Zerstörte Straße in Damaskus | Bildquelle: dpa

Nach russischer Militär-Unterstützung Assads neue Stärke

Stand: 23.10.2015 15:48 Uhr

In Damaskus zeigen viereinhalb Jahre Krieg und Propaganda Wirkung. Kaum jemand unterscheidet zwischen gemäßigten Aufständischen und Dschihadisten. Assad scheint für viele alternativlos zu sein. Die Angst vor dem IS ist stärker als die vor dem Regime.

Von Martin Durm, ARD-Studio Kairo, z. Zt. Damaskus

Man sieht sie kaum. Winzige, glänzende Pfeile am Himmel - wie sollte man unterscheiden, ob da oben gerade ein syrischer oder ein russischer Kampfjet unterwegs ist. Oft donnern sie früh morgens über Damaskus hinweg, um hinter den Hügeln ihre Bombenlast abzuwerfen. Unten auf dem Parkplatz vor dem Hotel rühren zwei Wächter Zucker in ihre Teegläser und freuen sich an den Detonationen. Im nahe gelegenen Duma verschanzen sich die Rebellen.

"Ich würde jederzeit wieder für mein Land kämpfen"

Seit Ende September fliegt die russische Luftwaffe solche Angriffe, manchmal 50, manchmal bis zu 90 am Tag. Je nach Lage werden Rebellenstellungen in Idlib, bei Aleppo oder eben im Umland der syrischen Hauptstadt beschossen. Die russische Intervention hat das wankende Assad-Regime militärisch stabilisiert und aufgewertet.

Auch wenn es mit der westlichen Sichtweise auf diesen Konflikt nicht unbedingt übereinstimmt:  Es gibt viele in Damaskus, die Putins Eingreifen als Entlastung empfinden: "Russland war schon immer ein Freund Syriens", sagt ein älterer Mann in der Altstadt. "Jetzt steht uns Russland zur Seite. Ich bin 60 Jahre alt. Aber ich würde jederzeit für mein Land kämpfen", sagt er. "In meiner Familie sind schon fünf gefallen. Fünf Märtyrer haben wir: Mein Sohn Mohammed, zwei meiner Brüder und zwei Vettern."

Vor dem Gebäude der russischen Botschaft dankten Menschen der Regierung in Moskau für die militärische Unterstützung von Präsident Assad. | Bildquelle: dpa
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Kundgebung vor der russischen Botschaft am 13. Oktober: Menschen danken der Regierung in Moskau für die Unterstützung Assads.

Entscheidend ist oft auch der Ort, an dem man lebt

Die Damaszener, die sich jetzt bei Putin bedanken, sind nicht unbedingt glühende Anhänger des Assad-Regimes. Es sind auch die einfachen Leute, Händler, Handwerker, Arbeiter. Auf welcher Seite man in Kriegszeiten steht, entscheidet nicht immer die politische Haltung. Entscheidend ist oft auch der Ort, an dem man lebt. Die Bedrohung, der man ausgesetzt ist. Das Leid, das einem zustößt. "Schau", sagt der alte Mann und zeigt das zerknitterte Foto eines lachenden Jungen: "Das ist Mohammed, mein Sohn. Ein Märtyrer. Wir sind alle Opfer einer großen Verschwörung. Aber wir müssen den Terroristen widerstehen."

Dabei steht der IS nicht unmittelbar vor den Toren der Hauptstadt. Er beherrscht weite Wüstengebiete im Nordosten des Landes und Städte wie Raqqa, Palmyra, Deir al Sor. Assads Rumpfstaat hingegen wurde bislang von eher gemäßigten Rebellenmilizen bedrängt. In den vergangenen Monaten waren Milizen der Freien Syrischen Armee (FSA) bis an die Ränder von  Assads Heimatprovinz Latakia vorgestoßen und von Süden her kommend auch Damaskus näher gerückt.

"Wir danken Putin"

Die Existenz des Regimes war bedroht. Deshalb hat Putin in den Bürgerkrieg eingegriffen. Nicht um den IS aufzuhalten, sondern um den Sturz des Regimes zu verhindern. "Wir danken Russland, wir danken dem russischen Volk", brüllt einer auf der Straße ins Mikrofon. "Wir danken seinem großen Führer Putin."

In Damaskus haben viereinhalb Jahre Krieg und Kriegspropaganda ihre Wirkung getan. Wen man auch anspricht: Kaum jemand unterscheidet noch zwischen gemäßigten Aufständischen und Dschihadisten. Assad scheint jetzt für viele in der Hauptstadt alternativlos zu sein. Die Angst vor dem IS ist allgegenwärtig. Sie ist stärker als die vor dem Regime. Die Angst ist - neben Putin - Assads stärkster Verbündeter in diesem Krieg.

"Seit viereinhalb Jahren bedroht uns dieser Terror", sagt ein Händler im Souq von Damaskus. "Wie lange müssen wir das noch ertragen. Ich halte das nicht mehr aus."

Assads neue Stärke: Putin und die Angst vor dem IS
M. Durm, ARD Kairo
23.10.2015 15:24 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 23. Oktober 2015 um 12:12 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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