Hotelpool in Sharm El-Sheikh: Briten werden ausgeflogen, deutsche Urlauber bleiben | Bildquelle: REUTERS

Umgang mit Reisewarnungen Die einen am Pool, die anderen in Panik

Stand: 10.11.2015 06:00 Uhr

Während Briten aus Sharm El-Sheikh ausgeflogen werden, bleiben deutsche Urlauber vorerst im Land. Der Fall Sinai hat wieder gezeigt: Europäische Regierungen schätzen die Gefährdung ihrer Touristen im Ausland sehr unterschiedlich ein. Die Kriterien sind dabei nicht nachvollziehbar.

Von Lena Kampf, WDR

Die Bilder des Massakers im Hotel "Imperial Marhaba" in Tunesien gingen gerade um die Welt, da hatte Großbritannien die meisten Flüge in das Land bereits gestrichen. "Höchstwahrscheinlich" sei ein weiterer Terroranschlag gegen Briten, warnte der britische Außenminister Philip Hammond und sprach eine dringende Reisewarnung aus. Auch Dänemark und die Niederlande rieten ihren Bürgern, das Land zu meiden.

Doch während in den Tagen nach dem Anschlag am Strand bei Sousse mindestens 4000 britische, niederländische und belgische Touristen aus Tunesien evakuiert wurden, riet das Auswärtige Amt deutschen Urlaubern lediglich dazu "sich aktuell informiert zu halten". Für wen Tunesien nach dem Anschlag gefährlich geworden war, wer am Strand liegen blieb oder wer abreisen musste, war allein eine Frage der Staatsbürgerschaft.

Jedes Land entscheidet für sich selbst

Urlauber am Roten Meer in Sharm El-Sheikh (Ägypten) | Bildquelle: dpa
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Aus Sharm El-Sheikh wurden britische Touristen ausgeflogen.

Das Szenario wiederholte sich in diesen Tagen im ägyptischen Sharm El-Sheikh - es hat System. Jedes Land entscheidet für sich selbst, ob seine Staatsbürger gefährdet sind. Nicht einmal innerhalb Europas gibt es eine einheitliche Regelung. Zwar beharren die Außenministerien darauf, dass sie sich eng abstimmen. Warum sie aber dabei meist zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen, erklären sie nicht.

Im deutschen Bundestag und in der Reisebranche ist das Problem lange bekannt. Schon kurz nach Anbruch des Arabischen Frühlings wurde das Krisenmanagement des Auswärtigen Amts deutlich kritisiert: Andere Länder hatten für Ägypten unverzüglich Warnungen ausgesprochen, Deutschland aber zögerte. In einer nicht-öffentlichen Sitzung des Tourismus-Ausschusses des Bundestags kritisierten Oppositionspolitiker, dass die Öffentlichkeit "mindestens zwei, drei Tage zu lange im Nebel geblieben" sei.

Man habe keine Panik schüren wollen, rechtfertigte damals der zuständige Staatssekretär des Auswärtigen Amts im Ausschuss. Vonseiten der USA, sagte er, habe es sofort "Travel Warning" geheißen.

"Das ist immer Warnung, Warnung, Warnung. Die sagen sehr schnell: 'Leute, verlasst das Land.' Wir sagen das nicht."

Merkwürdige Situation beim Frühstück

Das führt allerdings zu merkwürdigen Situationen: "Den britischen Gästen wird beim Frühstück gesagt, dass sie noch am gleichen Tag ihr Hotel und das Reiseziel verlassen sollen, während zur gleichen Zeit deutsche oder österreichische Gäste weiterhin ihren Urlaub dort verbringen können", sagt Christian Schmincke vom Reiseveranstaler Thomas Cook. Die einen am Pool, die anderen in Panik.

Die Lage hat sich dadurch verschärft, dass heute international operierende Tourismus-Konzerne den Markt dominieren. Die TUI ist bei großen Krisen regelmäßig gezwungen, die Einschätzung jedes einzelnen Landes zu prüfen und entsprechend zu handeln. Innerhalb der Reisegruppen, an Flughäfen und auf Hotelfluren herrschen in solchen Fällen Irritation und Chaos.

Auswärtiges Amt warnt nur im Ausnahmefall

"Reise- und Sicherheitshinweise" nennt das Auswärtige Amt die Informationen, die es auf seiner Webseite über Destinationen zur Verfügung stellt. Eine "Reisewarnung" spricht das Auswärtige Amt nur in Ausnahmefällen aus und bisher nur für Länder oder Regionen wie Somalia und den Südsudan - keine typischen Reiseziele für deutsche Touristen.

Reisewarnung des Auswärtigen Amts
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Das Auswärtige Amt ist mit Reisewarnung eher vorsichtig.

Der Professor für Reiserecht, Ernst Führich, sieht einen "seltsamen Nationalchauvinismus": Das Auswärtige Amt spreche immer erst dann Warnungen aus, wenn Deutsche Opfer geworden sind, wie beim Anschlag in Djerba 2002. "Dass sich Länder nur für ihre eigenen Leute verantwortlich fühlen und in der EU unterschiedliche Reisewarnungen aussprechen, ist nicht mehr zu rechtfertigen", meint er. Das Verfahren ist umso unverständlicher, als dass gemeinsame Einschätzungen der Sicherheitslage innerhalb Europas an vielen Stellen längst Standard sind. Geheimdienste und Polizeien koopieren eng, zudem gibt es einen Gemeinsamen Europäischen Auswärtigen Dienst.

Hartnäckige Spekulation über das Warum?

An dem Dilemma hat das nichts geändert. Weil sich die Außenministerien weigern, die Kriterien für seine Lageeinschätzung offenzulegen, halten sich hartnäckige Spekulationen: Stehen die Interessen großer Reiseveranstalter im Vordergrund, denen daran liegt, in bestimmten Ländern ihre Betten voll zu bekommen? Gibt es politische Rücksichtsnahme? Oder haben die Wirtschaftsbeziehungen mit den betroffenen Ländern Einfluss auf die Deutlichkeit der Hinweise?

Die "Sicherheit deutscher Staatsbürger im Ausland" sei das "allein entscheidende Kriterium bei der Festlegung einer Reisewarnung", betont das Auswärtige Amt. Reisewarnungen seien kein politisches Instrument, wirtschaftliche und außenwirtschaftliche Erwägungen spielten keine Rolle.

Aus Sharm El-Sheikh werden seit vergangener Woche rund 20.000 britischen Touristen ausgeflogen, nachdem Ende Oktober eine russische Maschine kurz nach dem Start über dem Sinai abgestürzt war. Als Ursache wird ein terroristischer Bombenangriff diskutiert. Bisher gibt es seitens des Auswärtigen Amts für Deutsche keine verschärfte Gefahreneinschätzung. Momentan halten sich etwa 2000 Deutsche in Sharm El-Sheikh auf - und werden vorerst auch noch dort bleiben.

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