Vom Krieg zerstörter Straßenzug in der syrischen Stadt Aleppo. | Bildquelle: AFP

Situation in dem Bürgerkriegsland Syrien - weiter in Richtung Abgrund

Stand: 21.09.2015 20:55 Uhr

Es besteht wenig Aussicht, dass die Zahl der Flüchtlinge aus Syrien geringer wird. Denn der Zerfallsprozess des Landes und der Vormarsch islamistischer Gruppen schreitet voran. Syrien ist dabei, ein zweites Somalia zu werden.

Von Volker Schwenck, ARD Kairo

Mit Zahlen und Fakten zur Situation in Syrien ist Vorsicht geboten. Möglicherweise haben einige Geheimdienste tatsächlich verlässliche Informationen aus dem Bürgerkriegsland - doch wer als Journalist vor Ort unterwegs ist, steckt mittendrin im Nebel des Krieges: Übertriebene Erfolgsmeldungen, offensichtliche Falschinformationen, rasch wechselnde Namen und Allianzen von Rebellengruppen sorgen dafür, dass man schnell den Überblick verliert. Es ist eine Binsenweisheit, dass im Krieg die Wahrheit das erste Opfer ist.

Gerüchte über ungewöhnliche Koalitionen

Fahne der Terrormiliz Islamischer Staat | Bildquelle: REUTERS
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Gerüchten zufolge gibt es Überlegungen, dass Rebellen und Assads Truppen gemeinsam gegen den IS vorgehen könnten.

Beim letzten Besuch in der syrisch-türkischen Grenzregion erzählte uns ein Ex-Rebell etwas Unglaubliches: Mittlerweile würden sogar oppositionelle Kämpfer ganz leise und nur hinter vorgehaltener Hand darüber reden, ob es nicht besser sei, gemeinsam mit der syrischen Armee gegen die Terrormiliz IS vorzugehen. Wenn das tatsächlich stimmt, wäre es ein dramatischer Positionswechsel in dem bald fünfjährigen Morden und Schlachten in Syrien.

Offiziell will davon keiner etwas wissen, schon gar nicht die syrische Exil-Opposition in der Türkei, die unbeirrt Assads Abtreten fordert. Assads Regime sei die Wurzel allen Übels, mit ihm könne es keine Lösung geben.

Gesetzt den Fall Assad tritt ab - was dann? Ist die vom Westen gehegte Exil-Opposition, die nur leider in Syrien kaum eine Rolle spielt, wirklich in der Lage, das Vakuum zu füllen? Oder ist nicht viel wahrscheinlicher, dass die zahlreichen bewaffneten Gruppen, die gegen Assad kämpfen, nach ihrem vermeintlichen Sieg die Macht für sich beanspruchen werden?

Unklare Motive Russlands

Russland und die USA reden angesichts der Krise in Syrien wieder miteinander. US-Außenminister Kerry betont, nur eine politische Lösung könne dem Land dauerhaften Frieden bringen. Die russische Führung erhöht ihre militärische Präsenz in Syrien und versucht, sich als Teil der Anti-IS-Allianz zu präsentieren. Im Kern dürfte es Russland aber vor allem darum gehen, dem Verbündeten Assad eine Rolle in einem möglichen Nachkriegssyrien zu sichern, etwa an der Spitze einer Übergangsregierung - wenn die denn je zustande kommt.

Männer gehen durch eine mit Trümmern übersäte Straße in Aleppo (Syrien) | Bildquelle: REUTERS
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Aleppo ist weitgehend zerstört - nicht zuletzt durch Fassbomben von Assads Truppen.

Assad soll als der einzig wahre IS-Bekämpfer präsentiert werden, der er nie war. Denn als der IS immer größer wurde in Syrien, da ließ Assad Fassbomben auf Zivilisten in Aleppo regnen, die IS-Hauptstadt Al Raqqa jedoch verschonten seine Kampfjets weitgehend. Assad hat den IS vermutlich nicht erschaffen, wie ihm die Opposition gerne vorwirft. Aber solange der IS vor allem die Rebellen bekämpfte und schwächte, tat die syrische Führung wenig, um die Terrormiliz in die Schranken zu weisen.

Assads Truppen stark geschwächt

Bashar al-Assad | Bildquelle: dpa
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Syriens Machthaber Assad musste die Probleme seiner Truppen im Sommer einräumen.

Jetzt ist die Frage, ob das Assad-Regime dazu überhaupt noch in der Lage ist. Assads Truppen haben in den letzten Monaten empfindliche Niederlagen hinnehmen müssen. Assad musste Ende Juli erstmals öffentlich zugeben, was da längst schon jeder wusste: Die Armee hat Personalprobleme, kann die Verluste nicht ausgleichen, seit junge Männer auch aus Regime-kontrollierten Gebieten sich der Einberufung entziehen. Ohne die Unterstützung der libanesischen Hisbollah und durch Söldner aus Afghanistan hätte Assad noch größere Probleme.

