Syrische Flüchtlingskinder schauen aus einem Zelt in einem Flüchtlingslager nahe der türkisch-syrischen Grenze.  | Bildquelle: REUTERS

Türkische Offensive gegen Kurden 5000 Menschen fliehen aus Afrin

Stand: 24.01.2018 11:25 Uhr

Die Türken rücken vor, die Kurden schlagen zurück - und mittendrin Hunderttausende Zivilisten. 5000 Menschen sind vor der türkischen Offensive bereits geflohen, Tausende können die Enklave Afrin jedoch nicht verlassen.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind rund 5000 Menschen vor der türkischen Militäroffensive auf die kurdische Enklave Afrin in Syrien geflohen. Die schwächsten der Betroffenen hätten allerdings zurückbleiben müssen, hieß es in einem UN-Bericht, der sich auf Quellen vor Ort stützt. Demnach steht die Organisation bereit, in der Region Afrin 50.000 Menschen zu versorgen.

Tausende Menschen, die vor den Gefechten zu fliehen versuchen, können nach Einschätzung der UN die Enklave nicht verlassen, die von beiden Kampfparteien abgeriegelt wird. Viele würden in Kellern oder Höhlen Zuflucht suchen, sagte ein Kurdensprecher aus Afrin.

Langwierige Gefechte wegen erbitterten Widerstands

Bei der Offensive zeichnen sich langwierige Gefechte ab. Die vorrückenden türkischen Truppen und verbündete Rebellen stoßen auf erbitterte Gegenwehr der Kurdenmiliz YPG, die nach eigenen Angaben ein Dorf und einen Hügel im Osten des Gebiets zurückeroberte. Hunderttausende Zivilisten saßen in der Enklave fest.

Afrin ist von drei Seiten von den türkischen Truppen umzingelt, nur aus dem Süden, der unter Kontrolle der syrischen Regierung steht, gelangen noch Menschen in die Region. Von unabhängiger Seite ist der Verlauf der Kämpfe deshalb kaum zu überprüfen. Auch Hilfsorganisationen haben keinen Zugang.

Tote bei Offensive

Bei den Gefechten sind nach türkischen Armeeangaben mindestens 260 Kämpfer von YPG sowie der Terrororganisation IS getötet worden. Die Operation gehe wie geplant voran, erklärten die Streitkräfte. Nach Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind bei der Offensive seit Samstag 27 Zivilisten getötet worden. Die meisten kamen demnach durch türkische Luftangriffe ums Leben. Der türkische Außenministers Mevlüt Cavusoglu bestätigte zudem den Tod eines zweiten Soldaten aus der Türkei.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan während der Beerdigung eines türkischen Soldaten. | Bildquelle: AP
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Der türkische Präsident Erdogan nahm an der Trauerfeier für den ersten gefallenen türkischen Soldaten teil. Er telefonierte anschließend noch mit den Präsidenten Frankreichs und Russlands, Macron und Putin.

Erdogan telefoniert mit Macron und Putin

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron äußerte sich in einem Telefonat mit seinem türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdogan besorgt über die Militäroffensive. Macron habe an die Notwendigkeit erinnert, gegen den IS und "alle anwesenden Dschihadisten-Kräfte" zu kämpfen, teilte der Pariser Élyséepalast mit. Zudem müssten "die notwendigen humanitären Bedingungen für die Zivilbevölkerung" sichergestellt und schließlich die Bedingungen für eine dauerhafte politische Lösung im Bürgerkriegsland Syrien begünstigt werden.

Erdogan telefonierte anschließend auch noch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die beiden Staatschefs hätten betont, die Krise solle auf der Grundlage des Erhalts der Souveränität und der territorialen Integrität Syriens beigelegt werden, teilte der Kreml mit. Sie hätten außerdem über die letzten Vorbereitungen für Syrien-Friedensgespräche gesprochen, die kommende Woche im russischen Sotschi stattfinden sollen.

Telefonat mit Trump steht noch aus

Am Mittwoch will Erdogan mit US-Präsident Donald Trump telefonisch über die Lage beraten. Die Türkei will eine 30 Kilometer breite Sicherheitszone in Afrin schaffen, Erdogan hat aber bereits Angriffe auf andere Kurden-Hochburgen in Syrien wie Manbidsch angekündigt.

Das türkische Militär hatte am Samstag eine Militäroperation begonnen, um die Kurdenmiliz YPG aus Afrin zu vertreiben. Diese ist eine der wichtigsten Stützen der USA im Kampf gegen den IS in Syrien und von Washington mit Waffen ausgerüstet worden. Die Türkei sieht die YPG als verlängerten Arm der als Terrororganisation verbotenen PKK.

Nach Schätzungen der UN halten sich noch 323.000 Menschen in den Kurdengebieten in und um Afrin auf. Fast die Hälfte von ihnen sei bereits aus anderen Teilen Syriens geflohen, hieß es. Anderen Schätzungen nach leben in Afrin sogar bis zu 800.000 Menschen.

Tod auf dem Schlachtfeld, Hoffnung in der Diplomatie
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
24.01.2018 13:37 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 23. Januar 2018 um 22:15 Uhr.

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