Sergej Skripal und seine Tochter Julia

Vorwürfe gegen Russland Skripals offenbar jahrelang ausgespäht

Stand: 13.04.2018 16:49 Uhr

Russland hat offenbar mindestens fünf Jahre lang den Ex-Spion Skripal und dessen Tochter ausspioniert. Das geht aus einem Brief des britischen Sicherheitsberaters Sedwill an NATO-Generalsekretär Stoltenberg hervor.

Russische Geheimdienste haben den früheren Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter nach britischer Darstellung vor dem Giftanschlag von Salisbury mehr als fünf Jahre lang ausspioniert. "Nach unseren Informationen reicht das Interesse der russischen Geheimdienste an den Skripals mindestens in das Jahr 2013 zurück", schrieb der Nationale Sicherheitsberater Mark Sedwill in einem Brief an NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Damals seien E-Mail-Konten von Julia Skripal im Visier von Cyberexperten des russischen Militärgeheimdienstes GRU gewesen. Zudem sei es sehr wahrscheinlich, dass russische Geheimdienste zumindest manche Überläufer als legitime Attentatsziele betrachteten. Der russische Botschafter in London zeigte sich von der Darstellung überrascht. "Wenn wirklich jemand spionierte, warum haben sich die britischen Dienste nicht darüber beschwert?", sagte Alexander Jakowenko.

Der nationale Sicherheitsberater der britischen Regierung, Mark Sedwill | Bildquelle: AFP
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In dem Brief an Stoltenberg fasst Sedwill die Erkenntnisse der britischen Sicherheitsbehörden zusammen.

Julia Skripal | Bildquelle: AP
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Die E-Mails von Julia Skripal sollen seit 2013 vom Geheimdienst GRU überwacht worden sein-

Codewort "FOLIANT"

Der frühere russische Agent Skripal lebt seit 2010 in Großbritannien. Am 4. März waren er und seine Tochter in der südenglischen Stadt Salisbury vergiftet worden. Die 33-jährige Julia Skripal wurde inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen. Ihr Vater ist noch im Krankenhaus, seine Genesung macht aber nach britischen Angaben Fortschritte.

Die britischen Behörden gehen davon aus, dass bei der Tat ein Nervengift der Nowitschok-Gruppe aus sowjetischer Produktion zum Einsatz kam. London vermutet die russische Regierung hinter dem Anschlag auf den Ex-Spion und seine Tochter. Moskau weist jede Verantwortung zurück.

In Sedwills Schreiben, das auf einer Website der britischen Regierung veröffentlicht wurde, heißt es weiter, Russland verfüge über die "technischen Mittel, die Einsatzerfahrung und ein Motiv für den Angriff auf die Skripals". Es sei "höchst wahrscheinlich", dass der russische Staat für den Anschlag verantwortlich sei. Laut glaubwürdigen offenen und Geheimdienstquellen habe die Sowjetunion in den achtziger Jahren Gifte der Nowitschok-Gruppe auf einem Stützpunkt bei Wolgograd entwickelt. Das "Codewort für das offensive Chemiewaffenprogramm (zu dem Nowitschok zählte) war FOLIANT".

Als Russland 1993 dann der Chemiewaffenkonvention beigetreten sei, seien "wahrscheinlich" geringe Mengen des Gifts dem russischen Militär überlassen worden, schrieb Sedwill. In den Jahren nach 2000 seien in Russland Armeeangehörige darin ausgebildet worden, diese Waffen zu nutzen, darunter auch durch den Einsatz auf Türklinken. Die höchste Konzentration des Gifts wurde laut britischen Ermittlern an der Haustür Sergej Skripals gefunden.

Polizistinnen vor dem Wohnhaus von Sergej Skripal in Salisbury (Archivbild). | Bildquelle: REUTERS
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Polizistinnen vor dem Wohnhaus von Sergej Skripal in Salisbury (Archivbild).

EU-Botschafter zurück in Moskau

Der Fall löste eine diplomatische Krise zwischen Russland und Großbritannien sowie zahlreichen weiteren westlichen Staaten aus. Viele westliche Staaten wiesen russische Diplomaten aus, worauf Russland ebenfalls mit Ausweisungen reagierte. Die EU hatte vor drei Wochen beschlossen, ihren Russland-Botschafter Markus Ederer aus Protest gegen die Politik des Kremlchefs Wladimir Putin vorübergehend zurück nach Brüssel zu holen. Am Donnerstag schickte sie Ederer zurück nach Moskau.

Unabhängige Experten der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) hatten am Donnerstag die britischen Ermittlungsergebnisse im Fall Skripal bestätigt. In ihrem veröffentlichten Kurzbericht benannten sie aber weder die Substanz noch deren Herkunft. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte, der neue Bericht stärke nicht den Standpunkt Großbritanniens, dass Russland hinter dem Angriff stecke.

Nervengift Nowitschok

Die Sowjetunion hat unter der Bezeichnung Nowitschok (zu deutsch Neuling) zwischen den 1970er- und 1980er-Jahren eine Serie neuartiger Nervenkampfstoffe entwickelt. Die rund 100 Varianten gehören zu den tödlichsten Nervenkampfstoffen, die jemals hergestellt wurden. Sie können über die Haut und die Atmung in den Körper gelangen.

Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen sind gering. Selbst übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten. Die englische Schreibweise der Kampfstoffe lautet Novichok.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. April 2018 um 17:00 Uhr.

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