Flaggen Großbritannien, EU und Schottland | Bildquelle: AFP

Schottische Wirtschaft Bereit für die Unabhängigkeit?

Stand: 17.03.2017 15:05 Uhr

Die schottische Ministerpräsidentin Sturgeon will ihre Landsleute erneut über die Unabhängigkeit abstimmen lassen - kurz vor dem Brexit. Aber wäre die Wirtschaft stark genug? Und wie steht es um die Staatsfinanzen?

Von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

Wird "Flowers of Scotland" bald nicht nur die inoffizielle, sondern die offizielle Hymne eines unabhängigen Schottlands? Diese Aussicht schreckt den schottischen Unternehmer Kevin Hague. Er betreibt von Livingston aus zwei Online-Shops: einen für Haustier-Bedarf, einen für Garten-Liebhaber. Hague hat wenig Appetit auf ein neues Unabhängigkeitsreferendum, wie er im BBC Radio erzählt: "Wollen wir wirklich jetzt noch mehr Unsicherheit auslösen, wo unsere Zukunft wegen des Brexit eh schon unsicher ist? Das erscheint mir - weder als Unternehmer noch als schottischer Bürger - besonders vernünftig."

Die schottische Wirtschaft, das ist: Öl und Gas, Whisky und landwirtschaftliche Produkte, Computerspiele und Tourismus. Hague rechnet vor, dass fast zwei Drittel der schottischen Exporte in den Rest Großbritanniens gehen und nur rund 15 Prozent in die EU. Wenn er also wählen müsste zwischen dem britischen und dem europäischen Binnenmarkt, würde er sich für die Insel entscheiden.

Schottland im Binnenmarkt, England draußen?

Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon möchte ein unabhängiges Schottland wenn schon nicht in der EU, dann zumindest im Binnenmarkt halten. Das begrüßt Elizabeth Carnahan von der Firma "gracefruit", die ihren Sitz in Longcroft hat und Kosmetika vertreibt. Sie hat beim Referendum 2014 noch gegen die schottische Unabhängigkeit gestimmt - würde aber jetzt, wegen des Brexit, umschwenken. Zumal sie viel in andere EU-Staaten exportiert.

Schottland im Binnenmarkt, das benachbarte England draußen: Der Nachteil wäre eine harte Grenze. Der Vorteil wäre, dass Edinburgh etwa Banken aus London anlocken könnte. Wie prall die Staatskasse eines unabhängigen Schottlands gefüllt wäre, hinge jedoch vor allem vom Wohlergehen der Öl- und Gasförderung in der Nordsee ab. Da der Ölpreis seit 2014 deutlich gefallen ist, haben Volkswirte ausgerechnet, dass das schottische Haushaltsdefizit im vergangenen Budget-Jahr bei fast zehn Prozent lag.

Steuern erhöhen oder sparen

Darauf verweist auch Paul Johnson vom Institute for Fiscal Studies. Edinburgh profitiere bisher von finanziellen Transfers aus London, sagt er. Denn Schottland habe pro Kopf niedrigere Einnahmen, aber höhere Ausgaben als Großbritannien - müsste also, nach einer Unabhängigkeit, entweder Steuern erhöhen oder sparen.

Bei einer Loslösung vom Vereinigten Königreich wäre vieles zu klären: Welche Summe der britischen Staatsschulden müsste ein unabhängiges Schottland schultern? Welcher Anteil am Öl und Gas in der Nordsee stünde ihm zu? Und womit würden die Schotten bezahlen - weiter mit dem Pfund, mit dem Euro oder mit einer eigenen Währung? Auch eine britisch-schottische Scheidung wäre also kompliziert.

Schottische Wirtschaft: bereit für die Unabhängigkeit?
S. Pieper, ARD London
17.03.2017 14:23 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. März 2017 um 12:50 Uhr

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