Mutmaßliches Giftgasopfer in Chan Scheichun | Bildquelle: REUTERS

Einschätzung zu Syrienkonferenz Sofortige Hilfe wäre wichtiger

Stand: 04.04.2017 15:41 Uhr

In Syrien wird ein Giftgasanschlag verübt und zeitgleich wird in Brüssel eine Konferenz zum Wiederaufbau des Landes abgehalten. Macht Letzteres so überhaupt Sinn? Die Lage in Syrien ist zum jetzigen Zeitpunkt noch viel zu nah am Krieg, um Zukunftspläne zu schmieden.

Von Volker Schwenck, ARD-Studio Kairo

Manche Bilder sind kaum zu ertragen, obwohl kein Tropfen Blut zu sehen ist. Leblose Frauen, Männer, Kinder liegen auf dem Boden. Ein vielleicht Zehnjähriger krümmt sich im Dreck, der kleine Körper von Krämpfen geschüttelt. Männer, die Kinder in ein Auto packen, tote Körper, äußerlich unversehrt, aber die Augen leblos. Es soll Sarin gewesen sein, sagt ein Arzt in einem der Internet-Videos, von denen wir nicht mit absoluter Sicherheit sagen können, was genau sie zeigen.

Unabhängige Beobachter gibt es keine in den Rebellengebieten im Nordwesten Syriens, die Informationen stammen von oppositionsnahe Quellen. Das syrische Regime setzte aber in der Vergangenheit mehrfach Giftgas gegen Zivilisten ein, genauso wie die Terrororganisation vom sogenannten Islamischen Staat. Zu diesem Ergebnis kam eine Untersuchung der Vereinten Nationen.

Welchen Sinn hat die Syrienkonferenz?

Und da denkt die internationale Gemeinschaft an den Wiederaufbau Syriens? Während der Krieg noch tobt in seiner beispiellosen Grausamkeit? Zunächst einmal muss es um mehr Hilfe gehen für die Menschen, die noch im Land sind. Eine Bevölkerung, die teils unter den mittelbaren Folgen des jahrelangen Krieges leidet, teils aber auch ganz direkt von IS-Terroristen, Dschihadisten, Rebellen oder schlicht der syrischen Armee belagert und ausgehungert wird.

Der Zugang zu diesen Menschen habe "wegen fortgesetzter Behinderungen durch alle Seiten" einen neuen Tiefpunkt erreicht, klagt der EU-Kommissar für humanitäre Hilfe, Christos Stylianides. Doch gebe es Gegenden in Syrien, in denen es relativ ruhig sei, heißt es von der deutschen Diakonie-Katastrophenhilfe. Da könne man mit dem Wiederaufbau jetzt schon beginnen, könnte beschädigte Schulen und Krankenhäuser wieder instandsetzen.

An Assad stört sich kaum einer mehr

Dass damit politisch Bashar al Assad gestärkt wird, scheint mittlerweile kaum noch eine Rolle zu spielen. Viele, auch europäische Regierungen, dürften sich längst damit abgefunden haben, dass Assad höchstwahrscheinlich an der Macht bleiben wird. Hauptsache der Albtraum in Syrien geht möglichst bald zu Ende. Hilfe wäre auch möglich und dringend nötig für Syriens unmittelbare Nachbarn - jene Länder, die mit Abstand am meisten syrische Flüchtlinge aufgenommen haben: die Türkei, Jordanien, der Libanon.

Wer dafür sorgt, dass Flüchtlinge und Einheimische dort gut miteinander auskommen, der verhindert, dass sich weitere Syrer in großer Zahl auf den Weg in den Westen machen. Denn seien wir ehrlich: Aus europäischer Sicht geht es politisch vor allem darum zu verhindern, dass wieder Hunderttausende Syrer nach Europa kommen.

Es ist gut und sinnvoll, dass so viele Länder jetzt schon an eine Zeit nach dem Krieg in Syrien denken und an die Frage, wie das Land wieder eine Heimstatt werden kann für Millionen Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Syrien wird internationale Aufbauhilfe dringend brauchen. Aber niemand weiß, wie lange der Krieg in Syrien noch dauern wird. Man darf begründete Zweifel haben, dass es mit einem Machthaber Assad an der Spitze überhaupt einen dauerhaften Frieden geben wird. Die sehnsüchtig erwartete Nachkriegszeit könnte noch etliche Jahre entfernt sein.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. April 2017 um 05:16 Uhr und die tagesschau am 04. April 2017 um 17:00 Uhr.

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