten Status. Damit wird auch Ihrer Resolution geradezu in Gesicht gespuckt."

Und damit auch dem Sicherheitsrat - dem mächtigsten UN-Gremium. Ins Gesicht gespuckt. O'Brien schaut über seine Halbbrille hinweg in die Runde. Ihm gegenüber sitzt der syrische UN-Botschafter, die Arme über der Brust verschränkt. Als Gast im Gremium wird er am Ende wieder eine seiner endlosen Reden halten, in der es vor allem um die Abwehr von Terroristen gehen wird und um Angriffe auf den Westen Aleppos, der von der syrischen Armee gehalten wird.

Zerstörte syrische Stadt Aleppo | Bildquelle: AFP
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Die zerstörte syrische Stadt Aleppo - eine Aufnahme vom 20. Oktober 2016.

Zahl der Eingeschlossenen verdoppelt

Vorerst aber muss er sich viel anhören, was er ganz überwiegend für falsch hält. So korrigiert der UN-Nothilfechef die Zahl der in Syrien belagerten und eingeschlossenen Menschen drastisch nach oben. Verdoppelt habe sie sich binnen nur eines halben Jahres auf jetzt fast eine Million.

Eine Million Menschen. Das wirft er - ohne sie namentlich zu nennen - vor allem der syrischen Regierung vor. "Verübt wird das in monströsem Ausmaß von genau dem Beteiligten, der doch ganz besonders seine eigenen Einwohner schützen sollte. Alle von ihnen. Auch diejenigen, die die Regierung und ihren Chef nicht mögen und ablehnen", sagt O'Brien.

Wenn der Sicherheitsrat nicht wenigstens dieses brutale Aushungern und Ausbomben beenden könne - ja warum sitze man dann überhaupt zusammen?

Zerstörte syrische Stadt Aleppo in Syrien | Bildquelle: REUTERS
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In Aleppo wird längst wieder gekämpft, keine Waffenpause hielt bislang.

"Ich versuchte, vom Balkon zu stürzen"

In der belagerten Stadt Madaya versuchten nun sogar schon Kinder, sich selbst das Leben zu nehmen, so schildert es US-Vertreterin Samantha Power. Omar zum Beispiel. Vater im Gefängnis, Mutter geflohen. "Ich versuchte, mich vom Balkon zu stürzen. Aber der war nicht hoch genug. Es gibt nichts zu essen", sagt Omar. "Man schneidet uns die Luft ab. Und ich vermisse meine Mutter. Dass sie mich morgens weckt." Für die US-Vertreterin sind das Assad-Regime und Russland gemeinsam mit ihren Verbündeten für diese Zerstörung verantwortlich.

Die letzte Feuerpause ist schon wieder Geschichte. Die Kampfhandlungen - nicht nur im Osten Aleppos, auch im westlichen Teil, der von Regierungstruppen gehalten wird - sind zu alter Brutalität zurückgekehrt.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Und der Sicherheitsrat? Der ist zurückgekehrt zu seinen Schuldzuweisungen. Auf Samantha Power folgt der russische Vertreter. Dem fehlen auch im sechsten Jahr des Krieges noch objektive Belege für die Attacken. Die syrische Armee würde Krankenhäuser angreifen? Ausgerechnet vor einer Sitzung des Sicherheitsrates? "Wenn wir alle Attacken zu Angriffen auf medizinischen Einrichtungen zusammen nehmen, dann ist man überrascht von der Anzahl. So viele Krankenhäuser hat es im Vorkriegs-Syrien nie gegeben", sagte er.

Da wird sich die Mitarbeiterin der Weltgesundheitsorganisation WHO für Syrien verwundert die Augen gerieben haben. Elisabeth Hoff ist per Video dem Sicherheitsrat zugeschaltet. Zwei Drittel des medizinischen Personals seien geflohen, berichtete sie zu Anfang. Allein im November seinen in Aleppo, Idlib und Hama elf Krankenhäuser angegriffen worden - teils mehrfach. Ihre Bilanz: Alle Bitten um Schutz träfen auf taube Ohren.

UN-Koordinator: Drastische Worte zur Lage in Syrien
K. Clement, ARD New York
21.11.2016 20:21 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. November 2016 um 22:15 Uhr.

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