Die syrische Armee gab Randregionen auf, um für das Regime wichtige Kerngebiete wie Damaskus und die Mittelmeerküste zu sichern. Assads Strategie, in allen Provinzen des Landes eine schlagkräftige Militärpräsenz aufrecht zu erhalten, ist vorerst gescheitert. In Hasaka im Nordosten haben wir mit eigenen Augen gesehen, wie diese Regime-Militärpräsenz aussieht: Ein paar hundert Regime-Soldaten bewachen leere und meist beschädigte Verwaltungsgebäude, die Herren in der Stadt sind aber die Kurdenmilizen.

Wenn Russland jetzt Panzer, Haubitzen und Flugzeuge nach Syrien verlegt, dann geht es vermutlich mehr um eine Verteidigungslinie für den unter Druck geratenen Verbündeten als um Vorbereitungen für eine Offensive. Assad kann den Krieg derzeit nicht gewinnen. Aber damit ist er nicht alleine: Keine der kämpfenden Parteien in Syrien ist dazu derzeit in der Lage.

Verhältnis zwischen IS und einigen Rebellengruppen unklar

Die Terrormiliz IS versucht, die Herrschaft in den von ihr besetzten Gebieten zu festigen und droht, sich nördlich von Aleppo weiter auszubreiten. Der IS hat ein Interesse an dem Gebiet zwischen Jarablus und Afrin: Die Kurden haben den IS aus kurdischen Siedlungsgebieten von Kobane bis zur irakischen Grenze vertrieben und damit wichtige Nachschubrouten für die Terrormiliz gekappt. Zudem wurden amerikanisch-türkische Pläne für eine IS-freie Schutzzone nördlich von Aleppo bekannt. Der IS will diese Pufferzone auf jeden Fall verhindern und zuvor das Land besetzen.

Kämpfer der Al-Nusra-Front in Syrien | Bildquelle: AFP
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Kämpfer der Al-Nusra-Front laufen zuweilen zum IS über.

Bleiben die Rebellen, allen voran die Al-Kaida Kämpfer der Al-Nusra-Front. Sie kämpfen oft an der Seite vermeintlich moderater Gruppen, das Verhältnis zum IS ist unklar. Al Nusra ist eine wichtige militärische Macht in Syrien. Häufig laufen Al-Nusra-Milizionäre zum IS über, wenn sie mit irgendetwas unzufrieden sind.

Neben Al Nusra und IS gibt es mittlerweile nur noch mehr oder weniger islamistisch orientierte Gruppierungen - sieht man von den Milizen der Kurden und Christen ab, die ganz eigene Pläne haben. Die säkulare Freie Syrische Armee spielt letztlich keine große Rolle mehr.

Westliche Versuche, syrische Rebellen für den Kampf gegen den IS auszubilden und auszurüsten, dürfen als weitgehend gescheitert gelten. Es soll nun ein zweiter Jahrgang von insgesamt 75 US-trainierten Rebellen in Aleppo angekommen sein. Von der 54 Mann starken ersten Gruppe waren zuletzt noch vier oder fünf Kämpfer aktiv. So wird es schwer, den IS zu besiegen.

Syrien als das neue Somalia, mit allen Folgen

Syrien ist längst dabei, ein neues Somalia zu werden, wo Terroristen, Milizen und ein rücksichtsloses Regime um Macht und Einfluss streiten und die Zivilbevölkerung terrorisieren. Auch Rebellen enthaupten mittlerweile ihre Gegner, berichten Augenzeugen. Der IS setzt immer barbarischere Tötungsarten in Szene und das Assad-Regime wirft Fassbomben auf Marktplätze und Krankenhäuser.

Nach der Wahrheit ist die Menschlichkeit das zweite Opfer im Krieg. Jüngst trafen wir an einer Bushaltestelle im türkischen Grenzort Kilis einen Öl-Ingenieur aus Deir Ez-Zor, einer Stadt in Syrien, die halb vom Regime, halb vom IS beherrscht wird. Der Ingenieur war vor den IS-Terroristen geflohen und wollte jetzt irgendwie nach Deutschland. Syrien sei erledigt, meinte er. Der Krieg werde noch 20 Jahre dauern. Die Menschen würden weiter fliehen. Leider scheint auch das nicht ausgeschlossen.

Reportage: Die Situation an der türkisch-syrischen Grenzen
tagesthemen 22:15 Uhr, 17.09.2015, Volker Schwenck, ARD Kairo

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